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Biathlon-Gewehr Der tödliche Begleiter

Florian Graf machte beim Weltcup etwas, was einem den Atem stocken ließ. Er packte seine geladene Waffe am Schaft und pustete in den Lauf. Gewehre von Biathleten sind gefährliche Waffen - manchmal fehlt dafür das Bewusstsein.

© dpa Vergrößern „Ich hatte einen Wassertropfen im Ringkorn und habe nichts mehr gesehen“: Florian Graf

Es war eine ganz spontane Reaktion, aber eine, die lebensgefährlich war. Florian Graf stand im Nieselregen auf der grünen Schießmatte in der Oberhofer Biathlon-Arena, hatte schon einen Treffer erzielt und setzte dann plötzlich das Kleinkalibergewehr ab. Irgendetwas schien ihn zu stören. Und dann machte der 24 Jahre alte Zollhauptwachtmeister etwas, was denen, die es im Nebel überhaupt mitbekommen haben, den Atem stocken ließ.

Claus Dieterle Folgen:  

Er packte seine geladene Waffe am Schaft und pustete in den Lauf. Ohne sich der Gefahr bewusst zu sein. „Ich hatte einen Wassertropfen im Ringkorn und habe nichts mehr gesehen. Das war situationsbedingt, eine automatische Reaktion, da ich schnellstmöglich weitermachen wollte“, sagte der Bayer später. Für die Jury, die nach dem Rennen, das Graf unversehrt als Dreißigster beendet hatte, zusammentrat, gab es da nur eine Möglichkeit: Disqualifikation.

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„Wenn man weg von den Scheiben auf irgendeinen Körper zielt, ist es eine definitive Disqualifikation“, sagte der frühere Olympiasieger, Weltmeister und heutige ZDF-Experte Sven Fischer. Auch dann, wenn man - wie Graf - den Finger nicht am Abzug hat. „Selbstverständlich wollte ich weder mich noch andere in Gefahr bringen. Ganz klar mein Fehler! Es tut mir einfach nur leid, sorry!“, sagte Graf einen Tag später.

Grafs Fauxpas im Nebel gehört zu den Situationen, in denen einem schlagartig bewusst wird, dass die Biathleten mit ihrem maximal 3,5 Kilogramm schweren Sportgerät des Kalibers 5,6 eben nicht nur fünf Scheiben in fünfzig Metern Entfernung umklappen lassen können.

„Das war situationsbedingt, eine automatische Reaktion, da ich schnellstmöglich weitermachen wollte“ © dpa Vergrößern „Das war situationsbedingt, eine automatische Reaktion, da ich schnellstmöglich weitermachen wollte“

Olympiasieger Ricco Groß, heute Frauen-Bundestrainer, hat die Frage „Was könnte man mit Ihrem Biathlongewehr erlegen?“ einmal so beantwortet: „Wenn man nah genug dran ist - alles.“ Die Projektile treten mit einer Geschwindigkeit von 300 Metern pro Sekunde aus dem Lauf aus - das ist genug, um einen Menschen auf die Biathlon-Distanz zu töten.

Deswegen gibt es strenge Sicherheitsbestimmungen. Der kleine Waffenschein und der europäische Feuerwaffenpass sind Pflicht. Vor und nach jedem Wettkampf wird strikt kontrolliert. Und auf Reisen müssen die Waffenkästen im Hotel angekettet werden, oder sie verschwinden - wie in Russland oder Südkorea - nachts gleich in Waffenkammern.

Magazin-Skandal während der WM 2000 in Oslo

Und doch kommt es - sehr selten - selbst auf höchster Ebene zu lebensgefährlichen Situationen. Bei der Weltmeisterschaft 2009 in Pyeongchang löste sich beim vermeintlichen Trockentraining in einer Halle aus der Waffe von Andrea Henkel ein Schuss und durchschlug die zehn Meter entfernte Holzwand glatt. Es war pures Glück, dass sich in dem dahinterliegenden Gang niemand aufhielt. Die Thüringerin hatte versehentlich statt eines leeren Magazins das Reservemagazin vom Sprintrennen eingeführt, das noch geladen war. Ein Irrtum, dessen einzige Folgen der Schrecken und die Disqualifikation für das nächste Rennen waren.

