08.02.2010 · Das Trainingskontrollsystem wird in Russland immer wieder unterlaufen. Ein bedeutendes Problem ist dabei die russische Gesetzgebung. Die Vorwürfe sind massiv, werden von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und dem IOC allerdings erstaunlich diskret behandelt.
Von Evi SimeoniIst jemand blass geworden? Zumindest äußerlich war den umsitzenden Athleten und ihren Betreuern nichts anzumerken, als die Lautsprecherdurchsage kurz nach der Landung des Fluges LH 429 in Vancouver außerordentliche Zollkontrollen ankündigte. Doch hatten wirklich alle ein reines Gewissen und nichts Verbotenes im Gepäck? Ein Blick in die bunte Runde brachte keinen Aufschluss. Nicht nur Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft befanden sich an Bord des Airbus, sondern auch Athleten aus Finnland, Kasachstan, der Ukraine und Russland.
Aus Russland - der Nation, die notorisch die Anti-Doping-Maßnahmen des Weltsports ignoriert. Über mehrere Olympiaden hinweg hat die Spitzensport-Population dieses Landes bewiesen, dass sie geistig in der Doping-Tradition der achtziger Jahre steckengeblieben ist. Doch auf dem Flug LH 429 ergab sich kein zusätzliches Problem: Beim kanadischen Zoll, der sich verpflichtet hat, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) jeden eventuellen Pharma-Schmuggelversuch einer akkreditierten Person zu melden, blieb alles ruhig.
Im Hintergrund allerdings braut sich etwas zusammen. Elf Doping-Fälle gab es in den vergangenen zwölf Monaten unter den russischen Spitzenleuten im Langlauf und im Biathlon. Erst vor knapp zwei Wochen musste das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands die Bronzemedaillengewinnerin von Turin 2006 im Langlauf-Sprint, Alena Sidko, wegen Dopings mit dem Blutverdicker Epo aus ihrem Olympia-Aufgebot streichen. Der Internationale Skiverband (Fis) will im Frühjahr über Sanktionen entscheiden. „Das Reglement gibt vieles her“, sagte Fis-Generalsekretärin Sarah Lewis in Vancouver. Möglich ist eine Geldstrafe, aber auch eine Sperre des ganzen russischen Verbandes. Oder der Entzug von internationalen Veranstaltungen. Oder gar der Ausschluss russischer Funktionäre aus Verbandsämtern, was besonders bitter wäre für Leonid Tjagatschew.
Der Vizepräsident der Fis ist zugleich Vorsitzender des russischen NOK. „Er ist sehr besorgt über die Situation“, sagte Sarah Lewis. Sie ist davon überzeugt, dass in Russland systematisch Doping betrieben wird. „Das zeigen die Ergebnisse“, sagte sie. „Es ist ein großes Problem.“ Auch für das Internationale Olympische Komitee (IOC), und das nicht nur, weil gedopte Russen immer wieder seine Spiele beschmutzen. Die nächsten Winterspiele nach Vancouver finden im russischen Badeort Sotschi statt. Und auch ein Problem für die russischen Würdenträger, die langsam erkennen, dass bis 2014 etwas geschehen muss.
Erstaunliche Diskretion von Wada und IOC
Die Vorwürfe sind massiv, werden von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und dem IOC allerdings erstaunlich diskret behandelt. Aus einem internen Protokoll von der Exekutivsitzung der Wada im Dezember 2009 in Stockholm, aus dem das ZDF am Sonntag in einer Dokumentation zitierte, geht allerdings unmissverständlich hervor, dass das Trainingskontrollsystem innerhalb der russischen Grenzen immer wieder unterlaufen wird. Ein bedeutendes Problem ist dabei die russische Gesetzgebung, so dass die internationalen Testprogramme zumindest bis vor kurzem ganz offiziell durch die Behörden behindert wurden.
„Die Gesetzgebung hat Schwierigkeiten für ausländische Doping-Kontrolleure geschaffen, innerhalb des russischen Territoriums zu arbeiten“, heißt es in dem Papier. Probleme ergäben sich auch beim grenzüberschreitenden Transport von Doping-Proben, beim Transport von Proben innerhalb der Grenzen und beim Import und Export von Ausrüstungsgegenständen für die Kontrollen. Das ZDF berichtete sogar vom Fall eines Doping-Fahnders, der mehrere Stunden in Arrest genommen wurde.
Hilfe aus Norwegen
David Howman, der Generalsekretär der Wada, ist wegen der dokumentierten Zustände mehrmals nach Russland gereist und hat mit Sportfunktionären und Politikern verhandelt. IOC-Präsident Jacques Rogge persönlich führte wiederholt Gespräche mit russischen Politikern, nicht nur mit dem Sportminister Witali Mutko. Im vergangenen September in Bern gipfelten seine diplomatischen Bemühungen in einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew. „Dabei wurde Russlands politischer Wille bekräftigt, Doping zu bekämpfen“, heißt es in einer IOC-Auskunft schlicht.
Seit Oktober 2009 hat die Wada der russischen Anti-Doping-Agentur ein Team von Aufpassern zur Seite gestellt. Die Kollegen von der norwegischen Agentur sollen „assistieren und anleiten“. Man helfe gerne, wird Geschäftsführer Anders Solheim in einer Erklärung zitiert, die Wada begrüße nachdrücklich solche Partnerschaften, um Anti-Doping-Fähigkeiten in Ländern und Regionen zu entwickeln, „die Hilfe brauchen“.
27 Medaillen wollen die Russen in Vancouver gewinnen
Zeit wird es: Bei intensivierten Kontrollen vor den Sommerspielen 2008 in Peking erwischte der Internationale Leichtathletik-Verband elf russische Sportler. Bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City musste Langläuferin Olga Danilowa ihre Goldmedaille wieder zurückgeben, vier Jahre später in Turin verlor die Biathletin Olga Pylowa Silber im Biathlon wegen positiver Proben.
Doch in Sack und Asche will Russland, zu Sowjetzeiten eine der dominanten Sportnationen, auch in Vancouver nicht gehen. 27 Medaillen, so zitierte die Zeitung „Iswestija“, wolle Russland bei diesen Spielen holen. Und man lässt sich nicht lumpen: 100.000 Dollar plus ein großes Auto bekommen Russen für einen Olympiasieg (ein zweiter soll diesen Lohn gleich versiebenfachen, einen Doppelsieger also - umgerechnet - zum Dollar-Millionär machen), Silber bringt 60.000 und Bronze immer noch 40.000 Dollar. Ein deutscher Athlet ist da vergleichsweise arm dran: Die Sporthilfe hat 15.000 Euro Prämie für Gold ausgelobt. Im internationalen Prämienvergleich liegen die Russen also wesentlich weiter vorn als im Anti-Doping-Kampf.