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Biathlon Nie war Andrea Henkel so wertvoll

 ·  Andrea Henkel hat noch Lust auf Biathlon und macht bis 2014 weiter. Die letzte Mohikanerin aus glorreichen Tagen bleibt. Dennoch gegen die deutschen Frauen Grund zur Sorge.

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© dpa Vergrößern Zeichen der Zeit: Andrea Henkel beglückt mit einer einfachen Zahl das deutsche Biathlon

Früher wäre es nur eine beiläufige Erwähnung wert gewesen, aber in Anbetracht der Umstände geriet es zur Inszenierung. Andrea Henkel nahm einen dicken Filzstift in die Hand, und schrieb - für alle unsichtbar - eine Zahl auf das offizielle Plakat des Biathlon-Weltcups in Oberhof. Als sie es wenig später in die Kameras hielt, prangte da die 14.

Es ist die Jahreszahl ihres geplanten Rücktritts - oder anders formuliert: Andrea Henkel macht bis 2014 weiter, Olympia in Sotschi inklusive. Da fielen den Herren und Damen des Deutschen Skiverbandes (DSV) jede Menge Steine vom Herzen. Nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch die letzte Mohikanerin aus glorreichen Biathlontagen den Stamm verlassen hätte.

So wie es Rekord-Weltmeisterin Magdalena Neuner am Saisonende macht. Vor vier Jahren hatte auch Andrea Henkel gesagt: „Die WM 2012 in Ruhpolding nehme ich noch mit, dann ist es gut.“ Wie gut, dass die Doppel-Olympiasiegerin von 2002 und siebenmalige Weltmeisterin noch Lust hat, dass es keinen Grund gibt zurückzutreten, mit 34 Jahren.

Weder persönlich noch sportlich. Sie hat immer noch das Potential für das Podest, wie sie am Sonntag vor 25.000 Zuschauern in Oberhof mit Platz drei im Massenstart bewies, 32 Sekunden hinter ihrer überragenden Kollegin Magdalena Neuner und der Norwegerin Tora Berger. „Ich bin froh, dass es hier in meiner Heimat geklappt hat.“

„Die Trainer haben sich sehr gefreut“

Was noch viel wichtiger ist: Nie wird Andrea Henkel wohl so wertvoll sein wie morgen. Als größte und vorerst vielleicht sogar einzige Hoffnung des deutschen Frauen-Biathlon, wenn Rekordweltmeisterin Neuner am Saisonende abtritt „Die Trainer haben sich sehr über meine Entscheidung gefreut, und ich hoffe, dass es auch fürs Team gut ist, wenn ich dann ein wenig vorneweg gehen kann“, sagt Andrea Henkel, die 1995 ihr Weltcup-Debüt gab. Als selbstlose Retterin des deutschen Biathlon will sie sich aber nicht feiern lassen: „Die allgemeine Situation hat mich bei meiner Entscheidung nicht beeinflusst.“

Es gibt momentan zwei Zeitebenen im Frauen-Biathlon. Die Gegenwart sieht glänzend aus. Magdalena Neuner, die Spitzenreiterin im Gesamt-Weltcup, unterstrich in Oberhof wieder einmal ihre Ausnahmestellung, als sie ihrem Vier-Strafrunden-Blackout in der Staffel einen glanzvollen Sprintsieg mit hundertprozentiger Trefferquote folgen ließ und auch am Sonntag im Massenstart trotz dreier Schießfehler nicht zu bremsen war. Es waren ihre Saisonsiege drei und vier. „Es ist toll, bei meinem letzten Rennen hier noch einen Sieg zu landen.“ Bis zur Heim-WM Ende Februar/Anfang März gibt es wohl nur ein Problem. Wer wird hinter Neuner, Henkel und der am Sonntag an Position 17 notierten Altenbergerin Tina Bachmann die vierte Frau in der Staffel?

Was die Zukunft angeht, hatte DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller am Tag zuvor ein geradezu düsteres Bild gemalt. Ein Krisenszenario. „Wir sind nicht mehr die starke Macht von einst“, sagt Pfüller. Der Aderlass ist einfach zu groß: Kati Wilhelm, Simone Hauswald, Martina Beck nach Olympia 2010, Neuner nach der Saison, Katrin Hitzer im Dezember, weil sie schwanger ist. „Das verkraftet kein Verband.“

Und weil hinter Neuner, Henkel und Bachmann eine Lücke klafft, will Pfüller jetzt im Schnellverfahren Langläuferinnen zu Schützinnen ausbilden lassen, um bis Sotschi wieder konkurrenzfähig zu sein. Das Krisenmanagement, das im Mai greifen soll, ist mit den Trainern Langlauf und Biathlon abgesprochen, Namen werden einstweilen nicht in den Mund genommen, aber laut Pfüller soll es „keine Tabus geben“. Die Wege sind offen.

„MIt Talent kann man schnell schießen lernen“

Andrea Henkel hält die geplante Kooperation für eine „interessante Sache, die mich sogar motiviert. Aber wir wollen denen ja nicht die Talente wegnehmen.“ Pfüller lässt allerdings keinen Zweifel, welche Abteilung Priorität genießt. „Wir verdienen unser Geld nicht mit Langlauf, sondern mit Biathlon.“ Andrea Henkel hält die erfolgreiche Umschulung im Crash-Kurs-Verfahren für „eine Typfrage. Wenn jemand Talent hat, kann er relativ schnell schießen lernen“.

Sie glaubt jedenfalls, dass es Langläuferinnen wie Hanna Kolb oder Denise Hermann durchaus bis Sotschi in die Staffel bringen könnten. Und zumindest in einer Hinsicht sieht sie sich als Vorbild, zusammen mit Tina Bachmann: „Wir beiden sind sehr trainingsfleißig. Da können die Jüngeren sehen, dass es einfach notwendig ist, so hart zu trainieren.“

Auch Arnd Peiffer hält es für „wichtig, dass Andrea weitermacht. Weil sie als große Athletin auch den Druck von den Jungen nimmt.“ Der 24 Jahre alte Sprint-Weltmeister, der am Samstag in seiner Spezialdisziplin den ersten Saisonerfolg feierte, kennt die Situation. „Bei uns im Männerteam ist der Aderlass schon länger her. Da braucht es ein paar Jahre, bis das Team nachgewachsen ist.“

Wie gut die Mannschaft von Herren-Trainer Mark Kirchner inzwischen wieder dasteht, demonstrierte am Sonntag im Massenstart auch Peiffers Kollege Andreas Birnbacher. 20 Schuss, 20 Treffer - es war ein überragendes Finale des Mannes aus Schleching, vor dem Franzosen Simon Fourcade und dem Norweger Emil-Hegle Svendsen. Vielleicht ist das ein Ansporn für das Damenteam der Post-Neuner-Ära, auch wenn Birnbacher hinterher bekannte: „Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist.“

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