http://www.faz.net/-gtl-76ztp

Biathlon in Nove Mesto : WM der verpassten Chancen

Wilde Hatz: Massenstart der Damen Bild: AFP

„Wir sind nicht abgezockt genug.“ Die deutschen Biathleten bleiben sich bis zum Schluss in Nove Mesto treu: Wenn es darauf ankommt, versagen sie am Schießstand.

          Auf dieses kleine Drama am Schießstand in der Vysocina Arena ist Verlass. Auch am Sonntag, beim großen Finale der Biathlon-Weltmeisterschaft in Nove Mesto. Miriam Gössner steht im Massenstart auf Bahn zwei, die fünf Scheiben im Visier, die Lärmkulisse von 27.000 Zuschauern im Rücken, und die führende Konkurrentin Darja Domratschewa zur Rechten. Es geht um die Entscheidung. Den Puls auf 170 Schläge pro Minute beruhigen, von Ausdauer auf Präzision umschalten, anlegen, anvisieren, abdrücken, das ist tausendmal geübt - aber es bleibt eine Stresssituation.

          Nicht nur für Miriam Gössner. Als die Weißrussin eine Scheibe verfehlt, greift die 22 Jahre alte Skijägerin aus Garmisch plötzlich nach Gold. Aber dann schlägt sie wieder zu, diese merkwürdige deutsche Abschlussschwäche. Drei Scheiben bleiben stehen, selbst zwei hätten zur Medaille gereicht. Darja Domratschewa holt sich ihr erstes WM-Gold in Nove Mesto, die Norwegerin Tora Berger nach vier Titeln das zweite Silber, die Ungarin Monika Hojnisz Bronze. Und Miriam Gössner lächelt tapfer nach Platz sechs: „Ich war bis zum letzten Schuss hochkonzentriert. Schade, aber das kann halt passieren.“

          Drei Stunden später, als die Männer zum Final-Shoot-out auf der Matte stehen, dasselbe Phänomen: Andreas Birnbacher, der laufstärkste Deutsche, stets in der Führungsgruppe dabei und ein Spezialist im Massenstart, schießt sich bei letzter Gelegenheit um jede Chance. Die Norweger sagen danke. Tarjei Bø nimmt das achte WM-Gold für sein Land entgegen, Nove-Mesto-Dominator Emil Hegle Svendsen kann sich nach vier Titeln auch über Rang drei hinter dem Russen Anton Schipulin freuen.

          Thomas Pfüller, dem Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes, ist das Lachen längst vergangen. Rang fünf für Erik Lesser zum Abschluss, das ist ja ganz schön. Aber er hat ein hohes Ziel für diese erste WM nach Magdalena Neuner ausgegeben - fünf bis sechs Medaillen -, und jetzt muss er mit anschauen, wie auch noch die letzte Hoffnung dahingeht. Nicht, weil die anderen unerreichbar wären. „Wir haben hier ein paar Medaillen hergeschenkt“, sagt er mürrisch. Dieses Phänomen zieht sich wie ein roter Faden durch die zweite Halbzeit dieser WM. Bei der Frauen-Staffel an Freitag hat die erfahrene Schlussläuferin Andrea Henkel eine Medaille aus der Hand gegeben, einen Tag später, als das Männer-Quartett dran war, hat WM-Debütant Lesser beim letzten Schießen Silber verschenkt, und schon am Donnerstag wäre Birnbacher im Einzel mit einer Medaille belohnt worden, hätte er nicht im Finale danebengeschossen. Da sind die deutschen Skijäger in Nove Meston nicht einmal in Bestform, und dennoch muss man sagen: Es ist auch eine WM der verpassten Chancen.

          Am Ende alleine: Weltmeisterin Domratschewa
          Am Ende alleine: Weltmeisterin Domratschewa : Bild: REUTERS

          Deshalb ist die Medaillen-Bilanz äußerst bescheiden: Silber von Andrea Henkel im Einzel, Bronze der Männer-Staffel - das war es. „Natürlich sind wir ein Stück weit enttäuscht“, sagt Pfüller. Wenn man da zu den Norwegern rüber schielt, könnte man glatt vor Neid erblassen: Acht Mal Gold. Die haben auch zwei Ausnahmeerscheinungen: Frau Berger und Herrn Svendsen. Die dritte heißt Martin Fourcade, kommt aus Frankreich, und ist mit einmal Gold und viermal Silber der WM-Kronprinz. Was sie gemeinsam haben: Sie sind in Topform und kennen offenbar keine Versagensängste. Die Deutschen schon. Gerade wenn es Spitz auf Knopf steht.

          „Wir sind nicht kaltschnäuzig und abgezockt genug beim letzten Schießen“, stellt Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig fest. Ja, aber warum? „Das ist wohl schon ein Stück weit eine Nervenfrage“, vermutet Pfüller. „Die können ja alle treffen.“ Man denke durchaus über mentale Hilfe nach. „Aber das geht nur auf individueller Basis.“ Die einen spüren zu viel Druck, die anderen reden sich ihre Fehler schön. Insofern ist auch Lesser eine Ausnahmeerscheinung - in Sachen Selbstkritik. Der 24 Jahre alte Thüringer sagte nach seinem Fauxpas in der Staffel: „Das war Unvermögen. Ich bin tief enttäuscht von mir.“ Zur Ursachenforschung kann er auch nicht viel beitragen.

