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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Extrembergsteigen Am Ende der Welt

 ·  Die Extrem-Alpinisten Simone Moro und Denis Urubko wollen als erste Menschen den Nanga Parbat im Winter besteigen. Falls es schiefgeht, wird ihnen niemand helfen können.

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© Cory Richards/The North Face Winter im Karakorum: Simone Moro beim Aufstieg

Der italienische Extrembergsteiger Simone Moro (44) und der Kasache Denis Urubko (38) brechen am 26. Dezember zum Nanga Parbat auf. Gelingt die gefährliche Expedition, winkt ein historischer Erfolg. Im Winter stand noch kein Mensch auf dem 8125 Meter hohen Achttausender. Moro und Urubko sind erfahrene Winterkletterer. Im Februar 2009 gelang ihnen die erste Winterbesteigung des Makalu (8485 Meter), im Februar 2011 erreichten sie mit dem Amerikaner Cory Richards als Erste im Winter den Gipfel des Gasherbrum II (8034 Meter).

Über welche Route wollen Sie auf den Nanga Parbat?

Simone Moro: Über die Diamir-Seite und die Kinshofer-Route. Wir sind aber offen für andere Aufstiegsvarianten. Das entscheiden wir vor Ort, wenn wir die Verhältnisse am Berg einsehen können.

Es werden sich im Winter kaum Träger für dieses Vorhaben finden. Wie kommen Sie ins Basislager?

Denis Urubko: Berechtigte Frage. Ursprünglich wollten wir ja nicht zum Nanga Parbat, sondern zum Broad Peak aufbrechen, hätten aber, um ins Basislager zu gelangen, einen Helikopter gebraucht. Aber die pakistanische Armee hat die Flugkosten um über 300 Prozent, auf 8800 Dollar pro Stunde, erhöht. So viel Geld für einen Berg auszugeben, das ist nicht unser Stil. Daher mussten wir unser Ziel ändern. Den Nanga Parbat kann man ohne Fremdhilfe erreichen. Über einen mehrstündigen Anmarsch von Tato aus, dem Ort, an dem die von Reinhold Messner erbaute Schule steht, kommt man auch im Winter relativ gut zu Fuß ins Basislager.

Wurden vorab Depots für Sie angelegt?

Moro: Nein, es gibt keine Depots. Es sind keine Essensvorräte oder Material für uns vergraben, falls Sie das meinen. Was wir brauchen, tragen wir selbst zum Berg.

Urubko: Allerdings unterstützten uns Einheimische vorab, indem sie uns eine Art Lawinenschutz bauten. Eine Steinmauer steht im Basislager, hinter der wir unser Zelt aufstellen.

Werden Sie Zusatzsauerstoff dabeihaben?

Moro: Nein. Am Nanga Parbat herrschen, zumindest im Basislager, humane Bedingungen. Das Basecamp liegt relativ niedrig auf 4000 Metern. Das ist ein Vorteil. Wir können uns dort in Ruhe gut akklimatisieren.

Auch kein Sauerstoff für den Ernstfall?

Moro: Nein. Wir gehen ohne Sauerstoff.

Ist die Winterbesteigung eines Achttausenders nicht russisches Roulette?

Urubko: Es ist sicher gefährlicher als eine Besteigung während der Sommermonate. Fehler werden im Winter nicht verziehen. Korrekturen gibt es nicht. Du bekommst nur eine Chance. Daher muss man am Berg sehr klar sein und präzise entscheiden. Wenn wir entsprechend akklimatisiert sind, alle Vorbereitungen getroffen haben und der Wetterbericht brauchbar wird, geht es los. Warten oder langes Abwägen ist nicht drin. Wir müssen uns unheimlich fokussieren.

Temperaturen um die minus vierzig Grad und heftige Winde erwarten Sie. Wie schützt man sich gegen diese Eiseskälte?

