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Dopingfall Pechstein Wer sind die Hintermänner?

25.11.2009 ·  Nach der Bestätigung der Dopingsperre für Claudia Pechstein durch den Internationalen Sportgerichtshof fordert DOSB-Präsident Bach ihre Kooperation: Sie soll im eigenen Interesse die Umstände ihrer Blutmanipulation benennen.

Von Anno Hecker
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Wer glaubt noch Claudia Pechstein? Am Mittwoch hat die fünfmalige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf nicht nur ihr Berufungsverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) gegen eine zweijährige Dopingsperre verloren. Auch Deutschlands national wie international einflussreichster Sportpolitiker, Thomas Bach, entzog der Athletin das Vertrauen: „Die Enttäuschung ist insbesondere bei einer so erfolgreichen Athletin wie Claudia Pechstein groß. Doping mit dieser wissenschaftlichen Expertise kann von einer Sportlerin nicht ohne Hilfe von Fachleuten bewerkstelligt worden sein. Deshalb fordern wir Claudia Pechstein in ihrem wohlverstandenen Interesse zur umfassenden Aufklärung auf“, sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees: „Die Hintermänner müssen bestraft werden.“

Bach hatte sich vor der Urteilsbestätigung durch den Cas hinter Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin gestellt und immer wieder die „Unschuldsvermutung“ angemahnt. Obwohl Claudia Pechstein von der Internationalen Eislauf-Union (Isu) schon im Juli wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrt worden war. Das Urteil des Cas im Berufungsverfahren, am Mittwoch veröffentlicht, überzeugte Bach, nun Position zu beziehen. Denn die Richter bestätigten nicht nur das Verfahren und die Sperre, die erst im Februar 2011 abläuft. Die drei angesehenen Juristen des Cas ließen in der Zusammenfassung ihrer 63-seitigen Urteilsbegründung auch nicht den Hauch eines Zweifels an ihrer Überzeugung. Sie halten die 37 Jahre alte Berlinerin für eine überführte Täterin: „Die Kammer ist der Ansicht, dass sie (die Werte) von einer verbotenen Blut-Manipulation der Athletin stammen müssen. Es ist die einzig verbliebene vernünftige Ursache für solch abnorme Werte.“

Pechstein sieht sich als Opfer eines sportpolitischen Komplotts

Claudia Pechstein reagierte entsetzt. Sie beteuerte abermals, „nie gedopt“ zu haben und attackierte wenige Minuten nach der Bekanntgabe des Urteils die letzte Instanz des internationalen Sportrechtssprechung. „Erst die Isu, jetzt der Cas. Ich habe lernen müssen, das es ausgerechnet vor Sportgerichten keinen Platz für Fair Play gibt“, teilte die Berlinerin in einer vorbereiteten Presseerklärung mit, „ich bin fest überzeugt, das ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis nicht scheitern lassen wollen.“ Claudia Pechstein, vor einer Woche noch siegesgewiss, sieht sich als Opfer eines sportpolitischen Komplotts, als „Versuchskaninchen“ des Antidoping-Kampfes.

Der Sportgerichtshof bestätigte nicht allein das Urteil, sondern damit auch das Vorgehen der Isu. Erstmals hatte der Verband allein anhand von einem Blut-Parameter eine Verurteilung ausgesprochen. Bei der Weltmeisterschaft in Hamar Anfang Februar waren bei Blutkontrollen der Deutschen eine abnorm hohe Zahl von Retikulozyten, junge rote Blutkörperchen, festgestellt worden. Sie lagen mit 3,49, 3,54 und 3,38 Prozent weit über dem zulässigen Grenzwert von 2,4 Prozent. Lange vor und kurz nach der Veranstaltung betrugen die Werte nur 1,74 und 1,37 Prozent. Diese Schwankungen gelten als Indiz etwa für den Einsatz von Blutdopingmitteln wie Erytropoietin.

„Keine Anzeichen für eine Blutkrankheit oder Anomalie“

Die Isu schloss natürliche oder krankhafte Ursachen aus und führte die Erhöhung auf eine Manipulation des Blutes zurück. Der Verband forderte Claudia Pechstein auf, im Zuge der bei Dopingverfahren üblichen Beweislast-Umkehr, ihre Unschuld zu beweisen. Die Pechstein-Partei hielt die Umkehr der Beweislast angesichts eines fehlenden positiven Dopingtests mit eindeutiger Benennung der verbotenen Substanz oder Methode zwar für nicht zulässig. Sie versuchte aber, über Gutachten Doping als Ursache der erhöhten Werte auszuschließen und führte als Begründung eine mögliche Blutkrankheit an. Außerdem hielt der Rechtsbeistand den Grenzwert der Isu für nicht allgemeingültig, verwies auf unzuverlässige Datensammlungen oder die Gefahr von Messschwankungen bei nicht ausreichend geeichten Analyse-Maschinen. Der Cas aber ließ sich in keinem Punkt überzeugen. „Die abnormal hohen Werte konnten von der Athletin nicht zufriedenstellend erklärt werden. Es gibt keine Anzeichen für eine Blutkrankheit oder Anomalie.“

Pechstein will das Gericht samt Urteil schnell hinter sich lassen. Obwohl sie nach fünf Wochen bangen Wartens auf das Urteil müde sein müsste, gab sie sich am Mittwoch kämpferisch: „Der gerichtliche Weg wird erst dann zu Ende sein, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat.“ Im Sport ist der Fall gelaufen. Eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Vancouver im Februar kann die Eisschnell-Läuferin nur noch über eine zivilrechtliche Klage erreichen. „Man muss damit rechnen, dass nun zahlreiche Verbände versuchen werden, Athleten auf Basis fragwürdiger Blutwerte zu sperren. Ich rechne mit einer Prozessflut“, sagte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann. Er wird einer der ersten sein. Pechstein will vor das Bundesgericht der Schweiz ziehen.

Die Karriere von Claudia Pechstein in Zahlen
Geboren: 20.02.1972
Olympische Spiele: 5 Teilnahmen, 9 Medaillen (5/2/2)
Weltrekorde:
6 - 2x 5000 m, 3x 3000 m, 1x Team-Verfolgung
Deutsche Rekorde:
10 - 2x5000 m, 4x 3000 m, 1x 1500 m, 1x Team, 2x Vierkampf
Mehrkampf-WM: 17 Teilnahmen - 11 Medaillen (1/8/2)
Einzelstrecken-WM:
11 Teilnahmen - 23 Medaillen (5/12/6)
Mehrkampf-EM:
17 Teilnahmen - 10 Medaillen (3/5/2)
Weltcup-Gesamtsiege: 3 (3x 3000/5000 m)
Weltcup-Streckensiege:
26 (5x 5000 m, 12x 3000 m, 6x 1500 m, 3x Team)
Deutsche Meistertitel: 13 (6x Mehrkampf, 5x 3000 m, 2x 1500 m)

Quelle: FAZ.NET / ahe.
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