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Dopingforscher Franke zum Fall Pechstein „Weiß ihr Knochenmark, wann Wettkämpfe sind?“

16.03.2010 ·  Hämatologen haben Claudia Pechstein entlastet. Eine Erbkrankheit soll verantwortlich sein für die erhöhten Werte der gesperrten Eisschnellläuferin. Der Dopingforscher Werner Franke glaubt im F.A.Z.-Interview nicht an eine solche Erklärung.

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Einige Hämatologen haben die vermeintliche Dopingsünderin Claudia Pechstein entlastet. Eine Erbkrankheit soll verantwortlich sein für ihre erhöhten Werte. Der Dopingforscher Werner Franke glaubt im Interview nicht an eine solche Erklärung.

Haben Sie die Aussagen der Hämatologen in Berlin von Claudia Pechsteins Unschuld überzeugt?

Die haben mich überhaupt nicht überzeugt.

Wieso?

Tut mir leid, dass ich nur noch satirisch auf solche Fragen antworten kann. Jetzt müsste man doch sagen: Donnerwetter, sie haben eine ansteckende Form einer leistungsmindernden Blutanomalie – ausgerechnet bei Ausdauersportlerinnen – entdeckt! Ja, sie muss unter Eisschnellläufern ansteckend sein. Schließlich hat das Bundeskriminalamt erst letzte Woche zwei weitere Fälle von erhöhten Prozentanteilen von Retikulozyten (Vorstufe der Roten Blutkörperchen) gefunden. (bei Heike Hartmann und Bente Kraus, d. Red.) Wir haben es also nicht mehr mit einem Solo von Claudia Pechstein zu tun.

Kann es sich bei Claudia Pechstein nicht trotzdem um eine Anomalie handeln?

Dann wäre ja in der Anomalie sogar noch eine Rhythmik drin. Zur WM in Hamar waren ja die Werte erhöht, eine Woche später lagen sie wieder im Normalbereich. Das ist also eine Anomalie, die besonders häufig bei wichtigen Wettkämpfen auftritt. Dass ich nicht lache! Wenn die Werte immer erhöht wären, könnten wir darüber diskutieren. Aber wie soll denn ihr Knochenmark wissen, wann sie große Wettkämpfe hat?

Die Experten haben Epo-Doping aber völlig ausgeschlossen.

Das glaube ich sogar.

Wie bitte?

Aus der Vergangenheit, etwa im Radsport, ist längst bekannt, dass niedrig dosierte Anabolika wie zum Beispiel Andriol auch zur Verbesserung der Blutbildung genommen werden können. Man schluckt sie abends – am nächsten Mittag sind sie schon nicht mehr nachweisbar.

Dienen Anabolika nicht eher der Muskel- als der Blutbildung?

Wann geht das endlich in die deutschen Köpfe rein, dass die Steroide auch Auswirkung auf die Bildung der Roten Blutkörperchen haben?

Sie vermuten also, dass Claudia Pechstein sich mit Anabolika gedopt hat?

Ich sage nur, das würde ausreichen, um zu den vorliegenden Werten zu kommen.

Warum ist darauf denn noch niemand gekommen?

Ich bleibe sarkastisch: Dieses Wissen verlange ich bei Biologiestudenten schon im Vordiplom. Steroide wirken besonders beim weiblichen Geschlecht positiv auf die Bildung von Roten Blutkörperchen. Prozentuale Anstiege von Retikulozyten werden bereits in der Fachliteratur der sechziger Jahre als typisch dafür erwähnt. Die Untersuchungen stammen aus der therapeutischen Anwendung etwa bei Blutarmut. Diese Behandlung wurde weitgehend obsolet, als das Epo kam. Doch schon vor einem halben Jahrhundert wurde der Effekt der anabolen Steroide auf die Blutbildung therapeutisch genutzt.

Wieso haben die Hämatologen, die Pechstein am Montag für unschuldig erklärt haben, das nicht in ihre Überlegungen einbezogen?

Über Motivlagen und das Wissen von Kollegen mache ich mir schon lange keine Gedanken mehr.

Die Fragen stellte Evi Simeoni.

Quelle: F.A.Z.
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