Mit vier Olympiasiegen ist die Eisschnelläuferin Claudia Pechstein zur erfolgreichsten deutschen Wintersportlerin geworden. Die 33 Jahre alte Berlinerin gehört auch bei den am Donnerstag in Inzell beginnenden Weltmeisterschaften zu den Favoriten über 3000 und 5000 Meter. Überschattet wird die WM von Streitigkeiten, in denen es um die Besetzung des Teamwettbewerbs geht.
Nach allem, was passiert ist: Können Sie sich noch auf die Einzelstrecken-Weltmeisterschaften in Inzell freuen?
Ich freue mich schon, schließlich ist es eine WM im eigenen Land. Leider kam da jetzt diese Grippe dazwischen, deshalb war die Vorbereitung auf meine Wettkämpfe nicht optimal. Auf das, was Sie ansprechen, verschwende ich keinen Gedanken mehr.
Gehören Sie nun zur Besetzung des neugeschaffenen Teamwettbewerbs oder nicht?
Das weiß ich nicht. Das müssen Sie den Bundestrainer fragen.
Sie wissen es nicht?
Mit mir hat Herr Kraus nicht darüber gesprochen. Es herrscht Funkstille. Was ich in den Medien gelesen habe, ist, daß Friesinger, Anschütz und Völker laufen. Also konzentriere ich mich auf meine Einzelstrecken.
Er hat sich jetzt bei Ihnen auch nicht danach erkundigt, wie es Ihnen gesundheitlich geht?
Nein.
Wie sehr ärgert Sie das, daß Sie als viermalige Olympiasiegerin nicht bei der WM-Premiere der Teamverfolgung dabei sind?
Ach, damit komme ich schon zurecht. Was mich stört, ist die fehlende Kommunikation zwischen Herrn Kraus und mir. Gegen ein Ausscheidungsrennen, das ja wohl mal geplant war, hätte ich nichts gehabt. Aber nicht auf diese Art und Weise. Nicht, wenn ich aus den Medien davon erfahre. So kann man mit mir nicht umspringen.
Halten Sie die Besetzung für gerechtfertigt?
Das werden wir hinterher sehen. Wenn das Ergebnis gut ist, dann war die Besetzung richtig. Wenn nicht, kann man sicher ein paar Fragen stellen.
Das Kriterium für die Besetzung ist der Weltcupstand in der 1500-Meter-Disziplin. Gelaufen wird im Teamwettbewerb jeweils eine Strecke knapp über 2300 Meter. Warum spielen bei dem Kriterium die Leistungen über 3000 Meter, eine Ihrer Spezialstrecken, keine Rolle?
Auch da fragen Sie die Falsche. Das hat der Herr Kraus so festgelegt. Warum, weiß ich nicht.
Was sind denn die eigentlichen Ursachen für das tiefe Zerwürfnis zwischen Ihnen und Helmut Kraus?
Weil er nicht zur Kommunikation fähig ist. Und weil ich seit Jahren meine Meinung sage. Mittlerweile haben sich ja auch andere Athleten dazu geäußert, und ich hoffe, daß es noch ein paar mehr werden. Hinter dem Rücken zu schimpfen ist ja leicht, aber viel wichtiger ist es, etwas zu sagen, wenn es darauf ankommt. Ich muß mir nicht den Mund verbieten lassen.
Wann haben Sie zum letzten Mal ein Gespräch mit ihm geführt?
Das ist ewig her. Jetzt geht es darum, daß ich Fahrtkosten von ihm kriege, dann unterschreibe ich das, fertig. Wir sagen "hallo" und "tschüs", das war's. Dabei stehe ich für ein Gespräch jederzeit zur Verfügung. Aber ich muß nicht auf ihn zugehen, das ist nicht meine Aufgabe. Er scheint ja ein Problem mit mir zu haben. Aber man muß auch sagen, es hängt nicht nur an ihm. Die ganze Verbandsführung müßte sich Gedanken machen, ob man den Fall nicht mal vom Tisch bekommt und sich zusammensetzt. Aber auf die Idee scheint keiner zu kommen. Herr Zimmermann (der Präsident der Deutschen Eisschnellauf-Gemeinschaft) hat sich jetzt zu Wort gemeldet und gesagt, die Angelegenheit sei überflüssig wie ein Kropf. Schade.
Warum gibt es im deutschen Eisschnellauf eigentlich ständig Streit? An mangelnden Erfolgen kann es ja nicht liegen.
