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Claudia Pechstein Was ist eigentlich wahr?

 ·  In der Affäre um vermeintliches Blutdoping haben Claudia Pechstein und der Eisschnelllauf-Weltverband die juristische Schlacht schon begonnen. Der Streit um unseriöse Angebote und unseriöse Reaktionen skizziert die Kernfrage: Wem soll man noch glauben in diesen Tagen?

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Wer sagt nicht die Wahrheit? Alle. Das ist wohl das bislang eindeutigste Ergebnis der Affäre Claudia Pechstein. Zumindest haben weder die Eisschnellläuferin noch der Internationale Eisschnelllaufverband (ISU) in diesem heiklen Fall zu jedem Zeitpunkt alle Karten auf den Tisch gelegt. Die von der ISU des Blutdopings beschuldigte, für zwei Jahre bis Februar 2011 gesperrte Berlinerin behauptet, vom Dachverband nach ihren auffälligen Doping-Tests im Februar bei der Mehrkampf-Weltmeisterschaft in Hamar zur Abreise genötigt worden zu sein, falls sie keine Veröffentlichung wolle. Pechstein log deshalb, tauchte aus der Sportszene ab und bereut nun bitter. Professor Harm Kuipers, damals Leiter der Kontrollen und im Verfahren Kronzeuge der ISU, empörte sich aber am Sonntag auf Anfrage: „Nein, es hat kein Angebot gegeben. Das ist absolut nicht wahr.“

Der Streit um unseriöse Angebote und unseriöse Reaktionen mag ein Nebenkriegsschauplatz sein. Aber er skizziert die Kernfrage: Wem soll man noch glauben in diesen Tagen? Die deutsche Sportführung mit Thomas Bach an der Spitze stellt sich hinter die Athletin – mit einer Schutzklausel: „Es gilt die Unschuldsvermutung.“ Die ISU aber glaubt fest an die Schuld der Deutschen und verweist auf den Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Darin ist nicht erst seit Januar 2009 fixiert, dass Sportler mittels eines abweichenden, nur durch Doping zu erklärenden Blutwertes verurteilt werden können. „Die Wada hat alle Verbände darauf hingewiesen, dass so etwas möglich ist“, sagte Kuipers, „und wahrgenommen werden muss.“

So hat die ISU im Sinne einer forcierten Doping-Bekämpfung gehandelt, als sie in Claudia Pechsteins Proben mehrmals einen erhöhten Wert junger Blutkörperchen (Retikulozyten) feststellte und ahndete. Zum Vergleich diente das seit Jahren angelegte Blutprofil der einstigen Königin des Eisschnelllaufes. Pechsteins im Februar von Kuipers gemessener Retikulozyten-Wert im Blut lag bei rund 3,3 Prozent, 2,2 Prozent seien ihr Normalwert. „Das ist viel“, sagt der Nürnberger Pharmakologe Professor Fritz Sörgel. „Hier handelt es sich um eine manipulierte Erhöhung der roten Blutkörperchen“, fügte der Heidelberger Doping-Enthüller und Molekularbiologe Professor Werner Franke hinzu: ein beliebtes Mittel im Spitzensport, die Sauerstoffversorgung der Muskulatur zu verbessern – Blutdoping also.

So entschieden hatte zuvor die ISU ihr Urteil nach einer zweitägigen Anhörung in der vergangenen Woche in Berlin formuliert. Prompt attackierte Pechsteins juristische Entourage die Methode. Denn nie zuvor ist eine Athletin allein mittels eines auffälligen Retikulozyten-Wertes vom Eis gezogen worden. „Aus dem Urteil“, sagte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann, „liest man eine unfaire Behandlung heraus.“ Pechsteins Verteidiger beklagen, dass einige Labore, die Blutproben der Athletin in den vergangenen Jahren analysiert haben, nicht von der Wada akkreditiert gewesen seien, dass es Lücken bei der Datenaufzeichnung gebe und andere Blutwerte wie Hämatokrit und Hämoglobin nicht auffällig gewesen seien. Nicht in allen Punkten lassen sich die Vorbehalte leicht entkräften.

Pechstein hatte die Retikulozyten nicht auf dem Radar

Blutwerte wie Hämatokrit und Hämoglobin aber sind, das haben Doper längst berichtet, relativ leicht zu manipulieren. Retikulozyten als geringer Prozentsatz der Blutkörperchen reagieren dagegen sehr empfindlich auf Eingriffe. Und so bleibt ISU-Zeuge Kuipers ruhig, als er am Sonntag von der Attacke des Pechstein-Anwalts hört: „Das von uns angewendete Verfahren ist im vergangenen Jahr publiziert worden. Das ist nichts Neues. Jeder konnte wissen, dass abnormale biologische Variablen ein Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln sein können.“ Pechstein aber war in keinem Fall im Bilde. Sinngemäß sagte sie am Samstagabend im Sportstudio des ZDF, die Retikulozyten nicht auf dem Radar gehabt zu haben. Aber vielleicht andere Blutwerte?

„Nein, ich habe nicht gedopt“, hatte sie in einem Interview-Dauerlauf durch Deutschlands Redaktionen am Samstag verbreitet und neben Ablehnung relativ viel Unterstützung erhalten. 160 Doping-Proben, sagt sie, seien negativ gewesen. Was allerdings nicht viel bedeuten muss. Die Leichtathletin Marion Jones überstand 159 Kontrollen ohne Beanstandung – bevor sie einräumte, immer unter Stoff gestanden zu haben. Immerhin führten die markanten Indizien in der Causa Pechstein nicht zu einem positiven Ergebnis. Kontrollen auf das Blutdoping-Mittel Epo waren negativ. „Aber sie wissen, dass Epo relativ schnell abgebaut wird und nicht mehr nachweisbar ist“, sagt Kuipers. Auch deshalb ist die Erfolgsquote der Fahnder so gering, der Frust bei den professionellen Gegnern von Doping so groß: Sie laufen schon viel zu lange hinterher.

„Wir sind nicht naiv“

Dass nun ausgerechnet die ISU zur Jagd sprintet, überrascht langjährige Beobachter. Die frühere Eisschnellläuferin Christina Mansfeld, seit vielen Jahren Beobachterin der Szene, ist vom forschen Vorgehen des Verbandes überrascht. „Ich habe mich immer wieder gefragt, warum gerade im Eisschnelllauf so wenige Dopingfälle ans Tageslicht kommen. Und wenn, dann waren es Läufer aus Verbänden ohne Lobby.“ Obwohl Kraft und Ausdauer eine entscheidende Rolle spielen, Eisschnelllauf zu den „dopinggefährdeten Sportarten“ zählt, erschütterten die ISU unter ihrem autokratischen wie skandalerprobten Präsidenten Ottavio Cinquanta kaum Dopingaffären.

Sieht man von jenen ab, die politisch gelöst wurden. Etwa 1988, als ein Sowjetrusse Gold in Calgary über 1500 Meter gewann. „Er war vorher“, berichtet die Journalistin Mansfeld, „beim Anabolika-Handel beobachtet worden.“ Kuipers sieht zwar keine „Dopingkultur“ in seinem Sport: „Aber wir sind nicht naiv. Und wir sind auch nicht stolz, jetzt den ersten Indizien-Fall zu haben. Wir wollten nicht die Ersten sein.“ Ob dazu der Vorwurf des Präsidenten der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, Gerd Heinze passt? Demnach hat die Rechtskommission der ISU Pechstein vor der Verhandlung ein unmoralisches Angebot gemacht: Die Einstellung des Verfahrens, falls sie nie aufs Eis zurückkehrt. Kann das denn wahr sein?

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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