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Eisschnelllauf-Meisterin Jenny Wolf „Ich brauche kein Doping, um schneller zu sein“

06.01.2008 ·  Jenny Wolf ist die schnellste Eisschnellläuferin der Welt: Die 28 Jahre alte Berlinerin hält mit 37,02 Sekunden den Weltrekord über 500 Meter. In Inzell ist die Literaturstudentin wieder souverän deutsche Meisterin im Sprint-Vierkampf geworden.

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Eine Frau im Rausch der Geschwindigkeit: Jenny Wolf ist die schnellste Eisschnellläuferin der Welt: Die 28 Jahre alte Berlinerin hält mit 37,02 Sekunden den Weltrekord über 500 Meter. In Inzell ist die Literaturstudentin wieder souverän deutsche Meisterin im Sprint-Vierkampf geworden. Sie profitierte auch von der Absage von Favoritin Anni Friesinger.

Bedeutet Ihnen eine deutsche Meisterschaft noch etwas? Die Wettbewerbe in Inzell litten ja unter den Absagen vieler prominenter Läufer.

Von einem deutschen Meistertitel hat man nicht wirklich viel. Große Punkte bringt er nicht. Er ist bloß so für die kleine Ehre.

Können Sie den Alltag einmal kurz vergessen und literarisch ausdrücken, was Sie mit dem Eis verbindet?

Das ist schwer. Es ist einfach nur harte Arbeit, es ist mehr Prosa als Lyrik. Ich hatte auch nicht die Wahl gehabt, ich bin einfach zum Eisschnelllaufen gekommen und dabei geblieben. Es hat schon ein bisschen was von Eleganz, allerdings weniger im Sprint, weil wir mit voller Kraft da reingehen. Manchmal sieht es vielleicht auch nicht so besonders toll aus, wenn links und rechts das Eis wegspritzt. Es ist selten so, dass man das Gefühl dafür kriegt, was man macht. Bei 500 Metern hat man vom Start weg eine maximale Belastung, die 1000 Meter geht man auch maximal an, und die letzte Runde wird dann so schwer, dass man nicht wirklich Freude daran empfindet, was man gerade macht. Da kommt man nie in einen Flow wie vielleicht ein 5000-Meter-Läufer.

Aber offenbar ist zwischen Ihnen und dem Eisschnelllauf eine innige Beziehung entstanden.

Na klar. Und wenn man erfolgreich ist, mag man noch mehr, was man macht. Mir gefällt auch, dass man wie in Inzell auch mal draußen sein kann, dass es manchmal auch noch eine Wintersportart ist.

Fühlen Sie sich inzwischen als Star?

Überhaupt nicht. Ich fühle mich nur als Star, wenn ich in Berlin bei Wettkämpfen bin und die ganzen Kinder gucken: Oh, ist das die Jenny Wolf? Dann denke ich zurück, wie ich als Kind auch zu den Großen aufgeschaut habe und dachte: Die sind toll, so möchte ich auch mal werden.

Sie sagen, sportlich mittlerweile auf Augenhöhe zu sein mit Anni Friesinger und Claudia Pechstein. Sie sind jedoch immer noch weniger bekannt als Ihre beiden Kolleginnen. Stört Sie das?

Das ist eher angenehm. Ich glaube, mich würde es auch nerven, wenn dauernd Leute auf mich zukommen würden. Ich bin nicht der Typ, der sich dabei besonders wohl fühlt. Man muss da ja auch aufpassen, dass man immer freundlich bleibt. Das Gesicht zu wahren fällt mir zwar nicht besonders schwer, weil ich eigentlich ein netter Mensch bin. Aber wenn man dann einmal einen Fehltritt hat, kommt das sicherlich nicht gut an.

Macht es sich denn in klingender Münze bezahlt, die schnellste Frau der Welt zu sein?

Man kriegt ja Preisgeld auf jeden Fall. Die Sponsoren stehen zwar jetzt nicht Schlange, aber diejenigen, mit denen ich schon lange zusammenarbeite, wissen meine Leistung zu würdigen. Man merkt schon, dass mit der Leistung auch eine große finanzielle Anerkennung kommt. Für meine Ansprüche reicht es. Ich teile mir mit meinem Freund die Wohnung, ich habe kein Auto. Aber ich kann schön in Urlaub gehen, ich habe momentan überhaupt keine Sorgen.

