28.01.2012 · Jewgeni Pluschenko, der alte Löwe, will das Eis noch nicht räumen, glänzt bei seiner Rückkehr und wird trotz Knieverletzung zum siebten Mal Europameister.
Von Roland Zorn, SheffieldAuf den letzten Runden zum Triumph schrie er seine Begeisterung heraus, und als es vorbei war, ballte er die Fäuste, warf Kusshände ins jubelnde Publikum, klatschte den Menschen zu, verbeugte sich mehrmals vor ihnen und war hin und weg. „Ich bin so stolz auf mich“, rief Jewgeni Pluschenko wenig später seinen 8000 Fans in der Sheffielder Motorpoint-Arena zu, „ich habe heute ein kleines Stück Geschichte geschrieben“. Das große soll bei den Olympischen Winterspielen 2014 in seiner Heimat Russland folgen, wo der dann 31 Jahre alte Sankt Petersburger noch einmal eine Medaille gewinnen will - die vierte nacheinander auf seiner Laufbahn zum Olymp. Das wäre ein einsamer Rekord für den immer noch spitzbübisch lächelnden Superstar On Ice. Am Samstagnachmittag ist Pluschenko zum siebten Mal Europameister geworden - das haben nur zwei Meister aus grauer Vorzeit, der Schwede Ulrich Salchow (neun Titel) und der Österreicher Karl Schäfer (acht), übertroffen.
Der Russe aber ist auch ein Comeback-Champion, hat er doch schon zweimal mit dem Wettkampfsport auf höchstem Niveau Schluss gemacht: 2006 nach seinem Olympiasieg in Turin und 2010 nach seiner Silbermedaille bei den Spielen von Vancouver. In Sheffield bekannte der gefeierte Gewinner der Herrenkonkurrenz (den Damenwettbewerb gewann am Samstagabend die nun viermalige italienische Europameisterin Carolina Kostner mit Bravour), dass er vom Spitzensport nicht lassen mag. „Ich kann nicht nur in Shows auftreten. Ich liebe den Wettkampf und seine einzigartige Atmosphäre.“ So auch am Samstag, als Pluschenko seinen 18 Jahre alten Landsmann Artur Gatschinski und den 21 Jahre alten französischen Titelverteidiger Florent Amodio hinter sich ließ. Er hat sich, obwohl er in zwei Wochen am linken Meniskus operiert wird, den jungen Rivalen aufs Neue gestellt - und diesen Kampf souverän bestanden.
Wie lange noch? Pluschenkos Ziel ist Sotschi, aber ob seine schon mehrmals chirurgisch behandelten Knie den Erfolgsdruck weiter aushalten, ist die Frage. Immerhin ist der Europameister klug genug, diese Saison nach Sheffield zu beenden. Bei der Weltmeisterschaft Ende März in Nizza startet er, der in Sheffield tagelang mit schmerzstillenden Spritzen in Form gehalten wurde, nicht. Trotzdem hat sich der charismatische Läufer über alle Widrigkeiten und Handikaps hinweggesetzt. Obwohl er nach dem Kurzprogramm, das er ohne Vierfachsprung absolvierte, angekündigt hatte, diese Höchstschwierigkeit mit Rücksicht auf seine Gesundheit auszulassen, setzte er bei der finalen Kür doch zu einem gewaltigen Vierfachtoeloop und zwei Dreifachaxeln an. Und er bewältigte sie, als wäre er noch ein Springinsfeld voll überschüssiger Kraft. Berauscht von seiner Fähigkeit, das Momentum auszukosten, vergaß er den Schmerz und steuerte vollgepumpt mit Emotionen und Adrenalin auf sein großes Tagesziel zu. „Das war der wahre Pluschenko“, jubilierte der Meister danach, als er seinen jugendlichen Sankt Petersburger Herausforderer Gatschinski, der gleich zwei Vierfachtoeloops überstand, in die Knie gezwungen hatte. „Jewgeni ist noch immer mein Idol“, sagte Gatschinski über den Star, mit dem er jeden Tag auf der Eisbahn des Yubeleini-Klubs trainiert. „Er kämpft weiter um die Medaillen - und das ist nicht leicht für ihn. Ich hoffe, er macht weiter und ich kann noch oft gegen ihn laufen.“
In Sheffield lagen, wohl auch aus Respekt und Ehrerbietung für den nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Internationalen Eislauf-Union zurückgekehrten Pluschenko, fünfzehn Punkte zwischen dem Klassenprimus und seinem Herausforderer. „Ich bin ja noch jung“, sagte Gatschinski und verbarg darin die Erwartung, sein Vorbild schon bald auch aus biologischen Gründen überflügeln zu können. Pluschenko aber, der alte Löwe, wird das Eis so schnell nicht räumen. Die kommende Saison will er komplett bestreiten und dann in Sotschi das große Finale einer überragenden Karriere feiern. „Ich werde“, lautete The King’s Speech im royalen England, „der König genannt, und der will ich noch eine Weile bleiben.“ Auch wenn es weh tut: Abzudanken kommt für Majestät Pluschenko erst nach Sotschi in Frage, wo der Russe ein letztes Mal nach der goldenen Krone seines Sports greifen will. So wie er in Sheffield den harten Kampf gegen sich selbst triumphal gewann, ist ihm noch einmal alles zuzutrauen. Auch ein wunderbares olympisches Karriereende.