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Curling-EM : Deutschland findet den richtigen Dreh

Mit der Verantwortung Sicherheit gewonnen: Skip Alexander Baumann Bild: pixathlon / SNS

Deutschlands zusammengewürfeltes Curling-Team ändert die Aufstellung und schafft die WM-Qualifikation. Den Start hätten sich Team und Trainer allerdings anders vorgestellt.

          „Irgendwas mussten wir ändern“, begründete Curling-Bundestrainer Thomas Lips den entscheidenden Dreh bei dieser Europameisterschaft mit einer gewissen Notlage. Eben erst hatten die deutschen Männer auch ihr viertes Spiel beim Turnier im schottischen Braehead verloren. Nach dem 2:7 gegen die Schweiz lag das Verlegenheitsteam auf dem zehnten und letzten Platz.

          Die anvisierte WM-Qualifikation war in weite Ferne entrückt, greifbar schien dagegen der Abstieg in die europäische B-Gruppe. Zuvor hatte es neben der einkalkulierten Auftakt-Schlappe gegen Titelverteidiger Schweden auch schon zwei knappe Niederlagen gegen Italien und Russland gegeben, die Lips in seiner zurückhaltenden Art als „ärgerlich“ bezeichnete. Der 46-Jährige Schweizer war 2006 selbst Europameister, ehe er als Trainer Erfolge feierte: Zunächst coachte er seine Eidgenossen zu EM-Silber und Olympia-Bronze 2010. Dann führte er im Frühjahr 2012 die Schweizer Frauen sogar zu WM-Gold. Anschließend wechselte er die Farben und gewann noch im selben Jahr mit den Russinnen um das Curling-Covergirl Anna Sidorowa den EM-Titel.

          Curling gehört hierzulande zu den akut bedrohten Sportarten

          Mit dem erhofften und von der russischen Sportführung geforderten Olympiasieg in Sotschi wurde es allerdings nichts. So konnte Lips sich neuen Aufgaben widmen – und fand sie in Deutschland. Hierzulande gehört Curling allerdings nicht zu den bevorzugten Disziplinen, sondern im Gegenteil zu den akut bedrohten Sportarten. Konkurrenzfähig sind die deutschen Curler weder, was die Zahl ihrer Aktiven, noch, was die Summe der zur Verfügung stehenden Unterstützungsgelder angeht.

          Von den aktuellen Nationalspielern ist Alexander Baumann vom Baden Hills Golf und Curling Club der einzige quasi hauptberufliche Sportler. Der 32-Jährige kann sich als Sportsoldat „voll und ganz auf Curling konzentrieren“, wie er selbst sagt. Alle anderen gehen bürgerlichen Berufen nach, sie opfern ihrer sportlichen Leidenschaft Freizeit und Jahresurlaub. Wenn dann, wie vor dieser EM, einer aus dem Team (Sebastian Schweizer) verletzt ausfällt und ein anderer (Daniel Rothballer) kurzfristig ein Auslandsstudium antritt, wird es für den Bundestrainer schon schwierig, überhaupt eine Mannschaft auf die Beine zu stellen. „Vor zwei Monaten hätte ich nicht darauf gewettet, dass wir in der A-Gruppe bleiben“, bekannte Lips angesichts der zusammengewürfelten Truppe. In der Not wurde der frühere Europameister Andy Kapp aus Füssen reaktiviert, auch um Baumann im Spiel zu entlasten.

          Der 49-Jährige Kapp sollte als „Lead“ die ersten Steine spielen und danach als Skip die Taktik vorgeben. Was nicht wirklich gelang, wie der Zwischenstand auswies. Vor der anstehenden Partie gegen den WM-Zweiten Dänemark musste das deutsche Team neue Sicherheit gewinnen. Kapps Comeback wurde beendet, für ihn sollte Ersatzspieler Ryan Sherrard die Partien eröffnen und Baumann als Skip die Verantwortung übernehmen. Durch nur einen Wechsel konnten gleich zwei Positionen stabilisiert werden.

          Obwohl Sherrard bei seinem ersten Einsatz noch nicht mal gut spielte, wie Lips im Nachhinein zugab, agierte das Team nun homogener, Dänemark wurde 8:2 geschlagen. Der Bann war gebrochen. „Wir haben mich ausgewechselt, um etwas zu verändern“, nahm Kapp seine Degradierung sportlich und lobte die Mannschaft für ihr „sehr gutes Spiel“. Und Baumann beeilte sich, zu erklären: „Es war kein Misstrauensvotum gegenüber Andy.“

          Sieg gegen Favoriten Norwegen

          Die vermeintliche Last nach der Neuordnung erwies sich für ihn jedenfalls als Lust: „Mir ging es damit deutlich besser. Es wurde einfacher. Ich wusste nun genau, was zu tun war.“ Der klare Sieg im Schlüsselspiel motivierte auch für die restlichen Tage. Gegen Norwegens Spitzen-Team um Star-Skip Thomas Ulsrud, das bei den vergangenen neun Titelkämpfen immer eine Medaille gewann und auch 2016 wieder ins Finale gegen Schweden einzog (Samstag, 15 Uhr), gewann Deutschland 7:6 nach Extra End. Anschließend besiegten Baumann und Co. auch noch Gastgeber Schottland 4:2 und vermasselten dem Heimteam den Einzug ins Halbfinale.

          In beiden Spielen zeigte der Skip starke Nerven beim Spielen der schwierigen letzten Steine. Der abschließende 11:3-Kantersieg gegen Österreich sicherte den Deutschen dann nicht nur die erhoffte WM-Qualifikation, sondern beförderte sie sogar auf den unerwarteten fünften Platz im EM-Endklassement. „Mehr konnte man nicht erwarten“, bilanzierte Baumann die Tage von Braehead als „sehr positiv“. Und auch Lips zeigte sich „glücklich darüber“, wie zumindest die zweite Turnierhälfte gelaufen ist. Gleichwohl gab der Trainer zu bedenken, bei einem besseren Start „wäre mehr drin gewesen“. Die WM in Kanada im kommenden April soll dann in der nun bewährten Aufstellung angegangen werden. Wenn es mal läuft, muss man ja auch nichts mehr ändern.

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