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DSV-Sportdirektor Pfüller „Es gibt Biathlon nach Neuner“

 ·  Bald fehlt Magdalena Neuner den Biathleten. DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller hofft, dass die Sportart dennoch weitere Erfolge feiert. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Riesenfehler im Talentaufbau, Schießtests für Skilangläuferinnen und Umsteigerin Evi Sachenbacher.

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© dpa DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller (Mitte) bei der WM mit Bundesverteidigungsminister Thomas de Maiziere

Die WM in Ruhpolding ist die erwartet große Nummer. Erleben wir vielleicht sogar den absoluten Höhepunkt in der Entwicklung des Biathlon?

Biathlon hat mittlerweile einen Riesen-Level und damit auch einen gewissen Zenit erreicht, aber wenn wir es richtig anpacken, können wir auf diesem Level noch eine ganze Zeit weiterleben. Der Biathlonsport lebt längst nicht mehr nur von Deutschland und Neuner allein.

Es gibt also Biathlon nach Magdalena Neuner?

Auf alle Fälle.

Wie wichtig sind Erfolge im Biathlon für den Deutschen Skiverband?

Auch wenn uns Biathlon nicht in die Lage versetzt, die anderen Sparten mitzufinanzieren - das Gegenteil ist der Fall -, ist die Sportart für uns in der gesamten Außendarstellung wichtig. Und zwar deshalb, weil die Wintersportwochenenden im Fernsehen von drei großen Sportarten getragen werden: Biathlon, Skispringen und Ski alpin. Wenn eine Leistungssäule wegbrechen würde, ließe auch das Interesse des Fernsehens nach. Das können wir uns gar nicht leisten.

Die WM-Medaillen von Ruhpolding sind also für das Image des DSV unerlässlich?

So ist das. Auch wenn wir als Verband, was Biathlon betrifft, keinen Fernsehvertrag haben, wirkt das Ganze im System. Und da sind die Ergebnisse im Biathlon nicht wegzudenken. Das wäre ein Schaden, den man gar nicht beziffern kann.

Nun droht die große Lücke, weil Magdalena Neuner zurücktritt. Wie lange kann man es sich leisten, diese schwierige Zeit zu überbrücken?

Zwei Jahre könnte man schon von der restlichen Substanz leben. Wir haben Andrea Henkel, die punktuell ganz große Leistungen abliefern kann, wir haben dahinter Tina Bachmann und Miriam Gössner, die noch leistungsfähiger und stabiler werden müssen. Aber dann fehlt uns leider in der Altersklasse zwischen 19 und 23 Jahren der eigene Biathlon-Nachwuchs. In den jüngeren Jahrgängen gibt es zwar wieder Talente wie Franziska Preuss, aber die brauchen Zeit.

Hat sich der Verband Versäumnisse in der Nachwuchsarbeit vorzuwerfen?

Natürlich kann man beim Verband anfangen. Es liegt aber nicht an der strukturellen Ausrichtung. Es ist am Ende, wie es auch jahrelang im Skisprung war: Wenn man über Jahre in der Weltspitze vornewegschwimmt, und das gleich mit drei, vier Athleten, dann entsteht unten der Eindruck: Das kriegen wir schon hin. Und dann lässt man nach. Das ist ein Riesenfehler, und den haben wir uns alle vorzuwerfen. Eine wie Neuner wird sicher nicht jedes Jahr geboren, aber dass die Lage jetzt so schwierig ist, hängt auch mit den Maßstäben zusammen, die unsere Trainer nicht hatten. Da hätte der Verband oder sogar ich eingreifen müssen.

Jetzt haben Sie eingegriffen - und neun Langläuferinnen per Brief zu einem Biathlon-Test eingeladen.

Ja. In so einer Situation ist es doch legitim, über den Tellerrand zu schauen. Miriam Gössner hat dazu beigetragen, dass wir im Langlauf bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zwei Staffel-Medaillen gewonnen haben. Und jetzt müssen wir umgekehrt mal einen Hilferuf an den Skilanglauf loslassen. Dass darüber nicht jeder Langlauftrainer glücklich ist, weiß ich, aber wenn man sieht, welche Langläufer schon Biathleten geworden sind, nicht nur in Deutschland...

Aber ist es heute nicht eher umgekehrt: dass Biathleten im Langlauf Erfolg haben? Miriam Gössner haben Sie selbst erwähnt, der Norweger Lars Berger ist sogar Weltmeister geworden...

Ich denke schon, dass das gelingen kann. Wichtig ist, dass jemand den Willen und das Schieß-Talent mitbringt. Dann ist es auch heute möglich, innerhalb von ein, zwei Jahren Fuß zu fassen.

Nach welchen Kriterien sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

Es gibt zwei: Das Alter - von 23, 24 Jahren bis runter zu 19. Und die Leistungsfähigkeit. Wir brauchen niemanden zu testen, der es nicht einmal im Langlauf schafft. Es passiert also nicht, dass wir aus mittelmäßigen Langläuferinnen Spitzen-Biathletinnen machen wollen. Deshalb haben wir den Kreis auch auf neun Kandidatinnen eingeschränkt.

