Die Sprechchöre im Stadion geben wieder, was in dieser Situation angemessen ist: "Fürchtet euch nicht, halleluja". Und später, wenn die Freiburger Wölfe mal wieder nach Toren hinten liegen, legt der trotzige Chor stimmlich nach: "Wir gewinnen sowieso." Damit ist eigentlich alles gesagt zur Freiburger Eishockey-Saison. Man ist Tabellenletzter der Deutschen Eishockey Liga (DEL) und kultiviert, da zu sein, wo man ist und so zu sein, wie man ist: nämlich Kult. Damit, so findet die Fraktion Eishockey, hätte man in der Stadt den SC Freiburg längst überholt. Der sei gar nicht mehr so anders, so alternativ wie einst, als man angefangen habe. Inzwischen aber seien Stadion, Mannschaft wie Management doch ziemlich auf Hochglanz poliert.
Beim EHC allerdings, der in diesem Jahr in seine zwanzigste Saison als Nachfolger des ERC geht, ist praktisch alles noch so, wie es früher war. In der Franz-Siegel-Halle ist mit dem Aufstieg in die DEL nur der Plastikschutz über den Banden hinzugekommen. Hier, so fanden Wayne Gretzky und Co, als sie vor neun Jahren einen Abstecher nach Freiburg machten, könnte man im Inneren der Arena eine wundervolle Kulisse finden, wenn man einen Film über die vierziger Jahre in der National Hockey League drehen wollte.
Im Management kokettieren Martin Wiedemann, der Mann für die Vermarktung wie Werner Karlin, der dritte Vorsitzende, ein wenig mit dem naiven, zeitlosen Charme dieses Klubs. Der verfüge über den kleinsten Etat der Liga, habe nach dem unvermittelten Aufstieg im Sommer bei aller Begeisterung keine "Jubelverträge" mit alten oder neuen Spielern abgeschlossen. Und wenn es denn zum Abstieg kommen sollte, nun ja, dann werde nach dem "kontrollierten Abstieg" der sofortige Wiederaufstieg angepeilt. Das Fundament dafür steht. Die Eliteliga habe sich, verglichen mit der Zweiten Liga, als wahrer Jungbrunnen erwiesen. Wurden in der Saison 2002/2003 noch 350 Dauerkarten an die Kundschaft gebracht, sind es in dieser Spielzeit 1500. Der Zuschauerschnitt stieg von 1700 auf gut 3000.
Wenn die Fans eines auszeichnet, ist es Geduld. Selbst der "verflixte" DEL-Rekord von 18 Niederlagen in Serie wurde ertragen, ohne sich von der offensichtlich überforderten Mannschaft abzuwenden. Für den Wechsel auf dem Trainerposten wurde eine sozialverträgliche interne Lösung gefunden. Cheftrainer Thomas Dolak bat den bisherigen Assistenz-und Nachwuchscoach Horst Valasek, den Posten zu übernehmen. Der Tscheche Dolak fungiert mittlerweile als Sportdirektor, Landsmann und Freund Valasek, ein Schwejk des Eishockeys, fing am Tag vor Heiligabend als Interimslösung an und ist seit dem 5. Januar der Häuptling des Rudels.
Er freute sich über ein kleines, vorübergehendes Hoch mit einem knappen Erfolg über die Hannover Scorpions und einem 10:5-Kantersieg über die Eisbären Berlin, erlebte am vergangenen Wochenende allerdings das 2:9 gegen die Frankfurt Lions und ein 3:6 am Sonntag bei den Kölner Haien. Damit haben die Wölfe immerhin schon 104 Tore erzielt, aber 183 kassiert. Bei noch 14 ausstehenden Partien und 22 Punkten Rückstand auf den Tabellenvorletzten Hannover Scorpions nach nur 17 Punkten in 38 Partien können sich die Wölfe schon heute auf die Play-down-Runde einrichten. Vielleicht gelingt ihnen ja dort ein ähnlicher Coup wie in der Play-off-Runde der Zweiten Bundesliga. Als Tabellensiebter wurden sie in der Play-off-Lotterie Primus. Es gab einen Autokorso, eine Woche habe man sich wie im Rausch befunden, erinnern sich selbst nüchterne Geister in der Universitätsstadt, nachdem sogar die Wirtschaftlichkeitsprüfung durch die DEL-Gremien bestanden wurde.
Die Badische Staatsbrauerei Rositas ist seit 1996 Hauptsponsor der Wölfe, insgesamt sind es fünfzig Unternehmen, die das Freiburger Eishockey stützen. In der "Leidenszeit", also während der Niederlagenserie, sind sogar zwei neue zum Pool gestoßen. Für Wiedemann ein Beweis dafür, daß man im Gegensatz zu den Großkopferten der Liga nicht Investoren, sondern Sponsoren habe.
Und was die Anhänger anbelangt, sei man sowieso unschlagbar. "Während in den beheizten Hartplastik-Arenen wie in Hamburg, Frankfurt oder Köln eine kindgerechte Kino-Atmosphäre herrscht", urteilte die "Badische Zeitung" unlängst, "ist die Stimmung in Freiburg roher, urwüchsiger, jeder Freiburger Sieg ein Juwel". Im Stadion wird das "Badener Lied" noch mit einer Inbrunst gesungen, die im Dreisamstadion des SC von gestern ist. In der Eisarena kommt der Stadionsprecher, ein Profi vom Funk, daher und macht den Leuten weis, was sie schon immer wußten: "Eishockey in Freiburg: Die Legende lebt." Dazu erklingt Glockengeläut vom Band.
Die Szenen auf dem Eis bilden bisweilen ein Kontrastprogramm zu den vollmundigen Versprechungen, aber man nimmt hier gerne die Rolle der Gallier an. Der Leute aus dem kleinen, unberechenbaren Dorf, das es allen beweisen will. In der Stadt ist man vor den Basketballern vom UHC und den Basketballerinnen der "Eisvögel" die Nummer zwei. Am Rande der Republik, am Ende der Liga aber rechnet man sich als Klub mit nur 550 Mitgliedern trotz allem zu den Gewinnern.
Das Programmheft der Wölfe firmiert als "Offizielles Magazin für Eishockey-Kultur". Im letzten Editorial räumte der Verfasser ein: "Normal ist hier sportlich vieles nicht mehr, aber was tun? Uri Geller als Teambetreuer installieren? Lichteffekte durch Hexenverbrennungen ersetzen, abzapfen des PSI-Faktors feindlicher Außerirdischer in unserem Eissternensystem?" Der Extrakt aller Überlegungen: Nur keine Panik. Man bleibt unerschrocken. Komme, was wolle.