07.01.2012 · Mit skurril-karnevalistischer Begeisterung feiern die Fans die Biathlon-Wettkämpfe in Oberhof. Doch der einstige Branchenführer hat seinen Vorsprung eingebüßt. Neue Zentren drängen in den lukrativen Markt.
Von Claus Dieterle, OberhofOben am Grenzadler, dem Pass über den Rennsteig, beseitigen sie die Schäden, die Orkantief Andrea angerichtet hat. Und alle können von Glück sagen, dass im Schneesturm nicht mehr passiert ist. Zum Glück hat die umgestürzte Fichte nur den Mannschaftsbus der Italiener beschädigt. Zu einem Zeitpunkt, als die Biathleten der Squadra Azzurra ein paar Meter weiter unten im Stadion dabei waren, seit langem mal wieder eine Staffel zu gewinnen.
Wie es auch brodelt in der berüchtigten Oberhofer Wetterküche, die Zuschauer strömen zu Thüringens größter Fete. Die Hotels sind voll, und täglich spucken Hunderte von Reisebussen Menschenmassen aus, obwohl der Tribünensitzplatz 42 Euro kostet, so viel wie nirgendwo sonst im Weltcup. Trotzdem kommen an den fünf Wettkampftagen Jahr für Jahr um die 100.000 Zuschauer - auch so viele wie nirgendwo sonst, wenngleich die Tendenz leicht rückläufig ist. Abends wird der Kurpark zur Partyzone, und morgens am Frühstückstisch dreht sich alles um „Lena“ und Biathlon.
Diese bisweilen skurril-karnevalistisch anmutende Begeisterung hat dem kleinen Oberhof den Ruf der „verrückten Hauptstadt des Biathlon“ eingetragen. Zumal auch die Organisatoren und rund 600 Helfer selbst bei abenteuerlichen Bedingungen noch eine taugliche Strecke hinzaubern, wenn andere Standorte längst kapitulieren. Inzwischen bietet die Skihalle zumindest als Schneedepot und Trainings-Ausweichquartier zusätzliche Sicherheit.
Oberhof und Biathlon-Weltcup - zumindest in Thüringen haben sie geglaubt, das wäre ein nicht zu stoppender Selbstläufer. Und dann platzte im vergangenen Oktober mitten in dieses Gefühl der Unantastbarkeit der Warnschuss der Internationalen Biathlon-Union (IBU). IBU-Renndirektor Franz Berger hatte angemahnt, dass Oberhof seine Hausaufgaben machen müsse, wolle es über 2014 hinaus - so lange läuft die Lizenz - zum Kreis der Weltcup-Orte zählen.
Modernisieren, Platznöte beseitigen, hieß die Auflage. Natürlich gab es einen Aufschrei im Freistaat. Aber die Tatsache, dass der einstige Branchenführer Oberhof - um es dezent zu formulieren - seinen Vorsprung von der Weltmeisterschaft 2004 längst eingebüßt hat, ist nicht von der Hand zu weisen.
Die Bedingungen für die Athleten sind nicht mehr optimal, sanitäre Einrichtungen bestenfalls eine Improvisation, es gibt logistische Probleme, das Partypublikum beklagt zudem das schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis in Hotellerie und Gastronomie. Und das in einer Zeit, in der nicht nur unter den Biathleten selbst der Wettbewerb härter und internationaler geworden ist, sondern auch unter den Veranstaltern die Konkurrenz wächst.
Neue Zentren drängen in den lukrativen Biathlon-Markt. In der vergangenen Saison waren das Fort Kent und Presque Isle in Nordamerika, in diesem Jahr stehen mit dem französischen Zentrum Le Grand Bornand - das wegen Schneemangels absagen musste - und dem tschechischen WM-Ort 2013 Nove Mesto zwei neue Austragungsorte im Saisonplan.
Vor allem in Russland entstehen in Tjumen und dem Olympiaort Sotschi geradezu luxuriöse Stadien inklusive Hotelkomplex mit allem Komfort. Und die Russen, die mit dem IBU-Vizepräsidenten Sergej Kuschenko einen milliardenschweren Oligarchen in der Verbandsspitze haben, machen kein Hehl daraus, dass sie neben Chanty-Mansijsk gern einen zweiten permanenten Weltcup-Standort hätten.
Selbst der größte deutsche Konkurrent Ruhpolding steht mit seiner für 16,5 Millionen für die WM im März renovierten Chiemgau-Arena in der Biathlon-Hierarchie jetzt wesentlich besser da als Oberhof. Und wer sagt, dass Deutschland im Biathlon-Zirkus als bislang einzige Nation auf „ewig“ zwei Veranstaltungen bekommt? So oder so geht es für Oberhof darum, als Veranstalter nicht den Anschluss zu verpassen. So wie im Skispringen oder in der Nordischen Kombination, die längst abgewandert sind; auch die Zukunft als fester Bestandteil der Tour de Ski der Langläufer ist nicht gesichert.
Steht jetzt noch Biathlon auf der Kippe? Dem Freistaat Thüringen sind die Wintersportstadt Oberhof und deren Zuschauermagnet Biathlon lieb und teuer. Nicht von ungefähr sind seit der Wende 60 Millionen Euro investiert worden, weitere 25 sollen folgen. Und was die Auflage der IBU angeht, kann Entwarnung gegeben werden. Zwar läuft noch die Einspruchsfrist, aber die Finanzierung des auf 1,6 Millionen Euro taxierten dreistöckigen Multifunktionsgebäudes, das all die angemahnten Engpässe beseitigen soll, ist gesichert.
Eine Hälfte übernimmt der Freistaat, die andere Hälfte muss der Veranstalter, eine GmbH, aufbringen. Schon in diesem Jahr sollen die Bauarbeiten in Angriff genommen werden, und beim Weltcup 2014 könnten Sportler, Journalisten und die GmbH dann in das moderne Gebäude einziehen. Ein wichtiges Signal an die IBU, die Mitte 2013 die Weltcup-Orte für den nächsten olympischen Zyklus festlegt. Auch die Biathlon-Union weiß, was sie am Standort Oberhof hat. Sofern er mit der Zeit geht.
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Jan-Gregor Kölling (JGKoelling)
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Realsatire
Frank Garbe (Frank_Garbe)
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