Der letzte Schuss. Zwei Zentimeter zu tief. Ärgerlich nach neun Treffern, aber „so was bringt mich schon lange nicht mehr aus dem Konzept“, sagte Magdalena Neuner, ohne dass es arrogant klang. „Ich hab’s halt mal wieder spannend gemacht.“ Zum Glück, sonst wäre das Sprintrennen beim Biathlon-Weltcup in Antholz schon nach Startnummer 17 entschieden gewesen. Denn in dieser Laufform ist selbst eine Strafrunde für die Wallgauerin noch die Garantie zumindest für einen Platz auf dem Podest.
Und weil die Konkurrenz am Donnerstag in der herrlich zwischen Dreitausendern gelegenen tief verschneiten Südtirol-Arena sogar mitspielte, stand am Ende des Biathlon-Tages der 29. Weltcupsieg der 24 Jahre alten Rekordweltmeisterin, vor der Gesamt-Weltcupsiegerin Kaisa Mäkäräinen und Daria Domratschewa aus Weißrussland. Natürlich war es ein ganz besonderer. Schon deshalb, weil es mal wieder die richtige Antwort nach einem Missgeschick war.
Es ist ja eine kuriose Abschieds-Tour, die bislang neben souveränen Erfolgen wie jetzt in Antholz auch Allerlei aus dem Grusel- und Kuriositätenkabinett der Skijagd zu bieten hat. Da war der Blackout in Oberhof, als Magdalena Neuner in Führung liegend im Stehendanschlag vier Scheiben verfehlte, was den Staffelsieg kostete. Genauso erstaunlich war es, wie die Bayerin dank telefonischer Hilfe ihres Mentaltrainers kurzerhand die „Löschtaste“ gedrückt hat und zwei Tage später mit hundert Prozent Trefferquote souverän den Sprint gewann.
Noch besser in die Kategorie „Ich nehme zum Schluss wirklich aber auch alles noch mit“ passt das Verwirrstück vergangene Woche in Nove Mesto. Im Verfolgerrennen setzte sie vier saubere Treffer, leider auf die falschen Scheiben, bevor sie ihren Irrtum bemerkte. Auch der fünfte Schuss saß, aber der Sieg war weg. „Wenn ich mich mit so etwas lange aufhalten würde, würde mich das nur blockieren.“ Also wieder die Löschtaste.
Alles aber kann und will sie nicht löschen. Natürlich nimmt sie in ihrer letzten Saison überall Abschied, aber die Südtirol-Arena unterhalb des Staller Sattel hat schon ihren ganz besonderen Stellenwert. „In Antholz habe ich immer tolle Gefühle, weil hier alles begonnen hat.“ Ihren ersten Weltcup-Sieg hat sie zwar am 5. Januar 2007 in Oberhof gefeiert, aber wer hätte damals gedacht, dass der nur die eher schlichte Ouvertüre für die Neuner-Festspiele einen Monat später im Antholzer Tal war. Drei Titel für eine knapp Zwanzigjährige bei ihrem WM-Debüt - das hatte es noch nie gegeben.
„Ich will mein Leben zurück“
Die Neuner-Welle war so gewaltig, dass sie selbst ihre Protagonistin überrollte. Es machte sie zwar zu einer der bestbezahlten Wintersportlerinnen überhaupt, aber ihr selbst kam der Preis sehr hoch vor. Der Satz, „ich will mein Leben zurück“, stammt aus dieser Zeit. Sie bekommt es ja wieder - am Ende der Saison. Sie sagt aber auch: „Ich bereue nichts.“ Natürlich kommen die Gedanken, die einen durch den Kopf gehen, wenn man das letzte Mal die Geburtsstätte der eigenen Karriere betritt, ganz von selbst.
Auch während des Rennens hat sie an ihren Zweikampf damals mit der Schwedin Anna-Carin Olofsson gedacht, in manchen Waldpassagen kamen Erinnerungen an damals hoch. Glücksgefühle. „Positive Emotionen, die mich gepusht haben“, wie sie sagt.
Schon am Vortag hat es sie auch wieder auf den Antholzer See hinaus gezogen. Aufnahmen fürs Fernsehen, das musste sein. Auch diesmal hat es nicht lange gedauert, und die Crew war von Fans umringt. Es war nicht so schlimm wie vor fünf Jahren, als sie an ihrem zwanzigsten Geburtstag mit Hund und Gold-Medaillen für eine ganze Schar Fotografen posierte. Die Eisdecke war damals gefährlich nahe an ihrer Belastungsgrenze. Es knackte bedrohlich, aber das Eis hielt. Von der Stelle sind es nur ein paar Schritte zum Seehaus, jahrelang das Stammquartier der deutschen Biathleten.
Kurze Wege zum Stadion, herrliche Lage, und himmlische Ruhe. Mit der war es dann wegen des Neuner-Hype schlagartig vorbei. Seitdem ist das Hotel so etwas wie ein Wallfahrtsort geworden. Und wenn unten im Speiseraum Frau Neuner und Kollegen beim Essen saßen, „haben sich die Fans die Nase an den Scheiben platt gedrückt, und wir sind uns manchmal vorgekommen wie Tiere im Zoo“, hat sie einmal den Belagerungszustand beschrieben. Die Ruhe war dahin, das Quartier auch. Man ist längst ins Tal geflüchtet. Vielleicht gibt es ja - ohne Magdalena Neuner - einen Weg zurück.