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Veröffentlicht: 27.11.2003, 17:53 Uhr

Eiskunstlauf Seltsames Solo eines Paarläufers

Der frühere Weltmeister bricht seine Trainerlaufbahn ab / DEU düpiert

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Als Spitzensportler war seine Laufbahn Schritt für Schritt vorgezeichnet. Dabei erlaubte sich Ingo Steuer an der Seite seiner Partnerin Mandy Wötzel derart wenige Abweichungen, daß so viel Spurgenauigkeit im Höchstmaß belohnt wurde: 1997 wurden die beiden Sachsen Paarlauf-Weltmeister und ein Jahr darauf Bronzemedaillengewinner der Olympischen Winterspiele von Nagano.

Als an Erfahrung junger Trainer der deutschen Spitzenpaare Fitze/Rex und Nönnig/Bleyer steht der 37 Jahre alte Steuer schon vor dem Karriereende. "Das wächst mir alles über den Kopf", sagt er immer wieder, wenn er erklären soll, warum er nach der Weltmeisterschaft 2004 in Dortmund seinen Posten aufgeben will. Knall auf Fall hat der auf dem Eis um professionelle Pointen nie verlegene Autodidakt dem Präsidenten der Deutschen Eislauf-Union (DEU) seinen Ausstieg annonciert. Und der Berliner Reinhard Mirmseker fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen, konnte er doch glaubwürdig darauf verweisen, "daß niemand so viel Unterstützung bekommen hat wie Steuer".

Der aber kündigte, ohne die DEU vorher zu informieren, zum 31. Dezember seinen gut besoldeten Platz in der Frankenberger Sportkompanie der Bundeswehr, ehe er sich auch von seinem Trainerjob zum Ende dieser Saison lossagte. Warum dieser Sinneswandel bei einem "Eisverrückten" wie ihm? "Es sind private Gründe", beharrt Steuer auf seinem Recht zum Rückzug, "ich brauche eine Auszeit, denn mir ist alles zuviel geworden." Zuviel heißt bei ihm, daß der Chemnitzer seine Zeit zwischen den Einsätzen für seine Sportler, den Schaulauf-Verpflichtungen mit Mandy Wötzel und den Anforderungen seiner in Berlin lebenden Freundin Viki und seines frischgeborenen Filius Hugo nicht mehr aufteilen zu können glaubt.

Steuer hat sich vorerst für sein Privatleben entschieden, doch Mirmseker glaubt, daß der schwarzhaarige Kunstläufer für den Part des "Hausmanns" nicht geeignet sei. Der DEU-Präsident ist, gelinde gesagt, "befremdet" über das Solo des Paarläufers und kann vor allem nicht verstehen, daß er von Steuer vor vollendete Tatsachen gestellt wurde: "Wir hätten sonst doch sicher eine Lösung finden können." So aber verlasse ein noch lange nicht ausgereifter Trainer eine "Lebensstellung" beim Bund und dazu möglicherweise "demotivierte" Paare, die nun nicht genau wüßten, wie es mit ihnen weitergeht. Ingo Steuer will noch nicht alle Brücken zur DEU abbrechen. Vielleicht lasse sich die Eiszeit zwischen ihm und dem Verband doch noch vermeiden, vielleicht finde sich ja der von ihm seit langem geforderte Trainerassistent in Chemnitz, der ihn so lange vertreten könne, bis er in verantwortlicher Position zurückkehre.

Die DEU hat inzwischen ihre Fühler nach gestandenen Trainerinnen und Trainern aus dem vermutlich osteuropäischen Ausland ausgestreckt. Deutschland habe nämlich, lautete Mirmsekers jetzt erst recht gültiger Befund, "ein großes Trainerproblem". Außer Steuer versucht nur noch der Berliner Knut Schubert, dem Mirmseker nicht übermäßig viel zutraut, Paare von Rang zu formen und zu fördern. Chemnitz dagegen war unter der Regie von Meister Steuer dazu auserkoren, zur Lehranstalt für die hohe Schule des deutschen Paarlaufs zu reifen. Nun muß Mirmseker versuchen, einen Nachfolger für Steuer zu finden, der in seiner früherer Trainerin Monika Scheibe so etwas wie eine verläßliche Partnerin hätte.

An eine Kehrtwende von Ingo Steuer mag Reinhard Mirmeseker nach allem, was geschehen ist, nicht mehr glauben. Doch die Türen vollends zuschlagen will auch der Hörfunk-Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks in Sachsen-Anhalt nicht. Dafür ist der frühere Lieblingspreisrichter von Katarina Witt längst zu sehr Diplomat. Fürs erste aber zeichnet sich kein Salto rückwärts ab. Als Paarläufer auf der Spurensuche zu sich selbst muß Ingo Steuer ein neues rutschfestes Lebensprogramm finden. Freundin Viki und Sohnemann Hugo werden ihm dabei Halt zu geben versuchen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2003, Nr. 277 / Seite 30

 

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