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Biathlon in Nove Mesto WM der verpassten Chancen

„Wir sind nicht abgezockt genug.“ Die deutschen Biathleten bleiben sich bis zum Schluss in Nove Mesto treu: Wenn es darauf ankommt, versagen sie am Schießstand.

© AFP Vergrößern Wilde Hatz: Massenstart der Damen

Auf dieses kleine Drama am Schießstand in der Vysocina Arena ist Verlass. Auch am Sonntag, beim großen Finale der Biathlon-Weltmeisterschaft in Nove Mesto. Miriam Gössner steht im Massenstart auf Bahn zwei, die fünf Scheiben im Visier, die Lärmkulisse von 27.000 Zuschauern im Rücken, und die führende Konkurrentin Darja Domratschewa zur Rechten. Es geht um die Entscheidung. Den Puls auf 170 Schläge pro Minute beruhigen, von Ausdauer auf Präzision umschalten, anlegen, anvisieren, abdrücken, das ist tausendmal geübt - aber es bleibt eine Stresssituation.

Nicht nur für Miriam Gössner. Als die Weißrussin eine Scheibe verfehlt, greift die 22 Jahre alte Skijägerin aus Garmisch plötzlich nach Gold. Aber dann schlägt sie wieder zu, diese merkwürdige deutsche Abschlussschwäche. Drei Scheiben bleiben stehen, selbst zwei hätten zur Medaille gereicht. Darja Domratschewa holt sich ihr erstes WM-Gold in Nove Mesto, die Norwegerin Tora Berger nach vier Titeln das zweite Silber, die Ungarin Monika Hojnisz Bronze. Und Miriam Gössner lächelt tapfer nach Platz sechs: „Ich war bis zum letzten Schuss hochkonzentriert. Schade, aber das kann halt passieren.“

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Drei Stunden später, als die Männer zum Final-Shoot-out auf der Matte stehen, dasselbe Phänomen: Andreas Birnbacher, der laufstärkste Deutsche, stets in der Führungsgruppe dabei und ein Spezialist im Massenstart, schießt sich bei letzter Gelegenheit um jede Chance. Die Norweger sagen danke. Tarjei Bø nimmt das achte WM-Gold für sein Land entgegen, Nove-Mesto-Dominator Emil Hegle Svendsen kann sich nach vier Titeln auch über Rang drei hinter dem Russen Anton Schipulin freuen.

Thomas Pfüller, dem Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, ist das Lachen längst vergangen. Rang fünf für Erik Lesser zum Abschluss, das ist ja ganz schön. Aber er hat ein hohes Ziel für diese erste WM nach Magdalena Neuner ausgegeben - fünf bis sechs Medaillen -, und jetzt muss er mit anschauen, wie auch noch die letzte Hoffnung dahingeht. Nicht, weil die anderen unerreichbar wären. „Wir haben hier ein paar Medaillen hergeschenkt“, sagt er mürrisch. Dieses Phänomen zieht sich wie ein roter Faden durch die zweite Halbzeit dieser WM. Bei der Frauen-Staffel an Freitag hat die erfahrene Schlussläuferin Andrea Henkel eine Medaille aus der Hand gegeben, einen Tag später, als das Männer-Quartett dran war, hat WM-Debütant Lesser beim letzten Schießen Silber verschenkt, und schon am Donnerstag wäre Birnbacher im Einzel mit einer Medaille belohnt worden, hätte er nicht im Finale danebengeschossen. Da sind die deutschen Skijäger in Nove Meston nicht einmal in Bestform, und dennoch muss man sagen: Es ist auch eine WM der verpassten Chancen.

Domracheva of Belarus competes in the women's 12.5 km mass start race during the International Biathlon Union World Championships in Nove Mesto © REUTERS Vergrößern Am Ende alleine: Weltmeisterin Domratschewa

Deshalb ist die Medaillen-Bilanz äußerst bescheiden: Silber von Andrea Henkel im Einzel, Bronze der Männer-Staffel - das war es. „Natürlich sind wir ein Stück weit enttäuscht“, sagt Pfüller. Wenn man da zu den Norwegern rüber schielt, könnte man glatt vor Neid erblassen: Acht Mal Gold. Die haben auch zwei Ausnahmeerscheinungen: Frau Berger und Herrn Svendsen. Die dritte heißt Martin Fourcade, kommt aus Frankreich, und ist mit einmal Gold und viermal Silber der WM-Kronprinz. Was sie gemeinsam haben: Sie sind in Topform und kennen offenbar keine Versagensängste. Die Deutschen schon. Gerade wenn es Spitz auf Knopf steht.

