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Eishockey-Nationalmannschaft : Deutschland verpasst Olympia

Endstation Qualifikation: Deutschland verpasst das Ticket für Sotschi Bild: dpa

Deutschland schlägt Österreich nicht in regulärer Spielzeit - und schaut 2014 beim olympischen Eishockeyturnier zum ersten Mal seit 1948 zu. Der Bundestrainer will dennoch bleiben.

          Es war ein Abmarsch im Eiltempo. Mit schnellen Schritten und hängenden Köpfen zog es die Eishockey-Nationalspieler runter vom Spielfeld. Das 3:2 nach Verlängerung (1:0, 0:1, 1:1, 1:0) gegen Österreich war ein Sieg der unangenehmen Art.

          Die Schmach, dem eigentlich bezwungenen Gegner danach beim Tanzen und Faxen machen mit seiner kleinen Fangemeinde zusehen zu müssen, wollte sich keiner der Männer in den schwarz-rot-goldenen Trikots antun: Sie flüchteten in die Kabine und knallten die dunkelblaue Tür in den Katakomben der Arena von Bietigheim-Bissingen frustriert zu. Trotzdem drangen derbe Flüche aus der Umkleide heraus.

          Die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) belegte beim Qualifikationswettbewerb für Olympia 2014 mit sechs Punkten nur den zweiten Rang. Sie hätte bei dem Vier-Nationen-Turnier in Bietigheim-Bissingen Erster werden müssen, um noch einen Startplatz für die Winterspiele in Sotschi zu ergattern.

          Dafür hätten sie nach der vorangegangenen Niederlage gegen Italien im Nachbarschaftsduell ein Happy End in regulärer Spielzeit benötigt; dazu war sie aber, auch weil sie abermals mit den eigenen Nerven und einer bemerkenswerten Abschlussschwäche zu kämpfen hatte, nicht in der Lage. So setzte sich das Team Austria als „Lucky Looser“ in der Schlussabrechnung knapp durch und fährt nun im Februar in zwölf Monaten nach Russland - dank des einen Zählers Vorsprungs, den es schon für das Erreichen der Overtime gab.

          Und nun? Bundestrainer Pat Cortina
          Und nun? Bundestrainer Pat Cortina : Bild: dpa

          Den Treffer von Patrick Reimer in der 63. Minute zum Endstand konnten die Verlierer locker verschmerzen, „der war uns völlig wurscht“, wie Kapitän Thomas Koch freimütig einräumte. Er und seine Mitstreiter hatten sich bereits zum Abpfiff des dritten Drittels jubelnd in den Armen gelegen und beschränkten ihre Gegenwehr danach nur noch auf das Nötigste.

          In Sotschi wird der DEB erstmals seit 1948 nun nicht mit einem Männer-Team vertreten sein. Präsident Uwe Harnos sprach von einem „bitteren Tag in der Geschichte“ des Verbandes; dass sich parallel die deutschen Frauen bei einem Wettbewerb in Weiden/Oberpfalz ihr Olympiaticket verdient hatten, mache ihn „glücklich“, sagte der Funktionär, in dessen konsternierte Miene keine Spur von Freude zu erkennen war.

          Finanzielle Förderung steht zur Debatte

          Für den finanziell klammen DEB hätte ein Auftritt bei Olympia besondere Bedeutung gehabt: Von den im öffentlich-rechtlichen Programm übertragenen Partien in Sotschi hatte sich Harnos das Interesse neuer Sponsoren versprochen.

          Stattdessen steht nun auch die Förderung des Bundesinnenministeriums, die sich zuletzt auf rund 500.000 Euro belief, in den kommenden Gesprächen über die Zielvereinbarungen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund zur Debatte. Eine Kürzung ist wahrscheinlich. Er fühle sich „bescheiden“, sagte Harnos denn auch, ehe er sich am Sonntagabend zurückzog.

