Home
http://www.faz.net/-gu7-7704y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Extrem-Skifahrer Lächelnd in den Abgrund

Imposante Pisten, schwerelose Auftritte: Die Freerider Fabio Studer und Markus Eder verwandeln das Extrem-Skifahren in einen Luftsport.

© AFP Vergrößern Waghalsige Sprünge: Der Österreicher Fabio Studer beherrscht das Skifahren in Perfektion

Wenn man in den Abgrund springt, sollte man es mit einem Lächeln tun. So wie Fabio Studer. Er steht auf einem Gipfel oberhalb von Zermatt, unter ihm eine Piste, nein, keine Piste: ein Tiefschnee-Abhang mit Felsformationen rechts und links. Unten, die vielen winzigen Punkte, das sind die Zuschauer. Ihnen, den Fotografen und den Kamerateams soll Studer möglichst Spektakuläres bieten, und nebenbei will er seinen Gegner aus den Vereinigten Staaten besiegen, der nach ihm am Start steht.

Michael Eder Folgen:  

Beim „Swatch Skiers Cup“ treten acht amerikanische und acht europäische Extrem-Freerider in einem Kontinentalwettkampf gegeneinander an, es sind die besten Freerider der Welt. Gewertet wird die Linie, die sie fahren, die Sprünge, die sie wagen, der „Style“, den sie zeigen, die Eleganz und Leichtigkeit, mit der sie den Hang bezwingen.

Mehr zum Thema

Fabio Studer stammt aus dem Montafon in Österreich, er ist 26 Jahre alt und noch nicht lange im Kreis der Elite seiner Sportart. Aber er ist einer jener jungen Fahrer, die dabei sind, die Freeride-Szene umzukrempeln, ihr eine neue Richtung zu geben. In Zermatt haben sich die Fahrer vor ihm, alles erfahrene Kämpen, an der Mitte des Hanges orientiert, sind mehr oder weniger unfallfrei über Klippen und die ins Gelände modellierten Schanzen gesprungen. Die Zuschauer hatten ihnen zugejubelt, es war grandios, was die Fahrer boten. Doch nun kommt Studer. Und alles wird anders.

Der Vorarlberger springt in den Abgrund. Rückwärts. „Switch“ nennen das die Freestyler. Sein erster Trick ist ein „Switch 540“, rückwärts anfahren, abspringen, anderthalb Umdrehungen, vorwärts im Steilhang landen. Dann zieht Studer weit nach links in Richtung Felsen. Bei der Besichtigung des Hanges hatte er dort tags zuvor ein Couloir ausgemacht, eine Felsrinne, extrem steil, zwei Meter breit im oberen Teil, vielleicht fünfzig Meter lang. „Ich hatte gehofft, dass dort keiner fahren würde, bis ich drankam“, sagt er. Und tatsächlich hatte es keiner gewagt, Studer ist der Erste und er bleibt der Einzige, der sich in die Rinne wagt.

Traumhaft sicher durch das Couloir

Was er in seinem Lauf bietet, ist der einsame Höhepunkt eines Freeride-Wettkampfes auf höchstem Niveau. Traumhaft sicher schlängelt er sich durch das Couloir, springt über einen Felsvorsprung zurück in den Hang, malt ein paar fließende Schwünge in den Schnee und beendet seinen Lauf mit einem makellosen „Cork 720“, einem gedrehten Doppelsalto über eine der Riesenschanzen am Ende des Steilhangs. Was für eine Vorstellung! Vielleicht das Beste, was man je in einem Backcountry-Slopestyle-Wettbewerb gesehen hat, die Zuschauer sind sich einig in ehrfürchtiger Begeisterung. So schwer und extrem die Piste, so schwerelos und federleicht der Auftritt. „Wow“, sagt der Schwede Kaj Zackrisson, Teamchef der europäischen Mannschaft. „Fabio hat wirklich einen unglaublichen Style.“ Und der Österreicher war nicht der Einzige, der beim 21:11-Sieg des Teams Europa einen Blick in die Zukunft des Extrem-Skifahrens bot.

