14.01.2009 · Ganz Europa friert, aber für einen Eisschnelllaufklassiker war es trotz Eiseskälte immer noch nicht kalt genug: Das Elfstedentocht fällt auch im hundertsten Jahr seines Bestehens ins Schmelzwasser. Die Eisschicht auf den 200 Kilometern durch niederländische Grachten ist nicht dick genug.
Von Christian EichlerLetzte Woche lief Jacob Brandsma seinen privaten Elfstedentocht. Die Zeitungen berichteten über den „waghals van De Hommerts“, der den berühmtesten Eisschnelllaufwettbewerb der Welt startete, obwohl das Eis noch nicht dafür taugte. Nach zwei von zweihundert Kilometern kam der erste Einbruch. Brandsma fand sich im Grachtwasser wieder.
Er setzte die Tour erst mal bibbernd am Ufer fort. Mit trockenen Sachen ging es dann weiter, auf dünnem Eis oder dort, wo es zu brüchig schien, mit Kufen an Land; teilweise auch auf dem vom Bruder mitgeführten Mountainbike.
Vor hundert Jahren waren es 23 Friesen
Einmal verfuhr sich Brandsma damit auf eine Schnellstraße und bekam von der Polizei ein Strafmandat. Nach über 18 Stunden auf der historischen Strecke kam der 50-jährige Friese kurz vor Mitternacht wieder in Leeuwarden an. Und hatte eine neue, zeitgemäße Form des Elfstedentocht erfunden: den Eis-Triathlon. Die Niederländer stritten, ob sie Brandsma für Mut bejubeln oder für Dummheit beschimpfen sollten. Die Bewunderung überwog wohl. Er hatte getan, wovon Millionen Landsleute wieder nur träumen durften.
Vor hundert Jahren waren 23 Friesen, hölzerne Platten mit eisernen Kufen unter die Schuhe geschnallt, auf den ersten Elfstedentocht gegangen – das Rennen über gefrorene Grachten, Tümpel, Wiesen, das die elf (heute zwölf) westfriesischen Orte mit Stadtrecht verbindet. Hoffnung keimte auf, als das Jubiläumsjahr 2009 so eiskalt begann wie ein guter Genever. An den letzten beiden Wochenenden wagten sich zahlreiche „Schaatser“ aufs Eis, boten vor Windmühlen und weißen Baumwipfeln Bilder wie von Breughel. Doch die Voraussetzungen für durchgängig fünfzehn Zentimeter dickes Eis auf der 200-Kilometer-Runde – mindestens zwei Wochen strenger Frost – wollten sich nicht einstellen. Alle Hoffnung schmolz mit dem Tauwetter dieser Woche dahin.
Kommt er überhaupt noch einmal?
„Wahrscheinlich ging jedem Niederländer in den letzten Wochen mindestens einmal das Wort durch den Kopf: Elfstedentocht“, schrieb der „Telegraaf“. Ein Land im Banne der bangen Frage: „Kommt er oder kommt er nicht?“ Und in dem der noch bangeren, unausgesprochenen: Kommt er überhaupt noch einmal? Die Erderwärmung ist nicht der Freund des Eisläufers. Fünfzehnmal in hundert Jahren, im Durchschnitt alle sechs bis sieben Jahre, gab es die nötige Kälte für das Rennen – seit 1986 allerdings nur noch ein einziges Mal, 1997, und da schon mit „Eistransplantationen“ der Feuerwehr, die zu weiche oder dünne Stücke aussägte und durch tragfähige Blöcke ersetzte.
Im 21. Jahrhundert, so haben Wissenschaftler berechnet, werde das Rennen durch den Klimawandel nur noch durchschnittlich alle 18 Jahre stattfinden können. Die nationale Umweltagentur ist noch viel pessimistischer: nur noch alle 182 Jahre. „Sie können alles Mögliche berechnen“, sagt trotzig Wiebe Wieling, der Vorsitzende der Vereinigung „De Friesche Elf Steden“. Er findet: „Alle soundsoviel Jahre“ könne auch „morgen“ bedeuten. „Wir werden jedenfalls bereit sein.“
Der Sieger erhält unsterblichen Ruhm
Die Vereinigung gründete sich vor genau hundert Jahren, am 15. Januar 1909, um die vom Eislaufverband gestartete Erstauflage nicht zur Eintagsfliege werden zu lassen. Das gelang ihr – und mehr: Sie schuf einen nationalen Mythos. Die Friesentour gebar Heldengeschichten wie eine Tour de France auf Eis. Vor allem die vom 18. Februar 1963, die „Hölle des Nordens“, als von über 10.000 Läufern nur 69 ins Ziel kamen, fast erfroren bei bald zwanzig Grad unter null mit peitschend eisigem Ostwind, beinahe ohne Orientierung im einsetzenden Schneesturm. Der Sieger, Reinier Paping, der hundert Kilometer solo gelaufen war, bekam als Prämie zwei Jahreskarten für die Eisbahn in Deventer, eine silberne Zigarettendose, einen Zehnguldenschein von einem unbekannten Gönner – und unsterblichen Ruhm.