Können Sie Namen nennen?

Ich will nicht alle runterbeten, aber Hanna Kolb ist dabei, Denise Herrmann. Das sind die zwei Wichtigsten. Dazu Monique Siegel, Lucia Anger, Sandra Ringwald.

Was ist mit Olympiasiegerin Evi Sachenbacher-Stehle, die in der Biathlon-Gruppe von Trainer Ricco Groß mittrainiert, um neue Reize zu setzen?

Das hat sich ganz einfach ergeben. Sie hat sich eine Auszeit vom Langlauf genommen und ist schon im Herbst mit den Biathleten ins Trainingslager nach Muonio gefahren. Das hat ihr Riesenspaß gemacht, und sie hat Interesse daran gefunden, auch mal Schießen zu trainieren. Als sie zurückgekommen ist, hat sie eine Waffenbesitzkarte erworben und macht auch Trockentraining. Sie hat gesagt, dass sie im Langlauf nicht mehr die Motivation habe. Bei Ricco Groß habe sie wieder Kraft geschöpft. Ich habe sie selten so locker und motiviert erlebt wie im Gespräch gestern. Sie will Biathlon angehen und es probieren.

Aber sie ist schon 31 Jahre alt.

Das ist ein Risiko, das weiß sie. Wir werden ja sehen, wie sich das im Sommer und Herbst entwickelt. Die Trainer werden das schon richten.

Wie weit kann der Verband überhaupt eingreifen, wer welchen Sport machen soll?

Es hat überhaupt keinen Sinn, auf Athleten einzureden. Man kann nur versuchen, sie zu überzeugen, ihnen die Möglichkeiten aufzuzeigen. Bei den Trainern kann man etwas deutlicher werden. Das sind unsere Angestellten, und die müssen sich auch in eine gewisse Verbandshierarchie einordnen. Und mein Argument bei den Langlauftrainern ist: Wenn der Biathlonsport der Frauen wegbrechen würde und wir deutliche Einbußen hätten im Fernsehbereich, aber auch bei unseren großen Sponsoren, vielleicht sogar im siebenstelligen Bereich, dann würde es als Erstes die treffen, die jetzt vielleicht so ein Projekt blockieren.

Aber reißen Sie damit nicht eine große Lücke in den Langlauf? Die Decke ist ohnehin sehr dünn. Cheftrainer Jochen Behle klagt doch auch so schon.

Die haben dann vielleicht noch eine größere Lücke, aber man muss doch ehrlich sein: Wir holen keine Skilangläuferin weg, die in den nächsten drei, vier Jahren um Einzelmedaillen kämpfen könnte. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder gute Staffeln geliefert. Das wollen wir auch in Zukunft - auch bei Olympia. Im Langlauf haben wir in den letzten Jahren in puncto Einzelmedaillen eher nicht so viel bewegt. Das sind die Tatsachen, und da muss man abschätzen, ob man einen Bereich schwächt - und das ist in der Tat so, alles andere wäre gelogen. Aber die Zusammenarbeit zwischen Biathlon und Langlauf wird auch Synergie-Effekte erzeugen, für beide Bereiche.

Wie denn?

Wir haben in unseren Stützpunkten nicht überall leistungsstarke Trainingsgruppen. Und wir haben nicht überall die absoluten Spitzentrainer. Es könnte auch eine Langläuferin davon profitieren, wenn sie in einer leistungsstarken Biathlon-Gruppe mit einem Spitzentrainer mal ein etwas anderes System trainiert. Die Biathleten, die in der Weltspitze im Langlauf aufschlagen, trainieren das ganze Jahr Biathlon und sind auch im Langlauf mit vorne dabei. So weit liegen die Systeme ja nicht auseinander.

Wie soll denn so ein Crash-Kurs mit dem Kleinkalibergewehr aussehen?

Sollte der Kurs zustande kommen, haben wir Frauentrainer Ricco Groß beauftragt, nach Saisonende mit den Kandidatinnen entweder in Ruhpolding oder in Oberhof vier Tage lang ein Schießtraining zu absolvieren. Dann sieht man schon, wer gewisse Ansätze zeigt. Wo das der Fall ist, gibt es im April einen zweiten Lehrgang. Und denen, die übrigbleiben, muss man einen Kaderstatus im Biathlon geben und sie mittrainieren lassen. Sollte das nach ein, zwei Jahren gar nicht funktionieren, können sie immer noch zum Langlauf zurückkehren. Niemand wird in seiner läuferischen Entwicklung durch so einen Schritt gebremst.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass dieser Crashkurs überhaupt zustande kommt?

Wenn ich nicht hoffen würde, hätte ich mir die ganze Arbeit sparen können. Ich hoffe, dass sich zumindest drei oder vier melden. Und vielleicht springt die ein oder andere dann noch auf. Aber das weiß ich erst in drei Wochen.

Das Gespräch führte Claus Dieterle.

Quelle: F.A.Z.
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