21.01.2009 · Dank eines triumphalen Schlussauftritts holen sich Aljona Savchenko und Robin Szolkowy aus Chemnitz ihren dritten Europameistertitel und ziehen mit Kilius/Bäumler gleich: Die Deutschen düpierten in Helsinki nach dem Ausrutscher im Kurzprogramm die russische Konkurrenz.
Von Roland Zorn, HelsinkiAm Ende war es eine wunderbare Demonstration. Vergessen der Hänger vom Tag zuvor, als Aljona Savchenko und Robin Szolkowy für einen Moment daran zweifeln konnten, ob sie am Mittwochabend in Helsinki zum dritten Mal nacheinander Paarlauf-Europameister im Eiskunstlauf werden könnten. Szolkowy hatte seinen Sturz beim Dreifachtoeloop im Kurzprogramm glänzend verarbeitet, und seine Partnerin bewies sowieso wie fast immer höchste eisläuferische Klasse. Vom zweiten Platz, den die beiden Chemnitzer nach Teil eins ihrer jüngsten Härte- und Reifeprüfung hinter der russischen Kombination Muchortowa/Trankow belegt hatten, war nun keine Rede mehr.
Souverän, mit 15 Punkten Vorsprung waren die Weltmeister aufs Neue die Nummer eins in Europa vor den russischen Paaren Kawaguchi/Smirnow und Muchortowa/Trankow, die dem nervlichen Druck, gejagt zu werden, nicht standhielten. Mit dem dann doch triumphalen Schlussauftritt sind Savchenko/Szolkowy fast auf einer Höhe mit dem deutschen Traumpaar Kilius/Bäumler angekommen, die von 1959 bis 1964 Europas Serienmeister waren und damals Massen begeisterten.
Einsames Spitzenniveau des deutschen Paars
Der Massenappeal fehlt der gebürtigen Ukrainerin und ihrem thüringischen Partner noch. Dafür aber können sie nur in Maßen etwas, da der Eiskunstlauf heute in Deutschland nur noch am Rande des großen Interesses blüht. Machen die alten und neuen Europameister so weiter wie sie in Helsinki aufgehört haben, stehen die Chancen nicht schlecht, auch den im Vorjahr erstmals eroberten Weltmeistertitel Ende März in Los Angeles verteidigen zu können und danach das goldene Ziel Olympia 2010 in Vancouver ins Auge zu fassen. Erleichtert winkten die Sieger in die mit 7000 Zuschauer gut gefüllte Hartwall-Arena.
Die vom früheren Paarlauf-Weltmeister Ingo Steuer trainierten Chemnitzer weckten mit ihrer Kür Ovationen beim Publikum, das staunend und begeistert erlebte, wie die beiden in letzter Sekunde noch einen Dreifachwurfsalchow butterweich aufs Eis zauberten. Auch in den 3:45 Minuten davor prägte das einsame Spitzenniveau des deutschen Paars eine über weite Strecken mediokre Veranstaltung. Nur beim geplanten Dreifachsalchow , dem Problemsprung der Gewinner, mussten sich Savchenko/Szolkowy mit einer Doppellösung zufrieden geben. Ein kleiner Makel, der nicht weiter ins Gewicht fiel.
Ausrutscher im Kurzprogramm
„Das war in dieser Saison ihre bisher beste Leistung“, lobte selbst der sonst so strenge Steuer die Kür seines Spitzenpaars. Ein spezielles Kompliment hatte Steuer dann noch für Szolkowy übrig, den er am Dienstagabend noch heftig kritisiert hatte. „Robin hat sich heute schon im Training viel besser als zuletzt präsentiert. Er wollte zeigen, dass das gestern ein Ausrutscher war.“ 24 Stunden vorher hatte sich die Welt der Chemnitzer Paarlauf-Troika schlagartig verdunkelt.
Im Kurzprogramm legte Szolkowy, wie er danach sagte, „einen richtig sauberen Sturz hin“. Beim Dreifachtoeloop, einem Sprung, den der Neunundzwanzigjährige sonst mühelos beherrscht. Ein solch kapitales Missgeschick war dem Weltmeister zuletzt 2004 bei den Sachsenmeisterschaften widerfahren. Der Ausrutscher war wohl eine Ausnahme, und so hatte Steuer seinen Zorn vom Dienstag längst hinuntergeschluckt, als er Szolkowy „Überheblichkeit“ und eine „falsche Einstellung“ vorwarf. Es sei „schwieriger“ geworden, dem manchmal allzu gleichmütig wirkenden Läufer „etwas zu sagen, seitdem er Weltmeister ist“.
Gelegentlich wünsche er sich, sagte Steuer, „dass Aljona ihrem Partner nur ein kleines bisschen von ihrem Ehrgeiz abgäbe. Man muss für jeden Sieg hart trainieren und darauf seinen Fokus richten - und nicht auf seine Freunde.“
In seinem Ärger auf den am Dienstag fahrigen Szolkowy erinnerte der Coach an jenen Ingo Steuer, der sein Paar nach Platz zwei und fehlerhaftem Auftritt beim Kurzprogramm der WM 2008 in Göteborg mit Nichtachtung strafte und kein Wort mit ihm wechselte. Anschließend eroberten Savchenko/Szolkowy trotzdem erstmals den Titel - mit einer tadellosen Leistung. So ähnlich war es ein Jahr später zur Musik aus dem Film „Schindlers Liste“. Und da der letzte Eindruck der allerbeste war, löste sich schließlich auch die Anspannung im Lager der Chemnitzer Paarlauf-Gemeinschaft rasch in die reinste Freude auf.