Wann werden Sie reif dafür sein, den nächsten Gipfel zu erklimmen und über 500 Meter schneller als 37 Sekunden zu laufen?

Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich in dieser Saison schon dazu in der Lage gewesen wäre – wenn alles zusammengepasst hätte. Ich habe gemerkt, dass man doch ein bisschen länger braucht, um sich an das schnelle Eis wie in Calgary zu gewöhnen. Es ist schade, dass es dieses Jahr nicht geklappt hat, auf jeden Fall müsste es dann nächstes Jahr möglich sein.

Woran müssen Sie vor allem noch arbeiten, um diese „Schallmauer“ zu brechen?

Ich müsste meine Technik weiter verbessern, zum Beispiel in den Kurven. Der Po muss da weiter runter. Das ist auch eine Mutfrage, obwohl ich eher ein tougher Typ bin. Je tiefer man aber ist, desto mehr Geschwindigkeit hat man auch, desto mehr Druck. Irgendwann weiß man halt nicht mehr, ob die Schlittschuhe die Schräglage noch aushalten oder nicht. Wer so lange dabei ist wie ich, muss auch wirklich aufpassen, dass er noch den Spaß behält und nicht denkt: ach, schon wieder nach Amerika, eigentlich habe ich überhaupt keine Lust auf den langen Flug. Da sehe ich bei mir die Gefahr, dass ich irgendwann die Lust verliere.

In Zeiten von Doping-Enthüllungen ist speziell bei außergewöhnlichen Leistungen der Zweifel allgegenwärtig. Sehen auch Sie sich einem Verdacht ausgesetzt?

Mir persönlich ist da nichts zu Ohren gekommen. Die Leute in meinem direkten Umfeld wissen, wie ich vor zehn Jahren gelaufen bin, die sehen auch die Unterschiede, technisch und auch körperlich, dass ich vielleicht doch mal ein paar Kilo abgenommen habe. Damit lassen sich solche Leistungsentwicklungen auch erklären. Es war auch nie so, dass ich in einem Winter schlecht war, dann mal einen Sommer verschwunden bin und danach auf einmal eine Sekunde schneller war. Es waren immer kleine Schritte. Ich brauche kein Doping, um noch schneller zu laufen.

Begegnen Sie manchen Konkurrentinnen mit Argwohn?

Man will keinem was unterstellen. Da ich jetzt die Schnellste bin, wäre es blöd, wenn ich bei anderen denken würde, dass die was nehmen würden – dann wüsste ich genau, die würden das Gleiche über mich denken.

Wie urteilen Sie über den deutschen Eisschnelllauf? Teilen Sie die Kritik von Gianni Romme, dem Trainer von Anni Friesinger, der unlängst behauptete, die nötige Leidenschaft bei manchen Athleten zu vermissen?

Ich weiß, dass die Männer unheimlich viel getan haben in den letzten zwei Jahren. Sie machen als Gruppe einen sehr guten Eindruck. Im Damenbereich merkt man, dass alle wollen und Vancouver als Ziel haben. Natürlich waren nicht alle erfreut über Rommes Äußerungen, es gab auch heiße Diskussionen. Es ist schon ärgerlich, wenn so was kommt, aber vielleicht hilft es ja auch. Vielleicht denken manche noch mal nach und finden noch ein Prozent Steigerung. Und wenn sie es nur machen, um Gianni zu widerlegen.

Sie wollen nach den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver Ihre Karriere beenden. Könnten Sie sich vorstellen, danach als Trainerin zu arbeiten?

Ich habe immer gesagt: um Gottes Willen, das nicht. Aber wenn man dann Abschied vom Sport nimmt und denkt, so ein großer Bruch sollte es nicht sein, übernimmt man vielleicht doch eine Trainingsgruppe für kleine Kinder. Und versucht, die Freude am Eisschnelllaufen rüberzubringen. Aber eine internationale Tätigkeit – und dann wieder nur reisen, wieder die gleichen Orte, zum 100. Mal Heerenveen, das ist nicht mein Ziel.

Die Fragen stellte Rainer Seele.

Quelle: F.A.Z.
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