Die große Geste blieb aus, und auch den fast obligatorischen Griff zur schwarz-rot-goldenen Fahne, die ihm von der Bande begeistert entgegengestreckt wurde, sparte sich Arnd Peiffer auf seinen letzten Metern durch den tiefen Sulz der Chiemgau Arena. Erst hinter dem Zielstrich erlaubte sich der Schlussläufer der deutschen 4x7,5-Kilometer-Staffel die Andeutung einer „Säge“, als er von den Kollegen Simon Schempp, Andreas Birnbacher und Michael Greis empfangen wurde.
Die erste deutsche Männer-Medaille dieser Heim-Weltmeisterschaft war erreicht, die 28.000 Zuschauer feierten ihre Skijäger, aber Peiffer sah offenbar keinen Anlass, Bronze über Gebühr zu feiern. Und wenn man ehrlich ist, war der dritte Platz hinter Titelverteidiger Norwegen und Frankreich der gerechte Lohn für eine kollektiv solide Leistung.
Keiner der Vier hatte sich einen größeren Lapsus geleistet, aber auch keiner hatte eine überragende Leistung vollbracht. Sie leisteten sich immer ein Fehler zu viel am Schießstand, um ganz nach vorne zu kommen. Und Peiffers Blick auf der Strecke war auch eher nach hinten gegangen. Natürlich hat er „versucht, Kontakt zur Spitze“ herzustellen, aber spätestens nach dem Stehendschießen war diese Hoffnung dahin und das ganz große Risiko mochte der Niedersachse nicht mehr eingehen. „Ich musste die Medaille nach Hause bringen, denn von hinten kamen die starken Italiener und die Österreicher. Ich bin froh, dass es funktioniert hat.“
Was in der Wundertüte Staffel möglich ist, bewiesen die Norweger. Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet ein Routinier wie Ole Einar Björndalen als Startläufer eine Strafrunde leisten würde - und es sogar konnte. Weil die drei anderen Norweger läuferisch eine Klasse für sich waren. Und Schlussläufer Emil Hegle Svendsen übte soviel Druck auf den zweifachen Weltmeister Martin Fourcade aus, dass dies beim Franzosen zum Schluss Wirkung zeigte.
Endlich die erste Männer-Medaille
Sie war endlich fällig, diese erste deutsche Medaille. Die Zuschauer wollten sie, und die vier deutschen Skijäger wollten sie ohnehin. Und deshalb freute sich Männertrainer Fritz Fischer hinterher „einfach wahnsinnig für die Burschen. Sie haben den ganzen Winter so viel geleistet. Aber die Norweger und die Franzosen waren heute einfach stärker.“
Schempp, im Einzel noch ein Wackelkandidat, ging die ersten 7,5 Kilometer in der Spitze mit und brauchte nur einen Nachlader, um die insgesamt zehn Scheiben abzuräumen, während Björndalen einmal in die Strafrunde musste. Beim Wechsel auf Andreas Birnbacher betrug der Rückstand auf Spitzenreiter Russland 11,7 Sekunden - Platz sechs. „In der letzten Runde hat mir etwas die Kraft gefehlt, und am Berg habe ich dann Zeit gelassen“, sagte Schempp.
Birnbacher, der in diesem Jahr ein neues Niveau erreicht hat, musste nach einer Aufholjagd just in dem Moment Federn lassen, als er sich kurz vor dem zweiten Schießen energisch an die Spitze gesetzt hatte. Drei Nachlader im Stehendanschlag - den Zuschauern stockte der Atem. 10,9 Sekunden hinter Frankreich und Russland übergab der 30-Jährige an Position drei. „Ich muss zugeben, dass ich heute Druck gespürt habe, vor allem bei den Nachladern. Aber dann habe ich mir gesagt, reiß dich zusammen, die zwei da vorne holst du dir jetzt noch“, sagte Birnbacher. Es reichte nicht ganz.
Dann war Michael Greis an der Reihe. Der dreifache Olympiasieger von Turin war ja nur durch Trainerentscheid überhaupt für die WM nominiert worden, weil er durch einen Syndesmosebandriss und diverse Krankheiten die ganze Saison über seine Form gesucht und erst im letzten Moment gefunden hatte. In Ruhpolding hat der 35 Jahre alte Nesselwanger dann alle mit einem starken Comeback überrascht und sogar den eigentlich vorgesehenen 23-jährigen Florian Graf aus der Staffel verdrängt.
Im Stehendschießen bewies der Allgäuer seine ganze Routine. Fünf Schuss, fünf Treffer. Da war er kurzfristig Zweiter. Gegen den Angriff des 12 Jahre jüngeren Norwegers Tarjei Bö in der letzten Runde half aber auch alle Erfahrung nichts, da konnte Trainer Fritz Fischer noch so laut brüllen. Acht Sekunden büßte Greis bis ins Ziel auf Norwegen ein, das knapp 20 Sekunden hinter Spitzenreiter Frankreich lag. Greis war zufrieden: „Nach den beiden Nachladern im Liegendanschlag war es ein super Rennen.“
Schlussläufer Arnd Peiffer musste dennoch auf Fehler von Martin Fourcade und Svendsen spekulieren. Das französisch-norwegische Führungsduo rückte zwar ganz eng zusammen, weil Fourcade unerwartete Schuss-Schwächen zeigte, aber Peiffer konnte in diesen Zweikampf nicht mehr eingreifen. Und nach dem letzten Stehendschießen war Svendsen allein. Für Peiffer ging es da nur noch darum, die erste deutsche Männer-Medaille dieser WM nicht mehr aus den Händen zu geben.