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Biathlon in Ruhpolding Die Suche nach der vierten Frau

Miriam Gössner und Andrea Henkel mischen im Biathlon-Weltcup vorne mit. Doch die Lücke hinter den beiden Vorläuferinnen ist riesig. Plötzlich ist auch eine ein Thema, die schon gescheitert schien.

© AFP Vergrößern Platz vier im Gesamtweltcup: Andrea Henkel

Es ist ja fast schon zur Gewohnheit geworden. Einen Tag ist Miriam Gössner frappierend überlegen, am nächsten rennt sie hoffnungslos hinterher. Weil sie manchmal noch am Schießstand die Windsituation falsch einschätzt. Das war in Oberhof so, das war auch am Sonntag in Ruhpolding der Fall. Die überlegene Sprint-Siegerin vom Freitagabend (1 Fehler) ließ im Massenstart sechs von zwanzig Scheiben stehen. Damit hat man gegen eine Super-Schnellschützin wie Tora Berger (1 Fehler) keine Chance. Während die Norwegerin überlegen vor der Weißrussin Darja Domratschewa (2) und Olga Saizewa (1) aus Russland gewann, sprintete die 22 Jahre alte Garmischerin immerhin auf Rang acht.

Gössner ist der neue Liebling

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Aller Unberechenbarkeit zum Trotz ist Miriam Gössner in den Ruhpoldinger Weltcup-Tagen zum neuen Liebling geworden, der auch medial ständig dazulernt. Die internationalen Pressekonferenzen bestreitet sie in fließendem Englisch, sie schäkert mit den Leuten vom russischen Fernsehen und sagt über die Spieluhr, die ihr die Russen als Geschenk überreicht haben: „Da weiß ich jetzt, was ich mache, wenn ich nicht einschlafen kann.“ Dann wechselt sie fliegend ins Norwegische, weil die Kollegen aus Skandinavien sie schon adoptiert haben. Die Mama ist ja Norwegerin. Andrea Henkel, am Sonntag auf Rang dreizehn (3 Fehler), lächelt auch häufiger, als man erwartet hatte. Die 35 Jahre alte Thüringerin ist durchaus mit sich zufrieden, weil sie bislang eine gute Saison hinlegt. Wer hätte gedacht, dass im Jahr eins nach der Ära Neuner mit Gössner - drei Saisonsiege - und Henkel zwei Deutsche im Gesamt-Weltcup auf Platz zwei und vier liegen.

Bild Berger © dpa Vergrößern Überragende Siegerin in Ruhpolding: die Norwegerin Tora Berger

Aber bei allem Glanz: Die Lücke hinter den beiden Vorläuferinnen ist riesig - und die Sorgen sind drei Wochen vor der Weltmeisterschaft in Nove Mesto (7. bis 17. Februar) größer geworden. Was Cheftrainer Uwe Müssiggang so formuliert: „Nach Gössner und Henkel gibt es eine Menge Fragezeichen.“ Zumal ausgerechnet die Frau, die als dritte Säule und feste Größe in der Staffel für das ein oder andere Ausrufezeichen sorgen sollte, zum Problemfall geworden ist. Tina Bachmann, zweimal Staffelweltmeisterin und 2011 WM-Zweite im Einzel, ist schon am Samstag aus Ruhpolding abgereist. Nach einem Gespräch mit den Trainern. „Tina ist körperlich nicht in der Lage, ihre gewohnte Laufleistung zu bringen. Deshalb haben wir die Empfehlung ausgesprochen, dass sie in Antholz nicht startet und stattdessen in den nächsten 14 Tagen körperliche Substanz neu aufbaut“, sagt Müssiggang. Doch die Konsequenzen reichen weiter als bis zum nächsten Weltcup. „Ja, es ist definitiv das WM-Aus“, bestätigt Müssiggang auf Nachfrage. „Wir wollen sie ja nicht vorführen. Sie hat einen Namen zu verlieren.“

