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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Biathlon-WM Über Nacht aus dem Schlamassel

 ·  Andrea Henkel will dem eigenen Anspruch bei der WM endlich gerecht werden. Nach den Tagen von Ruhpolding soll sie Nachfolgerin von Magdalena Neuner werden.

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Eines hat sie sogar der Rekord-Titelsammlerin Magdalena Neuner voraus: Andrea Henkel ist die einzige Biathletin der Welt, die in allen Disziplinen Weltmeisterin geworden ist. Die 34 Jahre alte Oberhoferin ist zwar auch fast zehn Jahre älter als ihre Wallgauer Kollegin, aber selbst solche Größen wie die Schwedin Magdalena Forsberg oder die Norwegerin Liv Grete Poirée haben das in ihrer langen Karriere nicht geschafft - ganz zu schweigen von deutschen Kolleginnen wie Uschi Disl oder Kati Wilhelm.

Und deshalb ist die kleine Thüringerin auch „sehr stolz auf mein Alleinstellungsmerkmal“. Kann zwar sein, dass es damit an diesem Mittwoch (15.15 Uhr/ live in der ARD) vorbei ist, wenn der Einzel-Wettkampf ansteht und Magdalena Neuner womöglich die letzte Lücke in ihrer WM-Titelsammlung bei letzter Gelegenheit noch schließt. Aber dann hätte Andrea Henkel ihr doch wieder eines voraus: „Die Erste, die das geschafft hat, bleibe ich immer.“

Andrea Henkel ist die einzige Biathletin der Welt, die in allen Disziplinen Weltmeisterin geworden ist © dpa Andrea Henkel ist die einzige Biathletin der Welt, die in allen Disziplinen Weltmeisterin geworden ist

Selbst unter Mannschaftskolleginnen aber verteilt man keine Geschenke, und das hat Andrea Henkel gar nicht vor. Sie hat hier in Ruhpolding schließlich ein klar formuliertes Ziel, „eine Einzel-Medaille“. Mittlerweile ist Halbzeit bei diesen Titelkämpfen, und die 15 Kilometer sind schon ihre vorletzte Chance, dem eigenen Anspruch noch gerecht zu werden.

Der Biathlon-Klassiker, in dem Fehler mit Strafminuten geahndet werden, war einst ihre Paradedisziplin, in der sie auch ihren größten Erfolg errungen hat: den Olympiasieg 2002 in Salt Lake City. Weltmeisterin wurde sie dann 2005 in Hochfilzen. „Das war mal mein Baby“, sagt Andrea Henkel, „aber das ist schon eine ganze Weile her. Aber ich weiß, dass es wieder möglich ist.“ Sie hat auch ein bisschen was gutzumachen.

Sotschi als Ziel

Die Bronzemedaille im Mixed kann ihr zwar keiner nehmen, aber als Startläuferin 46,3 Sekunden auf die Spitze zu verlieren und als Sechste zu wechseln, das war beileibe nicht ihr Anspruch. Und im Sprint „war ich völlig von der Rolle“, wie sie zugibt. Drei Strafrunden, Platz 34, schon ein kleines Desaster für eine, die als zweifache Olympiasiegerin und siebenmalige Weltmeisterin nicht nur eine große Vergangenheit hat, sondern auch als vielleicht größte Hoffnung für die Zeit nach Magdalena Neuner gilt.

Zumindest bis zu den Olympischen Spielen in Sotschi 2014. „Ich habe noch jede Menge Spaß am Leben aus dem Koffer“, hat sie im Januar in Oberhof gesagt, als sie beim Weltcup ihre Entscheidung bekanntgegeben hat, dass sie ihre Laufbahn fortsetzt. So richtig viel Spaß hat sie bei dieser WM noch nicht gehabt. „Wirklich geschämt“ habe sie sich für ihre Leistung im Sprint, „ich war nach den zwei Fehlern am Anfang auch läuferisch irgendwie blockiert“.

Zwanzig Schuss, zwanzig Treffer

Also doch eine Menge Heim-Ballast. Obwohl sie 2004 in Oberhof schon - als fünftes Rad am Wagen zwar - eine Heim-WM erlebt hat, obwohl sie seit 1999 mit dem Weltcup-Zirkus umherzieht und vor den Wettkämpfen in Ruhpolding behauptet hatte, für sie sei „diese Atmosphäre Spaß und kein Stress“, und dass sie überhaupt nicht versuche, „die Zuschauer beim Schießen auszublenden“.

Das hat nicht ganz geklappt, aber die Erfahrung hat dann offenbar doch Vorteile. Und wenn es nur die Fähigkeit ist, sich quasi über Nacht selbst aus dem Schlamassel zu ziehen. In der Verfolgung war schließlich plötzlich die alte Andrea Henkel am Werk. Zwanzig Schuss, zwanzig Treffer, der Sprung von Platz 34 auf Rang elf. Und die Erkenntnis, dass diese Leistung - würde man das Verfolgungsrennen isoliert werten - Silber wert gewesen wäre.

Dass man sich dafür nichts kaufen kann, weiß Andrea Henkel nur zu gut. Das ist ihr schon vor einem Jahr in Chanty-Mansijsk so ergangen. Sprint vergeigt, Verfolgung super - virtuelles Silber, faktisch aber Platz vier. „Wenn das zweimal nacheinander bei einer WM passiert, ist das schon ärgerlich“, sagt sie. Und doch war dieser Auftritt am Sonntag „unheimlich wichtig für mich. Weil er mir Selbstvertrauen gibt“.

So berauschend war diese Saison mit einem einzigen Weltcup-Sieg ja auch nicht. Natürlich ist es psychologisch ein großer Unterschied, ob man als Medaillenkandidat in die Verfolgung geht oder aus dem chancenlosen Mittelfeld kommt. Aber solche Detailanalysen sind genau der Stoff, um sich nach Enttäuschungen wieder aufzubauen. Da kommen dann die Trainer und klopfen einem auf die Schulter: „Da hast du gezeigt, was du kannst.“

Und dann erinnert man auch gerne an das vergangene Jahr, als sie beim Weltcup trotz ihrer Abfahrtsschwächen auf dem inzwischen leicht entschärften WM-Kurs dreimal auf Platz zwei landete. Auch im Einzel. Oder an andere positive Dinge wie etwa die Trefferquote. Die war mit 86 Prozent nie besser - ein Spitzenwert. Aber sehr merkwürdig verteilt. „Komischerweise schieße ich in Wettbewerben mit zweimal Schießen mehr Fehler als bei viermal Schießen“, sagt Andrea Henkel. Das kann ihr bei ihrem individuellen Restprogramm ja nur recht sein. Denn beim Klassiker und beim abschließenden Massenstart sind jeweils vier Versuche am Schießstand gefordert. Und sie werden zum Glück auch einzeln gewertet.

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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