30.10.2009 · Präsident Heinze bedauert die Läuferin im Schatten, Anni Friesinger hält sich raus. Es sind harte Zeiten für den deutschen Eisschnelllauf. Egal, wie die Sache endet: Ein Makel, so Heinze, bleibt: für Pechstein, für die DESG, für den Eisschnelllauf.
Von Rainer Seele, BerlinAnni Friesinger ist eigentlich sehr redselig, sie trägt ihr Herz auf der Zunge – für gewöhnlich. Dieser Tage erzählte die frischverheiratete Inzellerin beispielsweise vom Glück der Ehe, sie sprach ausführlich von ihren olympischen Hoffnungen, aber auch von ihrer tiefen Enttäuschung darüber, dass sie bei den deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende in Berlin nicht starten kann – das rechte Knie macht ihr zu schaffen. In einem Punkt allerdings, in Sachen Claudia Pechstein, blieb die Eisschnellläuferin aus Bayern verschlossen. Über ihre Kollegin, die vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne um ihre Rückkehr auf das Eis kämpft, mag Anni Friesinger vorläufig nichts mehr sagen. „Kein Kommentar, sorry.“
Damit lag sie zumindest auf einer Linie mit Gerd Heinze. Der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) hatte am Donnerstag in Berlin, als die deutschen Läufer sich der Öffentlichkeit präsentierten, um Zurückhaltung gebeten. Die Causa Claudia Pechstein solle doch erst mal außen vor bleiben, sagte Heinze. „Ich möchte nicht, dass dieses Problem im Fokus steht.“ Angeblich wollte Heinze damit die Athleten schützen, die er durch die Affäre um Claudia Pechstein ohnehin schon stark belastet sah in der jüngeren Vergangenheit. Die Angelegenheit, sagte Heinze, habe sehr viel Kraft gekostet. Er meinte damit den Verband, aber auch die Läufer. „Ich bedaure sie“, behauptete der Chef der DESG, wegen der ständigen Fragen nach Claudia Pechstein sei ihnen schließlich die Aufmerksamkeit entzogen worden. „Diese Dinge waren kontraproduktiv.“ Er selbst hatte ja auch seine Schwierigkeiten mit diesem Fall, dem Funktionär war da vieles fremd. So scheute Heinze sich nicht, zu sagen, dass er drei Wochen gebraucht habe, „um das Wort Retikulozyten aussprechen zu können“.
Aufwühlende Suche nach Orientierung
Ja, wirklich: harte Zeiten für den deutschen Eisschnelllauf, eine aufwühlende Suche nach Orientierung wenige Monate vor den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Immerhin befassten sich die Läufer in Berlin doch mit dem Thema Claudia Pechstein, dabei bezog etwa Tobias Schneider eindeutig Stellung: „Die Beziehung zu Claudia“, sagte der Berliner, in dessen Gruppe die Läuferin bisweilen trainiert, „hat sich kein bisschen geändert.“ Er schätzt sie, immer noch. Und Schneider glaubt auch, dass der Cas zugunsten von Claudia Pechstein, die vom Weltverband (ISU) wegen auffälliger Blutwerte zwei Jahre gesperrt wurde, entscheiden werde. Das Urteil der Berufungsverhandlung wird womöglich in der kommenden Woche bekanntgegeben. Im Falle eines rechtzeitigen Freispruchs könnte Claudia Pechstein am ersten Weltcup der Saison in einer Woche in Berlin teilnehmen.
Ein Makel, sagte Heinze, würde trotzdem bleiben. Für Claudia Pechstein, für die DESG, für den Eisschnelllauf generell. Er würde aber, sollte die Berlinerin bald wieder in den Wettbewerb einsteigen können, die ISU keinesfalls belangen, zum Beispiel mit Schadensersatzforderungen. Der ISU, sagte Heinze, sei schließlich kein Vorsatz zu unterstellen, sie sei doch nur den Anti-Doping-Richtlinien gefolgt. Der indirekten Beweisführung will die DESG sich auch künftig keinesfalls widersetzen. „Sie ist eine gute Geschichte“, sagte Sportdirektor Günter Schumacher, sie müsse jedoch verfeinert werden durch die Wissenschaft.
„Sie schaut relativ gut aus“
Auf alle Fälle würde die DESG gerne schnellstmöglich wieder mit Claudia Pechstein zusammenarbeiten, man möchte ja mit den Frauen noch einmal für Aufsehen sorgen bei Olympia. Schumacher erwartet in Vancouver „bis zu sechs Medaillen“. Claudia Pechstein wäre bestimmt eine Hilfe für die Mannschaft, davon ist Bundestrainer Markus Eicher überzeugt. Er scheint ein glühender Verehrer der Berlinerin zu sein, jedenfalls preist er fast überschwänglich ihren Willen, sich wieder dem Eis zuzuwenden. „Alle Achtung, wie sie das durchzieht. Das ist schon Wahnsinn.“
Und er traut Claudia Pechstein sogar zu, noch einmal „ein Ding rauszuhauen“ – sportlich, versteht sich. Diese Einschätzung basiert nicht zuletzt auf den jüngsten Beobachtungen von Eicher: „Sie schaut relativ gut aus.“