Urubko: Das größte Problem ist vordergründig nicht die Kälte, sondern die Höhe. Um warm zu bleiben, braucht man in erster Linie viel Luft. Der menschliche Körper funktioniert ja wie ein Ofen. Hat er zu wenig Luft, geht die Flamme aus. Unser Körper muss sich daran gewöhnen, in der Höhe mit weniger Sauerstoff auszukommen und dabei trotzdem halbwegs warm zu bleiben. Eine gute Akklimatisation ist daher entscheidend. Wir werden bis in eine Höhe von 6500 Metern mehrmals auf- und absteigen. Und natürlich haben wir entsprechende Ausrüstung dabei: gute Daunenkombis, warme Schuhe und Schlafsäcke, dicke Handschuhe. Wir brechen ja nicht zum ersten Mal im Winter auf einen Achttausender auf.

Moro: Also, falls Sie glauben, es hätte eine Ausrüsterfirma eigens etwas Besonderes für uns entwickelt, muss ich Sie enttäuschen. Wir haben keine Prototypen dabei. Wir tragen nichts anderes als die übliche Expeditions-Ausrüstung. Alles, was wir am Körper tragen, kann man theoretisch auch im Sportladen bei Ihnen um die Ecke kaufen.

Sie können an einem Achttausender im Winter auf keinerlei Hilfe hoffen, falls Sie in Schwierigkeiten kommen sollten. Wie gehen Sie mit dem Gefühl der absoluten Ausgesetztheit um?

Urubko: In der Tat, wir sind zu zweit am Ende der Welt, völlig isoliert und ohne Rückhalt oder doppelten Boden. Aber wir sind mental bereit dafür.

Moro: Wenn du im Winter zum Nanga Parbat aufbrichst, nur um berühmt zu werden, dann garantiere ich, dass du nach zehn Tagen im Zelt wieder abhaust. Es ist saukalt, sehr gefährlich, zu Hause warten die Kinder, die Ehefrau, es hält dich eigentlich nichts an so einem menschenfeindlichen Ort. Wenn deine Motivation aber weit über dein Ego hinausgeht, du das Abenteuer bewusst suchst und Neuland betreten möchtest, dann kommst du auch mit der Isolation klar.

Lieben Sie das Risiko?

Urubko: Gewissermaßen ja, wobei ich das erklären möchte. Wenn du völlig auf dich allein gestellt und exponiert bist, dir niemand helfen kann, schärft das den Blick für die Sache ungemein. Derart fokussiert zu sein ist ein gutes Gefühl.

Moro: Wir fahren nicht zum Nanga Parbat, um dort zu sterben. Wenn es zu gefährlich wird, kehren wir um. Auch 50 Meter unter dem Gipfel. Unsere Expedition ist kein Selbstmordkommando.

Am Gasherbrum II letzten Winter wurden Sie beide von einer Lawine erfasst.

Moro: 44 Expeditionen habe ich bisher unternommen. Jede dauerte an die zwei Monate. Das sind ganze zehn Jahre meines Lebens, die ich im Himalaja unterwegs war. Ich wurde in zehn Jahren nur einmal von einer Lawine erfasst. Wenn ich mich in München am Stachus zehn Jahre lang an den Straßenrand stelle, bin ich mir sicher, dass mich nicht nur einmal ein Auto erfasst und umfährt.

Wie trainieren Sie vor einer solchen Expedition?

Moro: Ich trainiere ganzjährig, höre nie auf. Und sogar heute, an einem Ruhetag mit Terminen in München, sind Denis und ich morgens 21 Kilometer durch den Englischen Garten gelaufen. Ich liebe das Training. Über die vielen Jahre ist das wie ein Job geworden. Wenn andere ins Büro gehen, trainieren wir.

Ist das tagelange Warten auf brauchbares Wetter im Zelt nicht ein Martyrium?

Moro: Wir profitieren vom Fortschritt. Zu Zeiten eines Hermann Buhl war das sicher hart. Der konnte ein Buch lesen oder sich mit einem Kollegen unterhalten. Heute ist das anders. Über ein Satellitentelefon kann ich jederzeit mit meiner Familie sprechen. Im Basislager kann ich Musik hören, oder, wenn die Internetverbindung steht, über Skype sogar meine Familie sehen oder mir auf einem kleinen Laptop einen Film anschauen. Gefühlt sind wir also weniger isoliert. Die Satellitenverbindung hilft uns sicher auf der emotionalen Ebene. Aber auf dem Gipfel des Nanga Parbat können wir trotzdem niemanden um Hilfe rufen. Wir könnten zwar telefonieren, aber wen sollten wir anrufen? Es hilft uns keiner!

