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Eisschnelllauf-Kommentar : Schmelzendes Eis

Jung, introvertiert, aber erfolgreich: Stephanie Beckert kann die neue deutsche Frontfigur werden Bild: dapd

Das Eis ist für die deutschen Eisschnellläuferinnen dünner geworden. Die WM in Heerenveen könnte sogar zu einer Zäsur werden. Das schwache Geschlecht im eigenen Land sind sie dennoch bei weitem nicht.

          Die Welt ist orange, jedenfalls in Heerenveen. Vor allem dann, wenn die Eisschnellläufer Einzug halten in dem niederländischen Städtchen. Sie fühlen sich dort wie Könige, Jahr für Jahr. Das wird auch in den kommenden Tagen so sein bei den Weltmeisterschaften über die Einzelstrecken. Oranje und das Eis: eine runde Sache, im wahrsten Wortsinn, ein Happening, das Einheimische wie Gäste gleichermaßen genießen, begleitet von Pauken und Trompeten.

          Auch die Deutschen drehten dort, dank großer Frauenpower, schon häufig mit Glanz und Gloria ihre Bahnen. Das Eis ist für sie inzwischen jedoch dünner geworden, und so könnte Heerenveen sogar zu einer Zäsur für die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) werden: nicht auszuschließen, dass diesmal kein Titel für sie herausspringt, erstmals seit der Einführung dieses Championats im Jahr 1996.

          Graue Zeiten für eine einstige Macht im Eisschnelllauf? So weit ist es noch nicht ganz. Doch die Perspektiven für die deutschen Läufer sind nicht mehr allzu rosig. Die Zahl der Protagonistinnen schrumpft schließlich mehr und mehr. Anni Friesinger oder Daniela Anschütz-Thoms sind längst abgetreten. Die streitbare Claudia Pechstein, die sich in Heerenveen gerade wieder über vermeintlich überzogene Dopingkontrollen mokierte, ist in die Jahre gekommen.

          Selbst die Sprinterin Jenny Wolf gibt nur noch bedingt Anlass zur Hoffnung. Ob sie durchhalten möchte bis Olympia 2014 in Sotschi, ist fraglich. Nicht, dass der erfolgsverwöhnte deutsche Verband durch den Aderlass überrascht worden wäre. Er hat sich, spätestens seit den Winterspielen in Vancouver, darauf einstellen können.

          Wenigstens eine Frontfigur gibt es

          Und er muss auch nicht über eine große Leere klagen: Die DESG verfügt über eine Reihe von Talenten. Ausnahmekönner, die der DESG über Jahre hinweg eine luxuriöse Situation bescherten, lassen sich aber nicht ohne weiteres ersetzen, und so werden die Deutschen sich nun vermutlich nach goldenen Zeiten auf Jahre der sportlichen Dürre einstellen müssen.

          Wenigstens gibt es dabei eine Art Frontfigur: die junge, introvertierte Erfurterin Stephanie Beckert. Zwar taugt sie nicht für die Rolle eines schillernden Stars, doch könnte die Thüringerin, die bereits in die Weltspitze vorgestoßen ist, zu einer verlässlichen internationalen Größe über 3000 und 5000 Meter werden - sofern ihr Körper mitspielt. Stephanie Beckert leidet immer wieder unter Rückenproblemen.

          Wenn sich die Mutter einmischt ...

          Ihre große Dominanz mag schwinden, innerhalb der DESG sind die Frauen aber weiterhin das starke Geschlecht. Zu sehen nicht zuletzt am Beispiel von Samuel Schwarz. Für den Berliner, dem 2010 immerhin ein Weltcupsieg über 1000 Meter gelungen war, als erstem Deutschen nach fast einer Dekade, glaubte wegen mangelnder öffentlicher Anerkennung sogar die Mutter werben zu müssen: Sie forderte einen Journalisten kurzerhand zur Berichterstattung auf.

          Für Schwarz und Co. dürfte der Schatten der Kolleginnen immerhin bald ein bisschen kleiner werden. Vermutlich wird dies aber nicht jedermann im deutschen Eisschnelllauf als Fortschritt betrachten.

          Quelle: F.A.Z.

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