Weiß ich nicht. Das ist jedenfalls erst so, seit Helmut Kraus Cheftrainer ist. Aber so viel Streit gibt's doch auch nicht.
Die Auseinandersetzung mit dem Verband um die Sponsorenlogos auf dem Rennanzug. Oder Ihr Duell mit Anni Friesinger, um nur zwei Punkte zu nennen.
Das mit Anni war doch eher eine Story, die von den Medien hochgepusht wurde. Anni und ich waren noch nie Freundinnen. Daran wird sich auch nichts ändern. Dazu sind wir zu verschieden. Aber was ist daran schon Besonderes? Wir gehen unsere eigenen Wege und kommen miteinander klar, das war auch in Salt Lake City nicht anders. Und die Sache mit dem dritten Sponsorenlogo haben wir ja sogar gemeinsam durchgefochten.
Geht es in Wirklichkeit nicht immer noch um den alten Ost-West-Konflikt? Die Athleten, die Kraus jetzt öffentlich kritisieren, stammen alle aus Trainingszentren in den östlichen Bundesländern.
Ich bin mir da nicht so sicher, ob es um Osten und Westen geht. Natürlich ist es so, daß die meisten erfolgreichen Athleten aus dem Osten sind, aber die komplette Verbandsspitze stammt aus dem Westen. So muß man ja das Gefühl haben, daß man da regiert wird. Aber vielleicht hat das Ganze in meinem Fall eher mit Neid zu tun.
Neid? Inwiefern?
Insofern, daß mein Trainer Joachim Franke und ich so erfolgreich sind. Und daß Herr Kraus eben nicht so einen Sportler rausgebracht hat.
Als Chef-Bundestrainer hat er andere Aufgaben.
Warum rühmt er sich dann auf der Homepage des Verbandes mit den Medaillen der Läuferinnen? Die Frage ist: Was hat er mit diesen Medaillen zu tun?
Vielleicht ist sein Verhalten nur eine Gegenreaktion auf Ihre scharfe Kritik? Sie werfen ihm vor, daß er sich mit fremden Federn schmückt...
Ich habe gesagt: Er sonnt sich im Erfolg anderer. Das macht man nun mal gerne als Funktionär.
Sie haben auch angezweifelt, ob er überhaupt die menschlichen Qualitäten habe, um ein Team zu führen. Ist das auch ganz harmlos?
Wer unfähig zur Kommunikation ist, dem spreche ich diese Fähigkeiten ab. Egal wie er heißt.
Muß in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen: Claudia Pechstein ist streitsüchtig und ewig unzufrieden?
Moment mal: Wenn man die ganze Geschichte richtig erklärt, verstehen die meisten meine Beweggründe. Ich bekomme jedenfalls in meiner Fanpost unheimlich viel Zuspruch. Fast alle wundern sich über das Verhalten von Helmut Kraus. Ich sage nur: Ich konzentriere mich jetzt darauf, gute Leistungen auf dem Eis zu bringen wie beim Weltcupfinale vor anderthalb Wochen in Heerenveen.
Ihre Karriere hat nach Salt Lake City eine beinahe märchenhafte Wendung genommen. Sie sind erfolgreich, eine der populärsten deutschen Sportlerinnen, bei Sponsoren gefragt und brauchen sich finanziell keine Sorgen mehr zu machen: Müßten Sie da nicht ein bißchen gelassener auftreten?
Ich bin ja relativ gelassen. Aber wenn man das Gefühl hat, ein Mißstand ändert sich über Jahre hinweg nicht, dann muß man halt ein bißchen deutlicher werden.
Wie langfristig sind Ihre sportlichen Planungen ausgerichtet?
Erst mal bis zu den Winterspielen im nächsten Jahr in Turin. Mein großes Ziel ist, zum fünften Mal eine Goldmedaille zu gewinnen.
Sie sind dann 34.
Ob ich dann aufhöre, diese Frage halte ich mir offen. Der Sport macht mir nach wie vor Spaß. Außerdem gibt da noch eine ganz neue Möglichkeit: Wenn das bei der DESG künftig nicht anders läuft, würde ich es gerne mal mit einem eigenen Team versuchen, völlig losgelöst vom Verband, so wie es das in Holland gibt. Das ist mein Traum, denen vom Verband mal zu sagen: So, wir machen es euch vor. Mal gucken.