Beim sogenannten Magazin-Skandal während der WM 2000 in Oslo war kein Versehen sondern Unsportlichkeit im Spiel. Der Norweger Frode Andresen, der den Titel im Sprint gewann, gestand später, dass er schon vor dem Start ein Magazin in die Waffe eingeführt hatte, was strikt verboten ist, aber einen Zeitvorteil am Schießstand verschafft.

Für die Jury gab es nur eine Möglichkeit: Disqualifikation © dpa Vergrößern Für die Jury gab es nur eine Möglichkeit: Disqualifikation

Es war ein Geständnis ohne Folgen, weil die Aktion verborgen geblieben und niemand Protest innerhalb des vorgeschriebenen Zeitfensters eingelegt hatte. Den Titel durfte Andresen behalten, gab ihn aber später freiwillig zurück. Auf frischer Tat wurde Andresen erst beim Massenstart ertappt - von einem Kampfrichter. Das Magazin mit den fünf Patronen hatte schon im Magazinschacht gesteckt, ehe Andresen zum ersten Mal an den Schießstand kam.

Ein klarer Regelverstoß, denn die Internationale Biathlon-Union (IBU) hat scharfe Sicherheitsbestimmungen. Laufen mit „unterladener Waffe“, wie das heißt, ist strengstens untersagt. Die Magazine dürfen erst am Schießstand eingelegt werden, wegen der Gefährdung der Konkurrenz und der Zuschauer. Eindeutige Konsequenz bei Zuwiderhandeln: Disqualifikation.

„Man neigt dazu, ein bisschen schludriger zu werden“

Die Biathleten - besonders die Männer - haben schon ein besonderes Verhältnis zur ihrer Waffe, die ja maßgeschneidert ist. Was sich allein daran zeigt, dass sie ihr einen Namen, von „Baby“ bis „Henrystutzen“, geben. Und sie trennen sich nur ungern von ihr. Gerade in der Vertrautheit, im täglichen Umgang mit dem Kleinkalibergewehr, dem guten Freund, liegt vielleicht die größte Gefahr. Die zurückgetretene Biathlon-Ikone Magdalena Neuner hat es einmal so formuliert: „Man neigt schon dazu, ein bisschen schludriger zu werden. Deswegen mache ich mir immer wieder bewusst, dass das eine tödliche Waffe ist.“

Vielleicht ist der Fall Graf so eine Chance für jeden Biathleten, sich mal wieder zu überprüfen, was die eigene Sorgfalt angeht. Der tödliche Trainingsunfall des 15 Jahre alten russischen Nachwuchs-Biathleten Ilja Istomin, dem im Juli 2010 ein Trainingskamerad wohl beim Reinigen seiner Waffe im Hotelzimmer aus Versehen ins Ohr geschossen hatte, zeigt, was im schlimmsten Fall passieren kann.

Mit zehn Fehlern auf Platz zehn © dpa Bilderstrecke 

IBU-Regel 8.5.1

„Es ist verboten, mit dem Gewehr Bewegungen auszuführen, die andere gefährden oder von anderen als gefährlich wahrgenommen werden könnten. Die Gewehrmündung muss sich von Anfang bis Ende der Schießeinlage über dem vorderen Rand der Schießrampe (= Feuerlinie) befinden. Ist der Schießstand zum Schießen geöffnet, darf sich niemand vor dieser Linie aufhalten.... Wettkämpfer tragen zu jeder Zeit die Verantwortung für die Sicherheit ihrer Handlungen und Gewehre.“ (dpa)

Quelle: F.A.Z.

 
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