Ist der Reiz einer Wintererstbesteigung, dass Ihnen - das Gelingen vorausgesetzt - ein historischer Erfolg winkt?

Moro: Mein Antrieb war und ist das Abenteuer, der Pioniergeist. Ich will im Alpinismus Neuland betreten. Wenn ich dabei etwas erreichen kann, was noch niemandem vor mir gelungen ist, ist das gut. Aber mein Antrieb ist es nicht, besser zu sein als ein anderer. Ich betreibe keinen Wettkampf. Bergsteiger wie Buhl und Messner haben mich inspiriert. Die Art, wie sie neue Maßstäbe gesetzt und die Grenzen verschoben haben. Aber ich bin kein Sammler von Gipfeln. Man kann Briefmarken oder Kunst sammeln, aber nicht Erfolge am Berg. Das wäre ein ziemlich gefährliches Hobby.

Urubko: Ich bin ein Sportsmann, der im sowjetischen System aufgewachsen ist. Bereits in meiner Jugend wollte ich im Sport schneller oder besser sein als andere. Insofern bin ich nicht ganz frei vom Wettkampfgedanken. Aber ich stimme mit Simone zu 100 Prozent überein. Ich gehe nicht zum Nanga Parbat, um der Erste zu sein. Das ist nicht meine Motivation. Wenn es gelingt, freue ich mich umso mehr. Dann haben wir etwas richtig gemacht. Und dann ist es auch historisch.

Moro: Ich will beweisen, auch den jungen Bergsteigern dieser Welt, dass es nach wie vor Raum und Zeit für alpinistische Träume gibt. Je größer allerdings das Ziel, umso intensiver muss auch die Vorbereitung sein. Olympiasieger wirst du ja schließlich auch nicht über Nacht.

Wer im Winter an einem Achttausender erfolgreich sein will, muss schnell, also leicht, unterwegs sein. Was haben Sie am Gipfeltag im Rucksack?

Urubko: Am Gipfeltag gehen wir ohne Rucksack. Alles, was wir dann brauchen, ist am Mann oder in den Jackentaschen verstaut.

Für das Gipfelfoto: Funktionieren Kameras bei diesen Temperaturen noch?

Moro: Solange du frische Batterien hast, ja. Du musst sie aber immer brav am Körper tragen. Die Kamera muss geschützt werden wie eine dritte Hand.

Wie entstehen Fotos vom Gipfel? Handschuhe ausziehen, Erfrierungen in Kauf nehmen?

Urubko: Die Daunenhandschuhe müssen weg, aber wir tragen noch Windstopper-Handschuhe darunter. Und dann musst du schnell sein.

Sie brechen am 26. Dezember auf. Sind Sie unterm Weihnachtsbaum mit den Gedanken bereits am Nanga Parbat?

Moro: Nein, wir feiern beide ganz intim mit unseren Familien und Kindern Weihnachten. Mit allem Drum und Dran. Und am 26. Dezember legen wir dann einen Schalter um.

Der Nanga Parbat

Der in der Provinz Gilgit-Baltistan gelegene Nanga Parbat ist 8125 Meter hoch und damit der neunthöchste Berg der Erde. Das Nanga-Parbat-Massiv gilt nicht nur als die größte sichtbare, freistehende Massenerhebung des Planeten, sondern kann mit der 4500 Meter hohen Rupal-Flanke auch die höchste Gebirgswand der Erde aufweisen. Erstbestiegen wurde der Berg 1953 vom Österreicher Hermann Buhl. Bisher verunglückten 68 Menschen am Nanga Parbat. Er gilt als einer der am schwersten zu besteigenden Achttausender. Alle Versuche, ihn im Winter zu besteigen, scheiterten bisher.

Quelle: F.A.S., das Gespräch führte Johanna Stöckl.
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