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Eishockey Das Vaterland verzeiht dem Verräter nur langsam

13.05.2007 ·  Jewgenij Malkin spielt bei der Heim-WM nur noch um Bronze - und um Wiedergutmachung nach seiner Flucht. Den umstrittenen Wechsel des Eishockey-Stars vom Ural nach Amerika nennen die russischen Funktionäre „Sportterrorismus“.

Von Marc Heinrich
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Der verlorene Sohn ist zurück. Doch die Begeisterung über das Wiedersehen hält sich bei den Daheimgebliebenen in Grenzen. Sicher, die russischen Eishockeyfreunde bedachten auch Jewgenij Malkin bei dieser Weltmeisterschaft in Moskau bislang mit freundlichem Applaus. Doch die ganz große Begeisterung wurde ihm im Gegensatz zu seinen Mannschaftskollegen nicht zuteil. Daran änderten auch seine bislang fünf Tore wenig.

Die Anhänger der "Sbornaja" haben dem Zwanzigjährigen mit dem Lausbubengesicht und dem fehlenden Schneidezahn verziehen - verehren tun sie längst noch nicht wieder. Dem Stürmer mit den begnadeten Händen und den flinken Füßen haftet noch immer der Ruf des Vaterlandsverräters an. Dass er wie so viele seiner Kollegen im Herbst sein sportliches Glück lieber in Übersee suchte, nehmen ihm dabei nur die wenigsten übel. Was Malkin bis heute Ansehen kostet, sind die Begleitumstände, die seinen Wechsel vom Verein Metallurg Magnitogorsk zu den Pittsburgh Penguins zu einem auch in der mitunter verrufenen Profisportszene nicht alltäglichen Schurkenstück werden ließen.

Abschied bei Nacht und Nebel

Eigentlich hatte er sich im Sommer 2006 zwei weitere Jahre an das Team aus dem Ural gebunden, obwohl schon da die Pittsburgh Penguins aus der NHL lockten. Als er bei einem Trainingsaufenthalt in Finnland abends aus dem Mannschaftshotel verschwand, schwante den Betreuern zwar Böses, sie wähnten sich jedoch zunächst auf der sicheren Seite. Ohne Pass - den sein Trainer wohl wissend um die Veränderungswünsche seines Supertalents vorsichtshalber nach alter Ostblockmanier eingezogen hatte - konnte er doch nicht weit sein, dachten sich die Aufpasser.

Denkste! Die überrumpelten Russen hatten nicht mit der Raffinesse der beiden Berater des Spielers gerechnet, die ihren Klienten zunächst vier Tage in einem Hotel in Helsinki versteckten, mit freundlicher Unterstützung des amerikanischen Botschafters auch ohne gültige Papiere ein Visum auftrieben und Malkin unter falschem Namen bei Nacht und Nebel wie in einem schlechten Agentenfilm über den Atlantik ausfliegen ließen. Gennadij Welitschkin, Vereinspräsident in Magnitogorsk, nannte das Vorgehen "einen Akt von Sportterrorismus".

„Sie haben den Jungen mit Geld verrückt gemacht“

Sowohl eine umgehend eingereichte Klage auf Erfüllung des ursprünglichen Arbeitsvertrags als auch die Forderung nach einer angemessenen Entschädigung blieben erfolglos. Für Welitschkin ist Malkin weniger Täter als Opfer: "Sie haben den Jungen mit Geld verrückt gemacht." Für seine erste sechsmonatige Saison im Eldorado aller Kufencracks bekam der Neuling gleich 984.000 Dollar überwiesen.

Der Ärger über die Abwanderung des einstigen Lieblings in den Westen sitzt auf russischer Seite so tief, dass sich Verbandspräsident Wladislaw Tretjak in dieser Woche weigerte, mit der NHL eine Vereinbarung zu unterzeichnen, die künftig für jeden wechselnden Akteur eine Transfersumme von 200.000 Dollar garantieren würde. "Viel zu wenig", spottete der Duzfreund von Staatspräsident Wladimir Putin und ließ die zur WM aus New York angereiste Delegation in einem Hotel in Moskau sitzen.

In Übersee Everybody's Darling

In Nordamerika dagegen, wo inzwischen fast fünfzig Profis aus dem Land des einstigen Klassenfeindes ihr berufliches Auskommen gefunden haben, ist Malkin Everybody's Darling. Pittsburgh-Routinier Mark Recchi, immerhin über 1300 Mal in der besten Liga der Welt im Einsatz, stellte Verblüffendes über den Novizen an seiner Seite fest: "Ich mache solche Vergleiche zwar sehr ungern, doch Malkin erinnert definitiv an Mario Lemieux zu seinen besten Zeiten. Wenn man ihm auf dem Eis zusieht, wie er sich bewegt, mit welcher Präzision er schießt und passt, dann sieht man, dass er ein ähnlicher Star werden kann."

Ganze vier Wochen brauchte Malkin, um seinen neuen Arbeitgeber zu überzeugen, dass sich der ganze Aufruhr um seine Person gelohnt hatte. In seinen ersten sechs Spielen erzielte er bei jedem Auftritt einen Treffer - ein Kunststück, das in der neunundachtzigjährigen Geschichte der Liga zuvor keinem Rookie glückte. Bis zum Frühjahr brachte er es auf 33 Tore und 52 Vorlagen - eine sagenhafte Quote, die auch seinen Nationaltrainer Wjatscheslaw Bykow beeindruckte, der nach anfänglichem Zögern und gegen den Willen von Tretjak den Überflieger doch in seinen Kader berief.

Und der höfliche Rückkehrer bedankt sich für die Möglichkeit, in der alten Heimat ein wenig an seinem Ruf zu arbeiten, mit vorbildlichem Einsatz auf dem Eis und netten Worten über seinen Vorgesetzten abseits des Rings. "Es ist ein Vergnügen, mit Bykow arbeiten zu dürfen. Er sagt niemals: ,Macht dies oder das nicht', sondern vertraut uns. Wir können befreit aufspielen." An diesem Sonntag geht es, nach der 1:2-Halbfinalniederlage gegen Finnland, im Spiel um Platz drei um Bronze. Und für Malkin noch um ein bisschen mehr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.05.2007, Nr. 19 / Seite 19
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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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