08.02.2007 · Die Mixed-Staffel, eine weitere Erfindung der Biathlon-Funktionäre, hat vor drei Jahren einen Sturm der Entrüstung entfacht. Heute hat sie WM-Premiere - und das in einem ohnehin übervollen Programm.
Von Claus Dieterle, AntholzWar das ein Sturm der Entrüstung, als Sportler, Trainer und selbst einige Funktionäre im Januar 2004 erfuhren, dass die große Biathlon-Familie noch einmal Zuwachs bekommen sollte. Das Baby war, obwohl noch nicht geboren, gänzlich unerwünscht.
Inzwischen hat es Laufen gelernt, und nachdem man es zwei Jahre schamhaft versteckt hat, traut man sich jetzt mit der Kleinen sogar in die Öffentlichkeit. (Start: Donnerstag, 14.15 Uhr, siehe auch Biathlon-WM: Live-Ticker). Die Rede ist von der Mixed-Staffel, dem letzten Spross der Biathlon-Familie, mit dem immer noch viele fremdeln. Aber der Ton ist doch viel freundlicher als damals, als sich die Aktiven vom innovationsfreudigen Vorstand der Internationalen Biathlon-Union (IBU) verraten und verkauft fühlten.
„Biathlon-Auf-Schalke“-Plagiat
Weil man befürchtete, dass der Verband ein „Biathlon-Auf-Schalke“-Plagiat zur WM erheben wollte, um die private Konkurrenz in Gelsenkirchen auszuhebeln. „Es geht nicht mehr um den Sport, sondern nur noch um Kommerz und Macht“, wetterte damals Uwe Müssiggang, der Bundestrainer der deutschen Biathletinnen.
Sogar das Wort vom Athletenstreik machte die Runde. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, weil es anders gekommen ist, und auch Müssiggang sagt heute diplomatisch: „Man darf da kein Negativ-Image reinbringen. Ob der neue Wettbewerb Perspektiven hat, wird die Resonanz zeigen.“
„Baby“ sichert die Zukunft
Die Mixed-Staffel, in der zwei Frauen und zwei Männer ein Team pro Nation bilden, steht zum ersten Mal im offiziellen Weltmeisterschafts-Programm, nachdem man sie 2005 und 2006 als WM-Solitär in einen Weltcup ausgelagert hatte. Aber anstatt IBU-Präsident Anders Besseberg offensiv den Charakter „seines“ Babys preist, versteckt er sich hinter dem Antholzer Organisationskomitee: „Es war der Wunsch des OK, die Mixed-WM ins Programm aufzunehmen.“
Das klingt fast wie eine Entschuldigung, aber natürlich steckt mehr dahinter: „Dieser Wettbewerb ist wichtig für die Zukunft des Biathlon“, sagt der IBU-Präsident. Weil das zweitjüngste Kind der Familie, das inzwischen richtig groß geworden ist, immer noch nicht weiß, ob es auch künftig im olympischen Programm mitspielen darf. „Der Massenstart ist nur bis Vancouver 2010 fix, und da brauchen wir einen sechsten Wettbewerb, um ihn olympisch abzusichern“, argumentiert Besseberg. So denken Sportpolitiker.
Belastungsgrenze längst erreicht
Trainer, Athleten und auch Mediziner denken anders. Die meisten jedenfalls. Sie sind der Ansicht, dass mit sechs Wettkämpfen in neun Tagen die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist, wenn nicht überschritten. „Ein Wahnsinn“, sagt der Trainingswissenschaftler Jürgen Wick, und Kati Wilhelm bemerkt: „Mehr kann man in anderthalb Wochen wirklich nicht machen.“
Eine Verlängerung sei doch eigentlich kein Problem, findet Besseberg. Jedes Jahr 14 Tage Biathlon-WM? Das wäre doch des Guten zuviel. Außerdem sind die meisten der Ansicht, Biathlon sei derzeit mit seinen fünf Disziplinen bestens aufgestellt. Wozu also aufstocken? Und Männer-Bundestrainer Frank Ullrich wirft ein: „Wenn die Mixed-Staffel einen hohen Stellenwert hätte, würde man sie auch öfter in den Weltcup einbauen. Das ist aber nicht der Fall.“
Gute Chancen für die kleinen Nationen
Darüber ließe sich reden, entgegnet der Biathlon-Präsident, aber auch das Weltcup-Programm ist nahezu ausgereizt. So richtig überzeugt ist niemand von der neuen Wettkampfform, die eigentlich ein Etikettenschwindel ist.
Aus der vermeintlichen Konkurrenz für Biathlon „AufSchalke“ ist, nachdem die Kinderkrankheiten überwunden waren, schlicht und einfach eine dritte Staffel geworden – geschlechterübergreifend eben. Einziger Unterschied: die Frauen laufen sechs, die Männer 7,5 Kilometer.
Medaille ist Medaille
Natürlich hat die Mixed-Staffel durchaus positive Aspekte. Das sehen vor allem die kleinen Nationen so, die personell nicht aus dem vollen schöpfen können wie die Deutschen, Norweger oder Russen. Zwei starke Frauen und Männer kriegen auch die Kleinen zusammen, die Chance auf eine Medaille steigt. Oder zumindest die Vielfalt.
Belgien etwa hätte nie eine „normale“ Staffel auf die Beine stellen können. Zwei Männer, das ist kein Problem, und bei den Frauen kamen die Südtiroler Santer-Töchter gerade recht. Schließlich besitzen sie dank ihrer Mutter einen belgischen Pass. Dass Nathalie für Italien nicht mehr gut genug war und Saskia ihr Studium in Amsterdam für ein paar WM-Tage unterbricht, macht die Sache um so spannender. Manchen wird der jüngste Biathlon-Spross bestimmt ans Herz wachsen. Vielleicht sogar allen. Denn eines haben die Pragmatiker längst erkannt: Ob Sprint, Massenstart oder Mixed – eine Medaille ist eine Medaille.