04.02.2007 · Eine 19 Jahre alte Juniorin bricht in die Skijäger-Zunft ein und gewinnt zwei Goldmedaillen bei der Biathlon-WM. „Ich bin nicht die zweite Uschi Disl - ich bin die erste Lena Neuner“, sagt sie. Bisher konnten die Branchengrößen noch von Glück sagen, dass die schnelle Bayerin regelmäßig am Schießstand versagte.
Von Claus Dieterle, AntholzManchmal ist Magdalena Neuner ihr eigenes Tempo nicht ganz geheuer. „Das ist jetzt doch alles ziemlich schnell gegangen“, befand die Skijägerin nach ihrem doppelten Coup von Antholz. So als staune sie selbst über eine Karriere im Zeitraffer, die wohl ihresgleichen sucht. Vor ein paar Monaten war die hochbegabte Biathletin aus dem Örtchen Wallgau im Werdenfelser Land nur ein paar Insidern bekannt, jetzt ist sie zweifache Weltmeisterin. Die 19 Jahre alte Oberwachtmeisterin beim Zoll hat direkten Kurs auf den Sprint-Titel am Samstag genommen und den Sieg in der Verfolgung am Sonntag nachgelegt - als wäre es reine Zeitverschwendung, den üblichen Weg von hoffnungsvollen Nachwuchsleuten zu beschreiten: sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln, bis dann irgendwann die große Stunde schlägt.
Aber Hochbegabte lassen schon mal ein paar Klassen aus. Magdalena Neuner ist mit Siebenmeilenstiefeln in die Skijägerzunft eingebrochen, ohne großes Getöse, aber mit einer frappierenden Selbstverständlichkeit. Dass eine Juniorin den gestandenen Frauen das Lauftempo diktiert, das ist neu in einer Branche, in der normalerweise nur Ausdauer und Beharrlichkeit zum Ziel führen. Da können die Branchengrößen von Glück sagen, dass der schnellen Bayerin noch die Sicherheit am Schießstand fehlt. Aber wenn man sie mit diesem unglaublichen Zug auf den Ski über die Strecke gleiten sieht, dann drängt sich schon manchmal der Eindruck auf, dass da womöglich eine weibliche Ausgabe von Ole Einar Björndalen heranreift.
„Ich bin die erste Lena Neuner“
Wobei Magdalena Neuner derartige Vergleiche ablehnt. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Prinzip. „Jeder Mensch ist irgendwie einzigartig“, sagt sie und wehrt sich dagegen, als Kopie betrachtet zu werden. „Ich bin nicht die zweite Uschi Disl“, versichert sie, wenn die Sprache auf ihre ähnlich laufstarke, inzwischen zurückgetretene Vorgängerin als Sprint-Weltmeisterin kommt: „Ich bin die erste Lena Neuner.“ Zu ihrer Identität gehört auch, dass sie „Lena“ und nicht „Magda“ gerufen werden will. Weniger um eine Verwechslung mit der großen Schwedin Magdalena Forsberg zu vermeiden, die immer noch als die perfekte Biathletin gilt. „Es passt einfach besser zu mir.“
Natürlich ist die inzwischen als TV-Kommentatorin arbeitende Schwedin ein Vorbild, „weil sie eine Jahrhundert-Biathletin war“. Wobei Magda ihr Urteil über Lena schon vor deren erstem Weltcupsieg am 5. Januar in Oberhof abgegeben hat: „Ein Jahrhunderttalent.“ Doch vorerst genießt auch die Weltmeisterin Magdalena Neuner bei Bundestrainer Uwe Müssiggang noch den Status einer Auszubildenden. Auch wenn ihm in seinen 17 Jahren als Bundestrainer eine derart gelehrige Schülerin noch nicht untergekommen ist.
Bundestrainer ist fasziniert von gelehriger Schülerin
Natürlich hat sie Lehrgeld gezahlt. Sie hat den mentalen Stress bei den Heim-Weltcups in Oberhof und Ruhpolding unterschätzt, sie war ausgebrannt und „leer im Kopf“. Und dann passieren schon mal solche Missgeschicke wie beim Massenstart in der Chiemgau Arena, als sie beim letzten Schießen keine einzige Scheibe traf. Was für andere zum Trauma werden kann, wertete Magdalena Neuner kurzerhand als Betriebsunfall, aus dem man nur die richtigen Lehren ziehen muss. Was hieß: zur Ruhe kommen, nicht mehr jeden Terminwunsch befriedigen.
In der Abgeschiedenheit von Obertilliach hat sie wieder zu sich selbst gefunden und ist zurückgekommen wie eine Naturgewalt. Das ist es, was den Bundestrainer an seiner Jüngsten so fasziniert: diese Fähigkeit, sich am eigenen Schopf aus kleinen Krisen herauszuziehen. „Sie hat diesen Killerinstinkt“, sagt Müssiggang, wohl wissend, dass eine derart martialische Formulierung eigentlich gar nicht zu dieser aparten Erscheinung passt. Magdalena Neuner mag mit ungeheurem Tempo in die Weltspitze vorgeprescht sein, ihre Beliebtheit im deutschen Team verdankt sie anderen Qualitäten. „Sie passt einfach menschlich zu uns“, sagt Müssiggang. Weil sie weder vorlaut ist noch kleinlaut, weil sie eine Meinung hat, aber auch andere gelten lässt. Deshalb kommt sie gut an im Team der Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen, obwohl sie sportlich eine Bedrohung ist.
„Auf die Lena stürzt viel mehr ein“
Kati Wilhelm sieht das anders: „Es ist gut, dass eine wie Lena nachgekommen ist. Das zeigt uns, dass wir uns nicht ausruhen können.“ Wenn die dreimalige Olympiasiegerin von ihrem ersten WM-Titel erzählt, als sie 2001 aus dem Nichts aufs Treppchen gehüpft ist, fallen ihr kaum Parallelen zur Neuner-Mania ein. „Bei mir wurde das damals als Eintagsfliege gesehen, aber bei Lena erwarten alle, dass es jetzt so weitergeht. Auf die Lena stürzt viel mehr ein.“
Man muss sich wohl keine großen Sorgen machen, dass Frau Neuner in den Turbulenzen untergehen könnte. Dafür ist sie zu fest verwurzelt in einer bodenständigen Familie, in der die Musik die Hauptrolle spielt. Und dass sie ihren eigenen Kopf hat, das hat ihr Manager unlängst zu spüren bekommen. Als Stephan Peplies nach ihrem Sieg in Oberhof mit 40 Werbeanfragen aus der Wirtschaft überschüttet wurde, hat Frau Neuner zur Abwechslung mal gebremst. Das ehre sie ja, hat sie gesagt, aber höchstens ein, zwei kämen als Partner für sie in Frage. Im Gegenzug hat sie Peplies ein Papier mit eigenen Vorstellungen vorgelegt. Textilien und Kosmetik standen ganz oben auf der Liste. „Naturkosmetik“, betont Magdalena Neuner. Sie weiß offenbar genau, was sie will.