Sie waren eigentlich auf einer gemeinsamen Dienstreise. Doch am Mittwoch nachmittag, während der B-Weltmeisterschaft der Eishockey-Junioren in Slowenien, trennten sich die Wege von Franz Reindl und Greg Poss. Bundestrainer Poss bat seinen Chef Reindl darum, seinen Vertrag beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) aufzulösen. Der Amerikaner hatte ein Angebot von den Mannheimer Adlern aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) erhalten.
Ein Angebot, das Poss offenbar verführerisch genug fand, dafür den Job als Bundestrainer aufzugeben. DEB-Sportdirektor Franz Reindl zeigte Verständnis. Er machte den Weg frei für Poss, der bei den Adlern den entlassenen Coach Stephane Richer ablöst. "Das ist eine Superchance für Greg", sagte Reindl - und stand mir nichts, dir nichts ohne Bundestrainer da. Aber nur einen knappen Tag lang.
Während Poss am Donnerstag morgen das erste Training bei den Adlern leitete, wurde in Slowenien eifrig darüber diskutiert, wer wohl neuer Bundestrainer wird. Eine Überraschung kam nicht dabei heraus: Uwe Krupp, bisher Assistenztrainer von Poss, wird übernehmen (Siehe auch: Kommentar zur Ernennung von Eishockey-Bundestrainer Krupp: Schöne Bescherung!). Klaus Merk bleibt Torwart- und Ko-Trainer. Eine naheliegende Lösung. "So kurz vor Olympia können wir keine Experimente wagen. Wir brauchen einen, der sich auskennt", sagte Reindl. Und obwohl der 40 Jahre alte Krupp, ehemaliger Profi in der nordamerikanischen Profiliga NHL und zweimal Stanley-Cup-Gewinner, keine langjährige Erfahrung als Trainer hat, war er die erste Wahl. Eine Notlösung? "Wir haben keine Not", sagt Reindl. "Uwe Krupp ist prädestiniert für den Job. Er kennt die Spieler und spricht ihre Sprache."
Eine glück- und erfolglose Beziehung
Greg Poss und die Nationalmannschaft - das war eine glück- und vor allem erfolglose Beziehung, die nur 439 Tage dauerte. Im Frühjahr 2004 wurde Poss Nachfolger von Hans Zach, der völlig überraschend zurückgetreten war, weil ihm die Kritik an seiner allzu defensiven Spielweise auf den Magen geschlagen war. Unter Poss sollte alles anders werden. Er forderte mehr Mut zum Risiko, versprach offensives und attraktives Eishockey. Doch vom angekündigten Sturm und Drang war nichts zu sehen, wohl auch, weil dies ganz und gar nicht zur Spielart deutscher Eishockeyprofis paßt. Bei der Weltmeisterschaft in Österreich erlebte der Träumer Poss in diesem Frühjahr jedenfalls seinen Albtraum.
Das deutsche Team, das unter Hans Zach wieder den Anschluß an die Weltspitze hergestellt hatte, stieg in die B-Gruppe ab. Es folgte eine Posse um Poss. Erst hieß es, der Bundestrainer müsse seinen Posten räumen. Das war Reindls Position. Dann machte sich DEB-Präsident Hans-Ulrich Esken für ein Bleiben des umstrittenen Trainers stark - und gewann den Machtkampf. Und damit beide Parteien ihr Gesicht wahren konnten, kamen die Verbandsoberen auf die diplomatische Idee, eine Doppelspitze zu installieren. Uwe Krupp, der schon damals als Bundestrainer im Gespräch gewesen war, wurde Assistent. Nun ist er Chef. Das hätte auch schneller gehen können.
Wieder in den Liga-Alltag zurück
Anstatt das deutsche Team auf die Olympischen Winterspiele in Turin im Februar und die B-WM in Amiens vorzubereiten, kehrt Greg Poss auf eigenen Wunsch wieder in den Liga-Alltag zurück. In Mannheim wartet ein hartes Stück Arbeit. Denn beim DEL-Rekordmeister ist die Not groß - mindestens so groß wie in der deutschen Nationalmannschaft. In dieser Saison hatten die Adler eigentlich viel vor. Sie waren vom maroden Stadion im Friedrichspark in die imposante SAP-Arena umgezogen - fest gewillt, ihrem Publikum dort Woche für Woche eine spektakuläre Show zu bieten. Nichts davon wurde bislang wahr. Ganz im Gegenteil: Die Adler nerven ihre Fans. Als Tabellenzehnter laufen sie sogar Gefahr, die Play-off-Runde zu verpassen. Es bestand also akuter Handlungsbedarf in der Kurpfalz. "Wir mußten uns für diesen Schritt entscheiden. Der Abstand zu den Play-off-Plätzen war zu groß", sagt Adler-Manager Marcus Kuhl zur Entlassung von Richer. 16 Niederlagen in 30 Partien - das paßt nicht zu den Ansprüchen der Mannheimer Adler.
Mit Poss soll sich das ändern. Kurzfristig gelte es jetzt, die Play-off-Runde zu erreichen. Langfristig soll der Amerikaner, der vor seinem Job als Bundestrainer in Iserlohn und Nürnberg gearbeitet hat, Eishockey made in Mannheim wieder zu einem Markenartikel machen. Vom Gewinn der Meisterschaft sprach Poss, der einen Vertrag bis 2008 erhielt, ausdrücklich noch nicht. Wohl aber darüber, daß er sich schon lange mit dem Gedanken getragen habe, den Posten als Deutschlands erster Eishockeytrainer aufzugeben. Spätestens nach dieser Saison habe er die Rückkehr zu einem Verein geplant, da ihm die tägliche Arbeit gefehlt habe. Das Angebot aus Mannheim habe die Rückkehr in die DEL beschleunigt: "Es wäre unfair gewesen, Olympia noch mitzumachen und sich nur die Rosinen herauszupicken." Doch ein Zuckerschlecken, das wird auch Uwe Krupp wissen, ist die Mission im Namen des deutschen Eishockeys längst nicht mehr.