Die Arbeitskleidung, die Anni Friesinger bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften in Heerenveen trug, wies sie als Mitglied der deutschen Mannschaft aus. Doch hätte sie nicht ihren blauschwarzen Rennanzug mit dem Emblem der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) angehabt, man hätte sie auch für eine niederländische Läuferin halten können. Das Verhältnis zwischen der 30 Jahre alten Oberbayerin und den Verbandsoffiziellen ist spürbar abgekühlt, um nicht zu sagen eisig.
Nach der großen Strukturreform war kein Platz mehr für sie, und sie fühlt sich vom Verband im Stich gelassen. Seitdem trainiert sie mit dem zweifachen niederländischen Olympiasieger Gianni Romme, den sie aus eigener Tasche bezahlt. Auch ihr Freund Ids Postma ist Niederländer. Er war früher wie Romme ein sehr erfolgreicher Eisschnellläufer, jetzt bewirtschaftet er einen Bauernhof in der Nähe von Heerenveen.
Diesmal kein Platz für Anni Friesingers Lächeln
Anni Friesinger gibt Interviews auf Niederländisch, und auch die Fans in der Thialf-Halle feiern die Deutsche, als wäre sie eine von ihnen. Vor ein paar Wochen erschien die Zeitung „Friesch Dagblad“ mit einem großflächigen Bild von Anni Friesinger auf der Titelseite und der Überschrift: „Das Lachen Frieslands“. Das Foto war gleich nach ihrem Triumph bei der Sprint-WM in Hamar entstanden.
An diesem Montag aber ist, bei aller Liebe, in den niederländischen Blättern kein Platz für Anni Friesinger. Stattdessen feierten sie Ireen Wüst und Sven Kramer, der über 10.000 Meter in 12:49,88 Minuten einen neuen Weltrekord aufstellte, ihre Weltmeister der Königsdisziplin Mehrkampf. Beide sind gerade 20 Jahre alt. Vor allem die Vorstellung der aus dem Ort Goirle stammenden Ireen Wüst riss die 13.000 Zuschauer, ein Heer in Orange, hin.
„Ireen war an diesem Wochenende die Königin“
Bei der Sprint-WM vor vier Wochen war sie hinter Anni Friesinger Zweite geworden. Doch dieses Mal war die Läuferin mit dem Lausbubengesicht nicht zu bremsen, weder von der Deutschen noch von der Kanadierin Cindy Klassen, der dominierenden Läuferin der vergangenen Saison. Nur im Sprint über 500 Meter war Anni Friesinger die Schnellste. Dann drehte die Niederländerin auf.
Mit fulminanten Läufen über 1500 und 3000 Meter verbesserte sie den Bahnrekord in Heerenveen; auf einer „schnellen“, in der Höhe gelegenen Bahn wie Salt Lake City oder Calgary wären es womöglich Weltrekorde geworden. Auch im Schlussrennen am Sonntag über 5000 Meter verteidigte sie ihren großen Vorsprung. „Ireen ist hier phantastisch gelaufen, sie war an diesem Wochenende die Königin“, sagte Anni Friesinger, die in der Gesamtwertung Zweite vor der Titelverteidigerin Cindy Klassen wurde.
Niederländische Stars? „Das ist eine andere Liga“
Anni Friesinger wirkte nicht enttäuscht, dazu hatte sie keinen Grund. Ihre Gesamtpunktzahl bedeutete persönliche Bestleistung. Und schließlich hat sie sich in dieser Saison auf die Sprintdistanzen konzentriert - mit Erfolg. Doch gerade im Lauf über 3000 Meter, als sie direkt gegen Ireen Wüst lief, machte die Inzellerin eine ganz neue, vermutlich ernüchternde Erfahrung. So wie sie in vergangenen Jahren oft die Konkurrentinnen deklassiert hatte, so leicht und unwiderstehlich lief ihr in Heerenveen die Zwanzigjährige davon. Im Ziel hatte sie fast vier Sekunden Vorsprung vor der Deutschen, die selbst dreimal den Mehrkampftitel (2001, 2002 und 2005) gewonnen hat.
In geduckter Haltung, mit explosivem Antritt und der Körperhaltung einer Siegerin - es war, als wäre Anni Friesinger sich selbst auf dem Eisoval begegnet. „Sie erinnert mich an früher“, sagte sie und wies auf die perfekten Bedingungen der neuen Weltmeisterin hin. Sie und die anderen niederländischen Stars gehören dem TVM-Privatteam an, das sich der gleichnamige Versicherungskonzern jährlich vier Millionen Euro kosten lassen soll. „Das ist eine andere Liga, sie muss sich bestimmt nicht um Hotelbuchungen kümmern“, sagte Anni Friesinger in Anspielung auf ihre eigene Situation.
Generationenwechsel auf Eisoval beschleunigt sich
Doch über kurz oder lang, ob unter guten oder weniger guten Bedingungen: Der Generationenwechsel auf dem Eisoval, der sich schon bei Olympia in Turin angedeutet hatte, beschleunigt sich unübersehbar. Für die deutschen Frauen ist dieser Prozess gleichbedeutend mit dem Verlust der eigenen Dominanz. Jahrzehntelang hatten sie die Konkurrenz beherrscht. 22 der vergangenen 25 Mehrkampf-Weltmeisterschaften gewannen die Deutschen. Gerade die Berlinerin Claudia Pechstein, die fünfmalige Olympiasiegerin, hat in dieser Saison große Mühe, von der aktuellen Jugendbewegung nicht überholt zu werden.
Erstmals seit zwölf Jahren verfehlte sie bei einer Mehrkampf-WM einen Platz unter den ersten dreien, sie wurde Vierte. Beim letzten Rennen am Sonntag über 5000 Meter, ihrer Spezialdisziplin, gelang ihr ein recht guter Lauf - ihre Gegnerin, die 19 Jahre alte Tschechin Martina Sablikova, war dennoch zehn Sekunden früher am Ziel. Die zerbrechlich wirkende Tschechin ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die jungen Aufsteigerinnen auch von ungünstigen Verhältnissen nicht aufhalten lassen - in Tschechien gibt es nicht eine einzige 400-Meter-Eisbahn.