Mehrere Bücher sind über dieses Rennen geschrieben worden. Der Regisseur Steven de Jong verfilmt es derzeit als Leinwanddrama „De Hel van ’63“. Die spärlichen, schwarzweißen Fernsehbilder der gebückten Gestalten, die sich über rissiges Eis und durch wehenden Schnee kämpfen, verloren in einer klirrenden Winterlandschaft, blieben im kollektiven Gedächtnis der Friesen und Holländer hängen. Sie werden an diesem Mittwoch wieder die Gemüter wärmen, wenn der Sportsender NOS ein ganzes Abendprogramm rund um den „Elfstedentocht“ gestaltet.
16.000 begehrte Startplätze
Vergangene Woche hat der Sender den seit der letzten Austragung laufenden Vertrag über die Senderechte des „Elfstedentocht“ unbefristet verlängert – einmalig für ein Sportereignis, das seit zwölf Jahren nicht stattgefunden hat und womöglich nie wieder stattfinden wird. 1997 zählte man elf Millionen Zuschauer oder Hörer des Rennens, mehr als zwei Drittel aller Niederländer. Man habe auch Olympische Spiele und Fußball-WM im Programm, sagt NOS-Mediendirektor Jan de Jong: „Aber was unser Herz wirklich schneller schlagen lässt, ist der Elfstedentocht. Schöner, einmaliger und niederländischer geht es nicht.“
Wenn das Rennen eine Zukunft hat, dann wird es wohl die größte Party des Landes, mit Volksfesten in jedem Ort und Blaskapellen auf den flachen Grachtenbrücken. Um einer von 16.000 zu sein, die morgens um halb sechs in tiefer Finsternis auf den „tocht der tochten“ gehen dürfen, muss man hart im Nehmen sein – und Mitglied der Vereinigung „De Friesche Elf Steden“. Ein Lottogewinn ist realistischer, es gibt strikten Aufnahmestopp. Immerhin schaffte es ein gewisser W. A. van Buren, 1986 mitzulaufen – es war der Tarnname des Kronprinzen Willem-Alexander. Für das berühmte Abzeichen, das „Elfstedenkruisje“, musste auch er mit allen Stempeln vor Mitternacht ankommen.
Kanada hat das Eis, das Friesland zu dünn wird
Auch der Belgier Jacques Rogge, Vorsitzender des Internationalen Olympischen Komitees, ist Fan dieses „prächtigen Ereignisses voller Heroismus“, wie er am Wochenende als Gast der Eisschnelllauf-EM in Heerenveen schilderte. „1985 war ich noch ein junger Doktor in Gent und musste zufällig am Tag des Rennens einen Niederländer operieren. Er fragte mich, ob man die OP aufschieben könne, weil er das Finish des Elfstedentocht sehen wollte. Eine prima Idee, fand ich. Ich setzte mich neben sein Bett, zusammen sahen wir Evert van Benthem gewinnen. Unvergesslich.“
Van Benthem ist einer der typischen bäuerlichen Heroen dieses Rennens, wie auch der letzte Sieger, der Rosenkohlzüchter Henk Angenent. Van Benthem, der 1985 und 1986 gewann, wanderte vor zehn Jahren aus, weil er wegen der strengen niederländischen Naturschutzbestimmungen, die einen Ausbau seiner Landwirtschaft verhinderten, „kein einfacher Bauer mehr sein konnte“. Und auch, weil ständig Bustouren mit Touristen kamen, die den Hof des Elfstedentocht-Siegers sehen wollten – das friesische Pendant zu Filmstar-Villentouren in Beverly Hills.
Nun hat van Benthem einen Bauernhof in Kanada und in der Nähe einen See, der jeden Winter zufriert. Auf dem organisiert er seit 2003 ein Schlittschuhrennen in der klassischen Elfsteden-Distanz, 200 Kilometer. Schon starten dort jedes Jahr Hunderte von Niederländern. Kanada hat das Eis, das Friesland zu dünn wird.