          Österreich kam als Außenseiter und ging als Olympia-Teilnehmer
          Österreich kam als Außenseiter und ging als Olympia-Teilnehmer : Bild: dpa

          Im hitzigen Nachbarschaftsduell gegen den Weltranglistensechzehnten gelang den im internationalen Ranking um sechs Plätze besser notierten Deutschen zunächst im Powerplay in Führung: Benedikt Kohl fälschte einen Schlagschuss von Constantin Braun zum 1:0 ab (19. Minute). Mit dem Vorsprung im Rücken traten die Gastgeber danach selbstbewusster auf, fuhren die Checks in den Ecken zu Ende und ließen in den Zweikämpfen keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit - was fehlte war wie schon gegen Holland und Italien eine vernünftige Chancenverwertung.

          So blieb es spannend, auch weil Österreich mit seinen Möglichkeiten cleverer umging; Robert Lakos traf mit einem Schlagschuss zum 1:1 (32.). Nachdem Michael Wolf zum 2:1 getroffen hatte (50.) sah es so aus, als würden die Deutschen ihre Bewährungsprobe bestehen, doch ein leichtfertiger Puckverlust unmittelbar vor ihrem Torhüter Robert Zepp machte alles zunichte: Markus Peintner war mit dem 2:2-Ausgleich zur Stelle (52.), den er und seine Mitstreiter mit Hand und Fuß über die Zeit retteten.

          „Warten wir die Weltmeisterschaft im Mai ab“

          Bundestrainer Pat Cortina nannte das Ergebnis „schwer zu akzeptieren“. Er sei in erster Linie enttäuscht für seine Spieler, von denen einige Tränen vergossen: „Vor allem für die älteren tut es mir leid, weil für sie der Traum von Olympia, der sich ihnen in ihrer Karriere vermutlich nicht mehr bietet, geplatzt ist.“

          Der Italo-Kanadier, erst im vergangenen Spätsommer bis 2015 verpflichtet, schloss für sich personelle Konsequenzen nach dem Scheitern aus: „Es ist ein Drama“, sagte er, „aber die Situation bietet auch die Chance zum Neubeginn.“ Die wolle er wahrnehmen: „Ich mache weiter.“

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          Harnos sagte ebenfalls, dass das Desaster keine unmittelbaren Personalentscheidungen nach sich ziehen werde. Es sei „schließlich nicht Cortina gewesen, der die Tore nicht gemacht hat“. Einen verbindlichen Treueschwur für den Chefcoach wollte er aber nicht abgeben: „Vom Grundsatz her ist es ein Drei-Jahres-Vertrag. Warten wir die Weltmeisterschaft im Mai ab.“

          Deutschland - Österreich 3:2 n.V. (1:0,0:1,1:1)

          Deutschland: Tor: Zepp (Eisbären Berlin) Abwehr: Baxmann (Eisbären Berlin), Braun (Eisbären Berlin) - Goc (Adler Mannheim), Moritz Müller (Kölner Haie) - Kohl (Grizzly Adams Wolfsburg), Petermann (EHC München) - Ebner (Düsseldorfer EG) Sturm: Marcel Müller (Modo Hockey/SWE), Hospelt (Grizzly Adams Wolfsburg), Rankel (Eisbären Berlin) - Michael Wolf (Iserlohn Roosters), Barta (Rögle BK/SWE), Gogulla (Kölner Haie) - Kink (Adler Mannheim), Schütz (Kölner Haie), Reimer (Nürnberg Ice Tigers) - Flaake (Hamburg Freezers), Festerling (Hamburg Freezers), David Wolf (Hamburg Freezers) - Pietta (Krefeld Pinguine)
          Österreich: Tor: Starkbaum Abwehr: Trattnig, Lakos - Unterluggauer, Florian Iberer - Schumnig, Altmann - Lukas Sturm: Michael Raffl, Koch, Baumgartner - Matthias Iberer, Ulmer, Hundertpfund - Thomas Raffl, Welser, Schuller - Rotter, Oberkofler, Peintner
          Schiedsrichter: Laaksonen/Sindler (Finnland/Tschechien)
          Zuschauer: 4167 (ausverkauft)
          Tore: 1:0 Kohl (18:41), 1:1 Lakos (31:46), 2:1 Michael Wolf (46:54), 2:2 Peintner (52:22), 3:2 Reimer (62:34)
          Strafminuten: 4 / 16

          Quelle: F.A.Z.

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