          Zwei Schießfehler wären ja noch okay gewesen: Miriam Gössner
          Zwei Schießfehler wären ja noch okay gewesen: Miriam Gössner : Bild: dpa

          Nein, der Schießstand, das war anders als früher nicht die deutsche Wohlfühlzone. Zu viele Fehler, zu lange Schießzeiten, wo doch heute jede Sekunde zählt. Und dazwischen wieder beeindruckende Nullserien - von Andrea Henkel und Dreivierteln der Männerstaffel. Kaum zu erklären. Aber es gibt auch Ansatzpunkte abseits der Schießbahnen. Etwa das WM-Vorbereitungslager in Oberhof, deswegen gewählt, weil die Bedingungen ähnlich sind wie in Nove Mesto - normalerweise. Waren sie aber nicht. „Man muss die Frage stellen, ob es richtig war, bei den miserablen Schneeverhältnissen nach Oberhof zu gehen“, sagt Pfüller. Vom Nassschnee auf die Eisplatten von Nove Mesto, mit dieser Umstellung taten sich die deutschen Skijäger schwer.

          Und bis sie läuferisch halbwegs hineinfanden in diese WM, war schon Halbzeit. Als Erklärung, warum sie in Nove Mesto ihrer Bestform hinterherliefen, genügt das nicht. Es sind viele Kleinigkeiten, die nicht stimmen im Gesamtsystem. Und das ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Alarmstimmung? „Die Trainer werden die richtigen Lehren ziehen“, sagt Pfüller. Das Vertrauen der DSV-Führung haben sie jedenfalls. Es gibt sogar einen WM-Lichtblick: Laura Dahlmeier, 19 Jahre alt, glänzte in der Staffel. Und Miriam Gössner kann sich demnächst wenigstens den Frust von der Seele rennen - ganz ohne Gewehr. Sie soll mit den Langläuferinnen bei der nordischen Ski-WM in Val di Fiemme die Medaille holen, die sie in Nove Mesto verpasst hat.

          Biathlon-WM in Nove Mesto

          Damen, 12,5 km Massenstart: 
          Gold: Darja Domratschewa (Weißrussland) 35:54,5 Min./2 Schießfehler;
          Silber: Tora Berger (Norwegen) + 0:08,7/2; 
          Bronze: Monika Hojnisz (Polen) + 0:27,6/1;
          4. Wita Semerenko (Ukraine) + 0:46,6/2; 5. Olga Saizewa (Russland) + 0:52,1/2; 6. Miriam Gössner (Garmisch) + 0:52,1/4; 7. Krystyna Palka (Polen) + 1:00,8/1; 8. Teja Gregorin (Slowenien) + 1:04,5/2;...13. Andrea Henkel (Großbreitenbach) + 1:44,4/4; ... 22. Franziska Hildebrand (Clausthal-Zellerfeld) + 2:37,3/2.

          Herren, 15 km Massenstart:
          Gold: Tarjei Bø (Norwegen) 36:15,8 Min./0 Schießfehler;
          Silber: Anton Schipulin (Russland) + 0:03,7/1; 
          Bronze: Emil Hegle Svendsen (Norwegen) + 0:07,4/1;
          4. Ondrej Moravec (Tschechien) + 0:10,4/1; 5. Erik Lesser (Frankenhain) + 0:12,8/1; 6. Dominik Landertinger (Österreich) + 0:16,7/1; 7. Jean Guillaume Béatrix (Frankreich) + 0:19,6/2; 8. Björn Ferry (Schweden) + 0:22,5/0; ... 11. Andreas Birnbacher (Schleching) + 0:37,2/2; ...14. Simon Schempp (Uhingen) + 1:10,1/3; 23. Arnd Peiffer (Clausthal-Zellerfeld) + 2:08,9/2.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Vogel rast zum EM-Titel

          Bahnrad in Berlin : Vogel rast zum EM-Titel

          Angeführt von Sprinterin Kristina Vogel fährt die deutsche Mannschaft am dritten Tag der Bahnrad-EM reichlich Medaillen ein. Der dritte Tag wird allerdings abermals von Stürzen deutscher Fahrerinnen überschattet.

          Topmeldungen

          Bringen die SPD wieder voran? Martin Schulz (vorne), Stephan Weil und Thorsten Schäfer-Gümbel.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Weinstein und die Folgen : Man sagte mir, keiner würde mir glauben

          Warum schweigen Frauen, wenn sie sexuell belästigt wurden? Sie täten es nicht, wenn sie daran glauben würden, dass es einen anderen Weg gäbe, den Launen der Männer ohne Beschädigung zu entgehen. Ein Gastbeitrag.
          Christine Hohmann-Dennhardt, ehemals Daimler und VW.

          Absprachen-Verdacht : Die doppelte Kronzeugin im Autokartell

          Hinter den Selbstanzeigen von Daimler und VW steckt offenbar ein und dieselbe Person: Christine Hohmann-Dennhardt war an beiden Tatorten. Der Gelackmeierte im Spiel ist BMW.
          Im Alter jeden Cent umdrehen zu müssen - das befürchten viele Arbeitnehmer.

          Sinkendes Rentenniveau : Vorsorgen kann jeder

          Mit der gesetzlichen Rente kommen Pensionäre nicht mehr weit. Jeder zweite Single in Deutschland sorgt sich, seinen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dabei ist das gar nicht so schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.