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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Eiskunstlauf-WM Schweizer Herzensbrecher erobert die russische Seele

 ·  Der Schweizer Weltmeister Lambiel zelebriert eine Achterbahnfahrt durch die Kür. Zum Abschluß eine Kampfansage von Lindemann.

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Selbst der „kleine Prinz“, wie er in der urdemokratischen Schweiz liebevoll genannt wird, schien für einen Moment ins Grübeln gekommen. Stéphane Lambiel, der in Moskau zum König der Eiskunstlaufer aufsteigen wollte, bediente sich nach seiner Achterbahnfahrt durch die Kür einer Zeichensprache zwischen Zuversicht und Skepsis. Mal spreizte er die Finger zum Victory-Zeichen, mal zuckte er mit den Schultern. Als er dann die 262,46 Punkte zum erstmaligen Triumph bei einer Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft beisammen hatte, war der 19 Jahre alte Walliser in seinem hellen Jubel nicht mehr zu halten.

Da war einer auf dem Gipfel angekommen, der zuvor noch keine Medaille bei den großen Titelkämpfen gewonnen hatte - und das mit einem Programm, das mit kleineren und größeren Pannen wie zum Beispiel dem mißglückten Versuch, einen Dreifachaxel zu springen, durchsetzt war. Da aber auch seine Konkurrenten nur ein vermischtes Angebot zwischen erster und Ausschußware anzubieten hatten und der große Russe Jewgeni Pluschenko am Donnerstagmittag wegen seiner chronischen Leistenbeschwerden einen Rückzieher gemacht hatte, war die Eisbahn im Moskauer Luschniki-Sportpalast frei für den dritten schweizerischen WM-Champion nach Hans Gerschwiler (1947) und Denise Biellmann (1981).

No-Name-Produkte statt Artisten

„Ich bin der König“, hatte Lambiel schon vor dem letzten seiner drei Auftritte im größten Reich des Eiskunstlaufs naseweis behauptet. Der fünfmalige schweizerische Meister war diesmal in der Summe seiner Kollektion aus Sprüngen, Schritten, Pirouetten tatsächlich der Beste. Unantastbar in der Qualifikation und im Kurzprogramm, konnten dem sensiblen Studenten der Betriebswirtschaft auch die kleinen Makel seines Programms zur Musik aus dem Film „König Arthur“ nichts anhaben. „Das Laufen fiel mir so leicht wie nie, ich war sehr stark in meiner Kür“, hob der neue Weltmeister hervor.

Lambiel ließ sich von seinen Schwächen an diesem Donnerstagabend ohne das ganz große Highlight zumindest nicht herunterziehen. Ihm war zudem bewußt, daß auch seine Rivalen immer wieder eingeknickt oder gar gestürzt waren wie der WM-Zweite Jeffrey Buttle. Während der Kanadier zumindest künstlerische Valeurs zu bieten hatte, reichte dem Amerikaner Evan Lysacek eine durchschnittliche Präsentation nach dem Motto wenn schon Langeweile, dann aber gepflegt zum dritten Rang. So wurden 10.000 erwartungsfrohe Zuschauer nicht nur um ihren Pluschenko, sondern auch um einen Abend gebracht, an dem die Artisten kommen sollten und am Ende doch allzu viele unfertige Werkstücke und No-name-Produkte, zu besichtigen waren.

Lindemann braucht nicht bang zu sein

Der dreimalige Weltmeister, der in seinem Moskauer Hotel einen wohlwollenden Blick auf seine Interimsnachfolger warf, hätte an diesem Abend auch ohne einen Vierfachsprung eine Siegchance gehabt; Stefan Lindemann, der deutsche WM-Dritte des Vorjahrs und Europameisterschaftsdritte dieser Wintersaison, braucht vor dem nächsten Anlauf zu einem Medaillenplatz ebensowenig bang zu sein. Der Thüringer kämpfte sich nach dem völlig mißratenen Kurzprogramm von Rang 18 noch auf Platz 12 hoch und bot dabei die am höchsten bewertete Vierfach-Dreifach-Toeloop-Kombination des Abends. Aber auch Lindemann kam um Rückschläge nicht herum. Ein Sturz beim dreifachen Flip, ein Dreifachaxel, der zum Einfachaxel wurde, reihten ihn in die umfangreiche Pannenphalanx dieses unbefriedigenden Abends ein. Lindemann, der diesmal im Vorprogramm der Besten starten mußte, vergaß zum Abschluß der für ihn enttäuschenden Tage in Moskau nicht, den lieben Kollegen einen schönen Gruß in Form einer Kampfansage zu übermitten. „Die da oben wissen, daß ich zu ihnen gehöre.“

Das neue Punktwertungssystem mit seinen multiplen, nach oben geschraubten Anforderungen an die athletischen und kreativen Fähigkeiten der Läufer hat im Positiven dazu geführt, daß sich niemand mehr seiner Pfründe sicher sein kann. Die diesmal auf dem Treppchen standen, wurden dort vorher noch nicht gesichtet; die alten Leitfiguren wissen spätestens seit Moskau, daß nun auch im Eiskunstlauf das Prinzip der punktgenauen Gerechtigkeit ohne Rücksicht auf frühere Verdienste eine Chance bekommen hat. Die Tücke an dieser Punktliste für technische Elemente und künstlerische Komponenten ist der Faktor Mensch. Die Läufer rechnen sich ihre Wertungen hoch und erweisen sich selbst als ungemein störanfällig, wenn auch nur ein Teil der eigenen Kalkulation nicht aufgeht.

Ein Schweizer erobert die russische Seele

Der verletzliche Lambiel, daheim längst ein jugendlicher Herzensbrecher, eroberte in Moskau die russische Seele mit seinen Vierfachsprüngen und seinen Pirouetten-Delikatessen. Eine Russin war im Pluschenko-T-Shirt erschienen und schwenkte am Ende ein schweizerisches Fähnchen. Der Eidgenosse hat das Zeug, mehr als ein Ersatzweltmeister zu sein, bis Pluschenko zurückkehrt. Der junge Schweizer drohte im Frühherbst 2004 persönlich abzuheben, als er sich von seinem Trainer Peter Grütter, seiner Freundin Carolina Kostner und seinem Sponsor Art On Ice trennte. Im Augenblick aber ist der manchmal schwierige Weltmeister, der längst wieder auf Grütters Wort hört, nur rein sportlich ein Überflieger. Er wirkt dabei in seiner Federleichtigkeit so elegant und unerschütterlich wie ein Roger Federer des Eises. Der andere Schweizer ist die unbestrittene Nummer eins im Tennis; davon ist Weltmeister Lambiel im Eiskunstlauf aber noch weit entfernt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 2005
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