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Eishockey-WM Russland - alte Supermacht im neuen Gewand

10.05.2009 ·  Das russische Eishockeyteam setzt im WM-Finale gegen Kanada auf Einheit und Ausnahmestürmer Kowaltschuk. Die Kanadier werden von Kind und Kegel unterstützt - und vielleicht auch vom Geist von Spiez.

Von Hans-Joachim Leyenberg, Bern
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Im Eishockey sind die Russen wieder eine Großmacht. In zwei Jahrzehnten verstärkte sich die Skepsis, ob es in einer jungen Demokratie jemals so werden könnte wie einst in der Diktatur sowjetischer Prägung, als der Weltmeistertitel Jahr für Jahr fast so gewiss war die Parade zum 1. Mai auf dem Roten Platz in Moskau. 1990 in Bern gab es den letzten Titel für die zerfallende Sowjetunion. Das Turnier in der Schweiz markierte das Ende einstiger Dominanz.

Schon ein Jahr zuvor schockierte die Flucht des jungen Alexander Mogilny unmittelbar nach der WM in Stockholm die sportliche Führung. Glasnost, da waren sie sich im Trainerstab einig, würde die Sitten in der „Sbornaja“ früher oder später verderben. Der Exodus der Könner gen Westen setzte ein - dem Lockruf der nordamerikanischen Profiliga NHL folgten die Cracks nur zu gern. 1993, als Deutschland den Gastgeber für die WM spielte, gab es ein letztes Hurra der Männer unter der Fuchtel von Trainer Viktor Tichonow. Beim Rückflug nach Moskau hatte er zwar den Siegerpokal dabei, doch es sollte für eine gefühlte Ewigkeit der vorerst letzte für die einst so stolze Eishockey-Nation bleiben.

Das Comeback der Russen ist von Dauer

Diese Leidensgeschichte ist erst im vergangenen Jahr in Quebec beendet worden, als die Russen Kanada ausgerechnet im Mutterland des Eishockeys als Weltmeister ablösten. An diesem Sonntag kommt es zur Neuauflage des Duells, das zum Klassiker dieses Sports wurde, als der Kalte Krieg noch an der Tagesordnung war. Im Frühjahr 2008 war noch darüber spekuliert worden, ob das Comeback der Russen von Dauer sein würde. Der Beweis ist mit dem Siegeszug in der Schweiz erbracht. Und zwar mit einem Ensemble, in dem sieben Profis aus der NHL und 18 aus der russischen Liga eine Einheit bilden. Zusammengeschmiedet von Wjatscheslaw Bykow, der einst unter Tichonow stürmte, mit dem Segen des Verbandes Fränkli in der Schweizer Liga verdiente und die eidgenössische Staatsbürgerschaft annahm, ohne seinen russischen Pass abzugeben.

Dieser Bykow ist ein Mann weniger Worte (siehe: Eishockey-WM: Russlands Eiserner Eisheiliger). Auf die neu gewonnene Konstanz seiner Auswahl angesprochen, sagt er mit einem Anflug von Ironie: „Teamwork mit einem jungen Team und einem jungen Trainer.“ Nach der Wende in der Weltpolitik beschwor der russische Verband mit autoritären Trainern von gestern und Spielern mit neuem Selbstverständnis den Generationskonflikt herauf. Bykow heißt der größtmögliche gemeinsame Nenner. Ein Mittler auch zwischen den alten Haudegen wie Alexander Medwedew, Chef der russischen Liga, Verbandspräsident Wladislaw Tretjak und einem aktuellen Star wie Ilja Kowaltschuk.

Kanada mit Kind und Kegel

Der 26 Jahre alte Flügelspieler gilt Beobachtern als die perfekte Synthese von Dynamik und Eleganz auf dem Eis. Er spielt so ganz nach dem Geschmack der vielen Russen auf den steilen Rängen der Berner Arena, die jeden Auftritt ihrer Lieblinge zum Heimspiel machen. Man ist wieder wer als russischer Fan. Nicht zuletzt dank Kowaltschuk, dem während der WM in Kanada erst am Schlusstag der erste Treffer des Turniers gelang. Sein Tor zum Ausgleich kurz vor der Schlusssirene bescherte den Russen so etwas wie die Entschlüsselung des Siegergens von einst - in der Verlängerung traf Kowaltschuk zum 5:4.

Die Niederlage vom letzten Mai hat die Kanadier bis ins Mark getroffen. Vielleicht hilft ihnen ja der Geist von Spiez. Wie einst Herberger und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft haben die Kanadier Quartier am Thuner See bezogen. Nicht im „Bellevue“, sondern im Single Hotel „Eden“. Nicht alleine und auch nicht auf der Suche nach Zerstreuung. Der Herausforderer des Weltmeisters ist mit Kind und Kegel angereist, der Tross ist 135 Personen stark. „Die Ehefrau im Zimmer ersetzt den Wachhund vor der Tür“, folgerte eine Schweizer Zeitung. Es sind halt andere Zeiten als 1990, als der kanadische Männerbund in einem Berner Stadthotel abstieg und sich frühzeitig verabschiedete.

Bykow, dessen Sohn in der ersten Schweizer Liga eine blendende Rolle auf dem Eis abgibt, ist gefragt worden, ob er mit Blick auf den russischen Triumph mit ihm als Stürmer noch an 1990 mit Bern als gutem Pflaster denke? „Nein“, lautete die Antwort, mit einem Zusatz: „Das wird auch nach dem Finale so sein.“ Bykow blickt nach vorn, nicht zurück. Er ist längst in der Realität angekommen. Ein offenes Erfolgsgeheimnis.

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Jahrgang 1943, Sportredakteur.

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