Bild Extrem-Ski © Peter Mathis Vergrößern Auf eigene Gefahr: Die Piste beginnt für den Freerider dort, wo sie für den Hobby-Skifahrer endet

Der zweite Überflieger der Szene kommt aus Südtirol und ist erst 22 Jahre alt, er könnte fast der Sohn von Zackrisson sein, der in diesem Jahr vierzig Jahre alt wird. Auch Markus Eder zeigte in Zermatt, welche Dynamik die Freeride-Szene ergriffen hat. Bigmountain-Veteranen wie Zackrisson können mit den Sprüngen und Tricks, die die jungen Wilden aus den Funparks ins Gelände mitbringen, nicht mehr mithalten. Schwünge in supersteile Hänge zu ziehen, reicht nicht mehr. Fahrer wie Studer und Eder haben ein anderes Level erreicht. Sie haben aus dem Freeriden einen Luftsport gemacht. „Wir machen das Ganze ein bisschen spektakulärer“, sagt Studer - die Untertreibung des Tages.

Extreme Tricks in extremen Hängen

Er und Eder stehen beispielhaft für eine neue Generation, für Fahrer, die in ihrer Kindheit Alpinrennen fuhren, irgendwann den Spaß daran verloren, in die Parks gingen und dort jahrelang Sprünge übten, Tricks lernten, zwischendurch immer wieder im Gelände fuhren - und irgendwann beides verbanden. Alpin, Gelände, Freestyle - sie sind komplette, perfekte Skifahrer, und nur deshalb können sie extreme Tricks in extremen Hängen wagen. Die alpine Ausbildung war die Basis, aber schon lange ist das Pistenfahren keine Option mehr für sie. „Wenn es Tiefschnee hat, fahre ich Tiefschnee“, sagt Studer, „und wenn es keinen hat, fahre ich im Park. So werde ich das mein Leben lang weitermachen.“

Und auch Eder trauert dem Stangentraining und einer Karriere als alpiner Rennfahrer keine Sekunde nach. „Da würde ich nie so viele coole Leute kennenlernen wie in der Freeski-Szene.“ Eine Szene, die er und Studer gerade aufmischen. „Ja“, sagt Eder, „es ist schon ziemlich schwer geworden für die eingefleischten Freerider, die nicht so viele Tricks draufhaben, mit den Jungen mitzuhalten.“ Nur abends bei den Partys sind die Alten immer noch eine Klasse für sich.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Snowboard im Test Fehlt nur noch der Tomatensaft

Es macht einfach Spaß, mit dem Snowboard mal neben der Piste im Tiefschnee zu fahren. Dafür hat Burton das richtige Brett. Mit dem Flight Attendant kann man jeden Untergrund nehmen. Mehr Von Marco Dettweiler

27.01.2015, 10:25 Uhr | Technik-Motor
Skifahren Freeriden in den Kitzbüheler Alpen

Snowboarden und Skifahren abseits befestigter Pisten - das ist Freeriding. Die Extremsportart findet immer mehr Anhänger. Eines der derzeit angesagtesten Freeriding-Gebiete sind die Kitzbüheler Alpen. Mehr

15.01.2015, 11:29 Uhr | Sport
Mythos Streif Die gefährlichste Strecke der Welt

Die Streif ist die anspruchsvollste, gefährlichste, brutalste Abfahrt der Welt. Am Mythos wird Jahr für Jahr gearbeitet. Mehr Spektakel als in Kitzbühel darf nirgends sein. Ist das noch Skifahren oder ist das schon Wahnsinn? Mehr Von Michael Eder, Kitzbühel

24.01.2015, 09:40 Uhr | Sport
Forscher tricksen Tiere aus Pinguine vertrauen Roboter

Normalerweise sind Pinguine sehr scheu, aber der Robo-Pinguin trickst die Tiere einfach aus. Ganz nah kommt er heran, ohne, dass die Tiere Angst bekommen und sich anders verhalten. Der Robo-Pinguin ist bislang nur mit einer Kamera ausgestattet. Mehr

10.11.2014, 16:25 Uhr | Gesellschaft
Verkürzte Streif in Kitzbühel Ein Tiger wird zum Kätzchen

Fiasko zum 75. Jubiläum: Die Abfahrt auf der legendären Kitzbüheler Streif dauert für Sieger Kjetil Jansrud nicht mal eine Minute. Die ganze schöne Show – dahin. Nur die Promis lassen sich bestaunen. Mehr Von Michael Eder, Kitzbühel

24.01.2015, 16:34 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.02.2013, 12:23 Uhr

Der unschätzbare Heimvorteil

Von Rainer Seele

Das Spiel ist schnell und hart, es steckt voller Handgreiflichkeiten. Die Schiedsrichter sind und bleiben in der Zwickmühle. Verschwörungstheorien zu entwerfen, mutet übertrieben an. Mehr 5