Gleiten, immerzu gleiten, linksherum auf spiegelndem Eis. Mehr als ein Vierteljahrhundert macht Sabine Völker das nun schon, es ist zum Rhythmus ihres Alltags geworden, letztlich zu einer Herzensangelegenheit. Sie hat Höhen erlebt, aber auch manches Tief, und es ist noch gar nicht so lange her, daß die Eisschnelläuferin Sabine Völker ganz unten war.
Es wäre wohl nicht verwunderlich gewesen, wenn sie sich vom Eis befreit hätte und damit von Sorgen und auch von Schmerzen. Sie hätte es mit Rücksicht auf ihre Gesundheit tun können, „aber der Körper ist halt nicht alles“, sagt die Erfurterin. Sie war, obwohl erkrankt und verletzt, obwohl sich ihre Leiden nahezu zwei Jahre lang hinzogen, noch nicht bereit für diesen Schritt, für das Ende. Es sei ja auch sehr schwierig, sagt Sabine Völker, „sich von einer Sache zu lösen, die man so liebt“.
Ängste und Zweifel
Sie kann heute unbefangen darüber reden, über ihre Ängste und ihre Zweifel. Sie fand schließlich wieder Halt, auch weil nach einem „langen Kampf“ der Erfolg zurückgekehrt ist mit Platz drei bei der Sprint-Weltmeisterschaft Anfang Januar in Calgary. Sabine Völker, 31 Jahre alt, glaubt, damit allen Skeptikern demonstriert zu haben, „daß ich wieder zurückkommen kann in die Weltspitze“. Sie sagt, einen „immensen Druck“ losgeworden zu sein.
Ihre Malaise hatte nach Olympia in Salt Lake City begonnen, nach drei Medaillen, zwei silbernen und einer bronzenen. Virus, Lebensmittelvergiftung, Blasenentzündung, chronische Rückenbeschwerden als Folge des Leistungssports, elf Antibiotikakuren in eineinhalb Jahren. Sabine Völker zählt das routiniert auf, es hatte ihr Leben ja auch stark beeinflußt. Aber damals schon, als sie noch in den größten Schwierigkeiten steckte, als sie sich zeitweise fühlte, als wäre sie von einem Bus überrollt worden, lenkte sie auch der Trotz, der Wille, sich nicht einfach geschlagen zu geben. Die Thüringerin konnte sich nicht damit abfinden, „ganz oben zu stehen und auf einmal rausgerissen zu werden“. Aus der Welt des Sports, des Wettbewerbs, aus einer respektablen Laufbahn.
Traum Turin
Nicht, daß Sabine Völker nicht gewußt hätte, wie es hätte weitergehen sollen ohne das Eisschnellaufen. Sie ist Diplom-Betriebswirtin, angestellt bei einem Thüringer Energieunternehmen, Sparte Marketing. Sie behauptet, notfalls von heute auf morgen mit dem Sport aufhören zu können, „ich habe mir das schon geebnet“. Vom Eise lossagen, so hat sie es geplant, möchte sie sich jedoch erst 2006, nach den Olympischen Winterspielen in Turin. Sie wird dann 32 sein, „das reicht“.
Calgary, keine Frage, ist eine Art Wendepunkt für Sabine Völker gewesen. Die Wochen davor, mit einem Start im B-Weltcup in Calgary, hatten ihr aber doch noch einmal stark zugesetzt. Sie waren bestimmt von einer großen Unsicherheit, und offen spricht Sabine Völker über ihre Zerrissenheit, über ihre quälerischen Gedanken in diesen Tagen und Wochen fern der Heimat: „Ich reise ab, ich breche alles ab, das wird nichts, das reicht noch nicht.“
Vagabundentum
Sie spürte dazu eine gewisse Einsamkeit. Sabine Völker räumt ein, daß ihr das Reisen, das Vagabundentum eines Athleten nicht mehr so leicht fällt. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, daß ihre Kolleginnen inzwischen meist deutlich jünger sind als sie, daß eine neue Generation heranwächst - dadurch entsteht Distanz, „es gibt immer weniger Gesprächsthemen“. So konzentrierte sich die Erfurterin auf ihren Trainer Stephan Gneupel, der sie zu stabilisieren versuchte: „Bleib ruhig, wir laufen gut.“ Und sie hielt Kontakt „mit meinem Liebling“ zu Hause. Es müssen sehr lange, intensive Telefonate gewesen sein; jedenfalls erzählt Sabine Völker, daß man Romane darüber schreiben könnte.
Als es bei der WM darauf ankam, schaffte es die Sprinterin immerhin, „den Kopf auszuschalten“, sich also durch nichts ablenken zu lassen von ihrer sportlichen Herausforderung. Daß ihre Kondition reichen würde, stand für sie außer Frage. Davon war Sabine Völker schon länger überzeugt, seit November, als sie ihre ersten bedeutenden Auftritte in dieser Saison hatte.
Im Schatten von Anni Friesinger
Nun, da sie ein großes Ziel verwirklicht hat, könne sie sich einem „befreienden Laufen“ hingeben, sagt Sabine Völker zufrieden. Was ihr jetzt noch zufällt, will sie als „Zugabe“ annehmen. Am kommenden Wochenende, beim Weltcup in Erfurt, könnte sie in einen solchen Genuß kommen. Oder Anfang März bei den Einzelstrecken-Weltmeisterschaften in Inzell, wo sie aber vermutlich noch stärker als in Erfurt im Schatten von anderen deutschen Läuferinnen stehen wird, von Anni Friesinger und Claudia Pechstein, den Protagonistinnen des deutschen Eisschnellaufs. Die ruhige Erfurterin ficht das nicht an, sie hat ihre Rolle abseits des großen Trubels, der Selbstinszenierung und auch der Wortduelle unter Rivalinnen akzeptiert.
„Ich bin nicht der Typ“, sagt Sabine Völker, „der so eine Auseinandersetzung sucht.“ Lieber sind ihr Abgeschiedenheit, Stille, und entspannt sagt sie: „Es interessiert doch niemanden, ob ich in Norwegen mit dem Hundeschlitten durch die Gegend fahre.“ Für eine wie sie führen andere Wege zum Glück, und so verschlungen und dunkel sie bisweilen auch gewesen sein mögen, betont Sabine Völker doch: „Ich kann schon dankbar sein.“