„Wir sind nicht kaltschnäuzig und abgezockt genug beim letzten Schießen“, stellt Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig fest. Ja, aber warum? „Das ist wohl schon ein Stück weit eine Nervenfrage“, vermutet Pfüller. „Die können ja alle treffen.“ Man denke durchaus über mentale Hilfe nach. „Aber das geht nur auf individueller Basis.“ Die einen spüren zu viel Druck, die anderen reden sich ihre Fehler schön. Insofern ist auch Lesser eine Ausnahmeerscheinung - in Sachen Selbstkritik. Der 24 Jahre alte Thüringer sagte nach seinem Fauxpas in der Staffel: „Das war Unvermögen. Ich bin tief enttäuscht von mir.“ Zur Ursachenforschung kann er auch nicht viel beitragen.

Biathlon-WM 2013 © dpa Vergrößern Zwei Schießfehler wären ja noch okay gewesen: Miriam Gössner

Nein, der Schießstand, das war anders als früher nicht die deutsche Wohlfühlzone. Zu viele Fehler, zu lange Schießzeiten, wo doch heute jede Sekunde zählt. Und dazwischen wieder beeindruckende Nullserien - von Andrea Henkel und Dreivierteln der Männerstaffel. Kaum zu erklären. Aber es gibt auch Ansatzpunkte abseits der Schießbahnen. Etwa das WM-Vorbereitungslager in Oberhof, deswegen gewählt, weil die Bedingungen ähnlich sind wie in Nove Mesto - normalerweise. Waren sie aber nicht. „Man muss die Frage stellen, ob es richtig war, bei den miserablen Schneeverhältnissen nach Oberhof zu gehen“, sagt Pfüller. Vom Nassschnee auf die Eisplatten von Nove Mesto, mit dieser Umstellung taten sich die deutschen Skijäger schwer.

Und bis sie läuferisch halbwegs hineinfanden in diese WM, war schon Halbzeit. Als Erklärung, warum sie in Nove Mesto ihrer Bestform hinterherliefen, genügt das nicht. Es sind viele Kleinigkeiten, die nicht stimmen im Gesamtsystem. Und das ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Alarmstimmung? „Die Trainer werden die richtigen Lehren ziehen“, sagt Pfüller. Das Vertrauen der DSV-Führung haben sie jedenfalls. Es gibt sogar einen WM-Lichtblick: Laura Dahlmeier, 19 Jahre alt, glänzte in der Staffel. Und Miriam Gössner kann sich demnächst wenigstens den Frust von der Seele rennen - ganz ohne Gewehr. Sie soll mit den Langläuferinnen bei der nordischen Ski-WM in Val di Fiemme die Medaille holen, die sie in Nove Mesto verpasst hat.

Biathlon-WM in Nove Mesto

Damen, 12,5 km Massenstart: 
Gold: Darja Domratschewa (Weißrussland) 35:54,5 Min./2 Schießfehler;
Silber: Tora Berger (Norwegen) + 0:08,7/2; 
Bronze: Monika Hojnisz (Polen) + 0:27,6/1;
4. Wita Semerenko (Ukraine) + 0:46,6/2; 5. Olga Saizewa (Russland) + 0:52,1/2; 6. Miriam Gössner (Garmisch) + 0:52,1/4; 7. Krystyna Palka (Polen) + 1:00,8/1; 8. Teja Gregorin (Slowenien) + 1:04,5/2;...13. Andrea Henkel (Großbreitenbach) + 1:44,4/4; ... 22. Franziska Hildebrand (Clausthal-Zellerfeld) + 2:37,3/2.

Herren, 15 km Massenstart:
Gold: Tarjei Bø (Norwegen) 36:15,8 Min./0 Schießfehler;
Silber: Anton Schipulin (Russland) + 0:03,7/1; 
Bronze: Emil Hegle Svendsen (Norwegen) + 0:07,4/1;
4. Ondrej Moravec (Tschechien) + 0:10,4/1; 5. Erik Lesser (Frankenhain) + 0:12,8/1; 6. Dominik Landertinger (Österreich) + 0:16,7/1; 7. Jean Guillaume Béatrix (Frankreich) + 0:19,6/2; 8. Björn Ferry (Schweden) + 0:22,5/0; ... 11. Andreas Birnbacher (Schleching) + 0:37,2/2; ...14. Simon Schempp (Uhingen) + 1:10,1/3; 23. Arnd Peiffer (Clausthal-Zellerfeld) + 2:08,9/2.

Quelle: F.A.Z.

 
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