09.01.2009 · Überhöhte Blutwerte beim russischen Staffel-Weltmeister Iwan Tscheressow sollen, wie üblich, eine natürliche Ursache haben. Die Russen verweisen auf ein Höhentrainingslager, das nicht hoch lag. Die Kette der Auffälligkeiten reicht weit.
Von Claus Dieterle, OberhofNein, ein Dopingfall ist es nicht. Zumindest bis jetzt nicht. Denn das Ergebnis der obligatorischen Urinprobe ist erst in zwei Wochen zu erwarten. Einstweilen ist Iwan Tscheressow beim Biathlon-Weltcup in Oberhof nur wegen eines erhöhten Hämoglobinwertes in seinem Blut aufgefallen. Und dafür gibt es fünf Tage Schutzsperre. Mehr nicht.
Aber der Fall des russischen Staffel-Weltmeisters bringt elf Monate nach der lebenslangen Sperre gegen die finnische Wiederholungstäterin Kaisa Varis und vagen Hinweisen und anonymen Anzeigen gegen vornehmlich deutsche Biathleten im Zusammenhang mit der Wiener Blutbank Humanplasma wieder Unruhe in die Skijäger-Branche.
Höhentraining in Ramsau muss als Begründung dienen
Dass es ganz andere Baustellen gibt, das weiß auch der Kanadier James Carrabre, Vorsitzender der Medizinischen Kommission der Internationalen Biathlon-Union (IBU). Der Blick geht Richtung Osten. Den Wert von Tscheressow mag er nicht verraten: Datenschutz. Nur so viel: Tscheressow sei der erste Fall des Winters, und er liege nur geringfügig über dem Grenzwert von 17,5 Gramm pro Deziliter Blut. Erhöhte Blutwerte könnten ja durchaus auf eine genetische Disposition hindeuten.
Worauf Tscheressows Teamkollege Nikolai Kruglow gleich anspringt: „Wir waren vor Oberhof zum Training in den Bergen, und jeder reagiert anders auf die Höhe“, sagt er und präzisiert auf die Frage nach dem wo: „In Ramsau.“ Weit über 1200 Meter Seehöhe erhebt sich das Plateau unter dem Dachstein nicht. Darauf, dass er auf Höhentraining eben stärker als andere reagiere, hat sich Tscheressow aber schon beim letzten Mal berufen.
Die Kette der russischen Auffälligkeiten reicht weit zurück
Der Staffel-Weltmeister von 2008 ist ja schon vor 13 Monaten auffällig geworden. Damals, beim Weltcup in Pokljuka, ist der Wert sogar bekannt geworden: 18,2 – extrem. Was damals noch durchgesickert ist: Die Russen machen regelmäßige Blutkontrollen im Team, um die Grenzwerte ja nicht zu überschreiten. Sie sind allerdings nicht die einzigen. Im Januar 2007 hatte in Oberhof schon der frühere Staffel-Weltmeister Sergej Roschkow das Limit von 17,5 überschritten, eine fiebrige Erkältung musste als Begründung herhalten.
Die Kette der russischen Auffälligkeiten reicht noch weiter zurück. Es reicht, wenn man noch den veritablen Dopingfall Olga Pylewa erwähnt. Die Skijägerin wurde bei den Olympischen Spielen in Turin 2006 des Dopings mit dem Stimulantium Carphedon überführt. Ihre zweijährige Sperre hat sie abgesessen, geheiratet, und unter ihrem neuen Namen Olga Medwedzewa ist sie wieder erfolgreich. In Oberhof zum Beispiel mit der Staffel. Über ihre Dopingvergangenheit schweigt sie beharrlich.
„Ein Mysterium verpackt in einem Rätsel“
Auch im Fall Tscheressow herrscht eine merkwürdig defensive Haltung. Wenn der Russe denn ein genetisches Problem haben sollte, warum setzt er sich dann lieber Verdächtigungen aus, als eine im IBU-Regelwerk vorgesehene Ausnahmegenehmigung zu beantragen? Darauf weiß auch Carrabre keine Antwort. „Das ist ein Mysterium verpackt in einem Rätsel“, sagt der Kanadier mit den Worten von Winston Churchill. „Wir haben ihnen Hilfe angeboten, aber die Russen trauen keinem außerhalb ihres Landes.“ Das könnte auch umgekehrt gelten. Einen Antrag für Tscheressow gibt es jedenfalls nicht. Für eine Ausnahmegenehmigung müssten die russischen Mediziner sämtliche gemessenen Werte offenlegen.
Das kann die IBU nicht anordnen. Was der Verband allerdings grundsätzlich macht: „Ein Athlet, der wegen überhöhter Werte aufgefallen ist, wird auf die Prioritätenliste der IBU gesetzt und kann damit von uns 365 Tage im Jahr getestet werden. Und wir testen alles, was derzeit testbar ist.“ So sagt Carrabre. Es gibt offenbar auch eine Liste mit Kandidaten, die durchs grobe russische Kontrollsieb fallen.
Kruglow ist der Meinung, dass „alles in Ordnung ist“
Am Geld jedenfalls sollen die flächendeckenden Antidoping-Maßnahmen der IBU nicht scheitern. „Wir haben ein offenes Budget, dass sich nach unseren Erfordernissen richtet“, sagt Carrabre: „In diesem Jahr wurde es erhöht.“ Das liegt vor allem am neuen IBU-Informationsbluttest, den Carrabre in Oberhof vorgestellt hat. Der bisherige Hämoglobin-Grenzwert von 17,5 Gramm pro Deziliter Blut (bei Frauen 16,0) gilt zwar weiter. Aber der Verband erstellt anhand erheblich ausgeweiteter Tests parallel individuelle Blutprofile. Wer auffällig wird, braucht allerdings keine Sanktionen zu befürchten. Allerhöchstens ein ernstes Gespräch.
Nikolai Kruglow ist sowieso der Meinung, „dass bei uns alles in Ordnung ist. Innerhalb der besten 15 Athleten werden wir international genauso oft kontrolliert wie alle anderen.“ Allein in der Woche vor dem Weltcup in Hochfilzen hätten sie zweimal Besuch von Kontrolleuren bekommen. Doch die Frage nach den ständigen Dopingvorwürfen beantwortet der Russe in zwei Worten: „Kein Kommentar.“