Bild Gössner © dpa Vergrößern Sprint-Spezialistin mit Schwächen am Schießstand: Miriam Gössner

Der Cheftrainer bekommt Rückendeckung von DSV-Generalsekretär Thomas Pfüller, der die Ausmusterung als „normal“ bezeichnet, „wenn man so viele Möglichkeiten hatte, und dann nicht in einem Rennen unter die besten 25 kommt. Wo soll es denn herkommen bis zur WM?“ Bachmann, als Staffel-Weltmeisterin und Massenstart-Vierte von Ruhpolding vor einem Jahr noch umjubelt, rangiert derzeit auf Platz 54 im Gesamt-Weltcup. Ihre beste Plazierung war Rang 26 in der Verfolgung von Pokljuka. Ein gutes Staffelrennen hat sie in Oberhof gemacht, aber die internen WM-Qualifikationskriterien nicht annähernd erfüllt.

Obwohl sie im Dezember nach schwachem Saisonstart noch im Hinblick auf ihre Form gesagt hatte: „Ich weiß, dass sie noch kommt.“ Jetzt muss sie sich eine falsche Selbstwahrnehmung vorhalten lassen. Und dass sie nicht auf die Trainer gehört habe. Nur so ist auch die für Biathlon-Verhältnisse ziemlich rigorose Maßnahme zu verstehen. Denn es ist ja nicht so, dass nun die Ersatzkandidatinnen Müssiggang die Tür einrennen. Man war doch schon heilfroh, dass sich die 26 Jahre alte Willingerin Nadine Horchler mit zwei Top-Ten-Plätzen zur festen Staffelgröße entwickelt hat. Und mit ihr glaubte man, das Quartett für Nove Mesto schon gefunden zu haben. Jetzt geht die Suche nach der vierten Frau wieder von vorn los. Die Zeit drängt.

Mit einem Mal ist Kathrin Lang ein Thema

Was zu ungewöhnlichen Szenarien führt. Nämlich, dass Frauen mit der Perspektive Sotschi 2014 vielleicht schon in drei Wochen ran müssen. Da fällt natürlich der Name Evi Sachenbacher-Stehle, zumal die 32 Jahre alte Langlauf-Umsteigerin zuletzt im zweitklassigen IBU-Cup mit Laufbestzeiten und passablen Schießleistungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Ihr Weltcup-Debüt im Dezember war nicht berauschend, aber sie erhält beim Weltcup in Antholz ihre nächste Chance. Und mit einem Mal ist auch Kathrin Lang, vormals Hitzer, ein Thema.

Bild Kathrin Lang © dpa Vergrößern Plötzlich wieder ein Thema im DSV-Team: Kathrin Lang, ehemals Hitzer

Die 26 Jahre alte Schwäbin ist zwar im Juli erst Mutter geworden und wollte in Ruhpolding nur mal wieder reinschnuppern in den Weltcup. Aber sie hat trotz Platz 67 im Sprint einen positiven Eindruck hinterlassen. Bis Kilometer fünf lag sie auf Platz sechs. Dann fiel sie nach zwei Schießfehlern und Sturz zurück. „Wenn Kathrin so weitermacht, kann man von ihr in Richtung Sotschi noch einiges erwarten, aber wohl noch nicht in dieser Saison“, sagt Müssiggang. Trotzdem schließt er ihren WM-Einsatz nicht kategorisch aus. „Es muss aber Sinn machen.“ Es gäbe auch noch die Option, mit Jugend-Olympiasiegerin Franziska Preuß und Laura Dahlmeier zwei ganz Junge zu testen.

Letztere zumindest wird in Antholz einen Einsatz bekommen. Aber wer auch immer den Zuschlag für Nove Mesto erhält: Das Unternehmen Staffel bleibt ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Pfüller glaubt - mit Blick auf die erfolgreiche Vergangenheit - dennoch, „dass wir die Kurve bis zur WM noch kriegen“. Der Mann gilt als Realist.

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Quelle: F.A.Z.

 
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