27.01.2011 · Über Jahre hatte Eiskunstläufer Peter Liebers sich den Ruf eines begabten, aber nervenschwachen Springers erworben. Jetzt entdeckt er die Choreographie für sich und will bei der EM in Bern international von sich reden machen.
Von Roland Zorn, BernDie Zeit zwischen der deutschen und der Europameisterschaft hat ihm weh getan. Es waren Tage, an denen der Arzt mehr noch als die Trainerin gefragt war. Patellaspitzensyndrom heißt das Leiden, von dem Peter Liebers fürs Erste geheilt ist. Behauptet der deutsche Eiskunstlaufmeister zumindest. Schließlich muss er seinem Körper von diesem Donnerstag an auch vollkommen vertrauen, will er wie erhofft bei der EM in Bern erstmals einen Platz unter den zehn besten Europäern belegen. „Ich bin heiß darauf zu zeigen, was ich kann“, sagt der 22 Jahre alte Berliner, der in Europa und der Welt bisher noch nicht mit Spitzenplätzen von sich reden machte.
Nun aber ist er vielleicht so weit, nicht nur mit gelegentlich glückenden Dreifachaxeln ein Achtungszeichen zu setzen, sondern endlich auch als ausdrucksstarker Läufer angenehm aufzufallen. Der Bundeswehr-Hauptgefreite und Teilzeitstudent der Biotechnologie sagt über seinen Entwicklungsprozess als Läufer: „Ich bin inzwischen schon mehr der Künstler.“ Damit war kaum noch zu rechnen, da Liebers sich über Jahre den Ruf eines begabten, aber unter Wettkampfdruck nervenschwachen Springers erworben hatte. Seit dem vorigen Jahr jedoch hat er durch die Kooperation mit den nordamerikanischen Choreographen Lori Nichol (Kurzprogramm) und Shin Amano (Kür) mehr über sich erfahren.
Das verflixte rechte Knie
Inzwischen sendet Liebers auch körpersprachlich überzeugende Signale aus und wird dafür von den Preisrichtern belohnt. 75 Prozent des jüngsten Punktezuwachses in seinen Programmen, sagt der daheim von Viola Striegler betreute Läufer, kämen aus dem Komponenten-Segment, also dem, was früher die B-Note für den künstlerischen Ausdruck war. „Peter“, lobt seine Berliner Eislauflehrerin, „traut sich was, ist erwachsener und männlicher geworden. Er zeigt seine schlittschuhläuferischen Qualitäten.“
Wäre da nur nicht das verflixte rechte Knie, das ihm schon wiederholt zu schaffen gemacht hat. Seine Ärzte haben Liebers mit einer entzündungshemmenden und schmerzlindernden Therapie wieder auf die Beine gestellt, nachdem er einige Tage lang weder einen Lutz noch einen Flip noch einen Rittberger dreifach springen konnte - Sprünge mit rechts, die auf die Patellasehne drücken. Inzwischen sei er schmerzfrei, sagt der deutsche Meister, der aber vor seinen Auftritten trotzdem sicherheitshalber Schmerztabletten schluckt.
„Für mich gibt es keine Krankheitstage“
Dass der Weg zu einem stärker ausgeprägten Profil und zu mehr Erfolg nur über die Synthese aus sportlicher Qualität und künstlerischer Individualität führt, fördert mittlerweile die Deutsche Eislauf-Union (DEU) nachhaltig. So, wie sie im Einvernehmen mit seiner Heimtrainerin Liebers im vergangenen Jahr zweimal nach Kanada in die Tanzschule von Lori Nichol und Shin Amano schickte, so fördert sie auch seit 2010 die noch junge Kooperation der deutschen Meisterin Sarah Hecken mit dem italienischen Choreographen Edoardo de Bernardis. „Das“, sagt ihr Mannheimer Trainer Peter Sczypa, „ist so etwas wie der Schmuck auf dem Tannenbaum.“ Mit der dazugewonnenen Einsicht in die künstlerischen Werte ihres Sports kann die 17 Jahre alte dreimalige deutsche Meisterin wie Liebers in Bern ihr EM-Ziel, einen Rang unter den ersten zehn, in Angriff nehmen.
Allerdings ist auch die Gymnasiastin mit einem Handicap in die Schweiz gereist: Wadenbeschwerden und eine fiebrige Erkältung setzten ihr zu. Trotzig hielt Sarah Hecken mit ihrem Arbeitsgrundsatz dagegen: „Für mich gibt es keine Krankheitstage.“ Die beiden deutschen Meister wissen, dass die Kunst ihres Sports aus der Synthese zwischen artistischer Höchstleistung und kreativer Selbstdarstellung besteht. Der kommende Biotechnikfachmann Liebers weiß, dass es am Ende die rechte Mischung macht. „Wie sagte mein ehemaliger Chemielehrer? Die Dosis macht das Gift.“ Süßes Gift für Bern, so möchte der Berliner Entdecker des Künstlertums auf Kufen ein Schweizer Kracher werden.