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Eiskunstlauf Steuer kämpft „ruhigen Gewissens“ gegen das NOK

30.01.2006 ·  Gegen seine Nichtnominierung für Olympa hat Ingo Steuer eine Einstweilige Verfügung erwirkt. Das NOK hatte den Eiskunstlauf-Trainer wegen seiner Stasi-Vergangenheit aus dem Aufgebot für Turin gestrichen.

Von Roland Zorn
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So viel zumindest ist seit Montag klar: Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy, das beste deutsche Eiskunstlaufpaar, werden bei den Olympischen Winterspielen in Turin starten. Notfalls ohne ihren Trainer, dann aber auch ohne Begleitschutz eines anderes Eislauflehrers. Daß Ingo Steuer, der Bronzemedaillengewinner der Spiele von Nagano 1998, acht Jahre später sein olympisches Comeback als Coach feiern kann, ist am Montag trotz einer von ihm vor dem Berliner Landgericht erwirkten einstweiligen Verfügung alles andere als sicher. Das Gericht entschied, daß der Weltmeister von 1997 für das größte Sportereignis dieses Winters nominiert werden müsse.

Die Juristen des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), das den 39 Jahre alten Chemnitzer Steuer wegen dessen Kontakten zur Stasi aus dem Aufgebot für Turin strich, prüften umgehend eine Reaktion. Kaum vorstellbar, daß das NOK die Berliner Vorgabe unwidersprochen hinnehmen wird. „Das NOK“, sagt dessen Generalsekretär Bernhard Schwank, „hat die absolute Nominierungshoheit für die Olympiamannschaft und niemand sonst.“ An diesem Dienstag ist Meldeschluß für das Turiner Team Deutschland.

Ein Ersatztrainer kommt nicht in Frage

„Ich hoffe“, sagt Steuer, „daß das NOK im Sinne der Sportler entscheiden wird, und werde unabhängig davon alles dafür tun, daß Aljona und Robin in Turin laufen.“ Sollte der Sachse nicht an der Bande stehen, wird er aller Voraussicht nach als Privatmann in die piemontesische Kapitale reisen, um seinem Paar so nah wie möglich zu sein. Die Dreierbeziehung war zuletzt so intensiv, daß Sawtschenko/Szolkowy bei der EM in Lyon Zweite wurden und sich deshalb Hoffnungen auf eine olympische Medaille machen.

Einen Ersatztrainer für Steuer wird es für den Fall des Falles nicht geben. Steuers Kollege und Trainerkonkurrent Knut Schubert, der in Turin vertretungshalber schon das Paar Fitze/Rex betreut, wird jedenfalls nicht auch dem womöglich Steuer-losen Paar zur Verfügung stehen. „Definitiv nicht“, hob Steuer am Montag hervor. „Für alle Fälle“, sagt Udo Dönsdorf, Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU), „ist mit dem Arzt und dem Physiotherapeuten genug Betreuungspersonal in der Halle. Das Paar ist so stabil, daß es sich auch selbst helfen kann.“

Steuer ist „guten Gewissens“

Steuer hat über seinen Anwalt unterdessen Akteneinsicht gefordert, um selbst erkennen zu können, was ihm aus seiner jugendlichen Mitarbeit bei der Stasi zur Last gelegt wird. Er wird aber nur die Personalakte einsehen dürfen. Die Berichte dürfen die Täter - zum Schutz der Opfer - nicht nachlesen. Steuer geht gelassen mit seiner Situation um: „Wenn man guten Gewissens sagt, nichts Böses getan zu haben, kann man auch ruhig bleiben.“

Die Ruhe weg haben kann unter Deutschlands besten Paarlauftrainern nur Knut Schubert. Auch er ist wie Steuer und dessen frühere Trainerin Monika Scheibe ein „Kind“ der DDR, hat sich aber, anders als diese beiden nie der Stasi verpflichtet. „Ich war eher der offenherzige Typ“, beschreibt sich der schon zu DDR-Zeiten unangepaßte Berliner. „Müssen tat man gar nichts“, sagt er über die Jahre, da er sich als ein auch international erfolgreicher Paarläufer nicht vereinnahmen ließ. Weil dem so war, mußte ihm Monika Scheibe, die im Dezember das von Steuer fallengelassene Paar Fitze/Rex übernahm, ihr olympisches Mandat überlassen.

Strengere Überprüfung als vor Nagano

Auch über die Chemnitzer Trainerin gibt es Dokumente, die ihre Stasi-Zuarbeit belegen. Sie arbeitete unter dem Decknamen „Anna Rose“. Auch deshalb zog die DEU die Trainerin aus dem Betreuerteam zurück. Pikant daran ist, daß Monika Scheibe, die schon für die Spiele in Turin eingekleidet worden war, 1998 in Nagano dem Paar Wötzel/Steuer anstandslos assistieren konnte, obwohl die frühere Eiskunstläuferin Sonja Morgenstern schon 1992 „Anna Rose“ als Informantin in ihrer Opferakte entdeckt und dies veröffentlicht hatte.

Diesmal aber war die vom NOK gewollte Überprüfungsprozedur mit Hilfe der Birthler-Behörde strenger als vor sieben Jahren. Dönsdorf spricht eine Spur verschwommen von „Hinweisen“, aufgrund derer die DEU gebeten worden sei, Monika Scheibe durch einen anderen Trainer zu ersetzen. Schubert hätte, wie er sagt, auch „Gewehr bei Fuß“ gestanden, um Sawtschenko/Szolkowy hilfsweise zu coachen. „Das Paar läuft für mich“, sagte Ingo Steuer kategorisch.

Einstweilige Verfügung ist keine Lösung

Ob er selbst nach den Spielen der von der DEU gestützte Mann an der Bande für das Meisterpaar bleiben kann, wird sich erst beim genauen Blick auf die Aktenlage klären lassen. Der Stabsunteroffizier der Bundeswehr hat mit seinem Arbeitgeber auf Zeit „ordentliche Gespräche“ geführt. Dort läuft sein Vertrag mit anschließendem Anspruch auf berufliche Förderung zum Ende des Jahres aus - oder doch schon vorher? Steuer muß sich derzeit in eigener Sache viele Fragen stellen. Sie sind nicht alle und schon gar nicht ohne weiteres über den Weg einer einstweiligen Verfügung zu lösen.

Quelle: F.A.Z. vom 31. Januar 2006
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