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Biathlon Das Versteckspiel der Martina Glagow

03.12.2003 ·  Im Schatten der Olympiasiegerinnen Kati Wilhelm und Andrea Henkel hat sie sich heimlich, still und leise zur lachenden Dritten emporgearbeitet. Martina Glagow startet als Weltmeisterin und Weltcup-Siegerin in die Saison.

Von Claus Dieterle
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"Vorsicht, Schnulleralarm." Die Worte von Andrea Henkel sind als Warnung gedacht. Weil sie soviel bedeuten wie: Ihre Zimmerkollegin Martina Glagow ist gerade in eine ihrer Lieblings-Doku-Soaps vertieft und kann sich nur ganz schwer losreißen. Die sonst eher kühl und abgeklärt wirkende Biathletin aus Mittenwald, die so trefflich mit dem Kleinkalibergewehr umzugehen versteht, kann richtig emotional werden, wenn es um das Thema Babys und Geburten geht. Und sie findet das ganz normal für eine junge Frau. "Meine Freundin guckt auch solche Sachen, und wenn eine Geburt so richtig schön war, dann heulen wir zusammen", sagt Martina Glagow und lacht.

Solche öffentlichen Einblicke in ihr Innenleben gewährt die 24 Jahre alte Skijägerin, die in der vergangenen Saison mit dem Sieg im Gesamtweltcup unverhofft zur First Lady ihrer Zunft aufgestiegen ist, nur selten. Selbst bei Dingen, die nun wirklich kein Geheimnis mehr sind, ist ihr kaum Erhellendes zu entlocken. Warum sie den nicht ganz alltäglichen Berufswunsch Hebamme verspürt, vermag sie nicht befriedigend zu beantworten. "Hebamme, das hat mich schon immer interessiert, so allgemein", sagt sie und stockt. Vielleicht ist das ja schon wieder zu persönlich. Genau wie die Frage nach der Mutter. Daß Vater Martin die Karriere seiner Tochter von Beginn an begleitet und seit Jahren ihr persönlicher Servicemann ist, findet sie "normal" und keiner weiteren Rede wert. Und die Mutter? Die scheint so etwas wie der Gegenpol zu sein. "Die hat mit Sport absolut nix am Hut." Aber das genügt jetzt wirklich.

Freundlich, aber alles andere als mitteilungsbedürftig

Die Privatsphäre ist ihr heilig. Und daran soll sich möglichst nichts ändern. Warum auch? Nur weil sie als erste Deutsche den Gesamt-Weltcup gewonnen, nur weil sie in Khanty-Mansyisk den Weltmeistertitel in der Verfolgung erkämpft hat? Ist doch alles ganz normal. Einfach das Ergebnis von Talent, Fleiß, Zielstrebigkeit und einer Portion Glück. Es kam ihr schon zupaß, daß anfangs alle auf die beiden Olympiasiegerinnen Kati Wilhelm und Andrea Henkel geschaut haben. Und in deren tiefem Medienschatten hat sie sich heimlich, still und leise zur lachenden Dritten emporgearbeitet. Nicht so spektakulär wie ihre Vorgängerin, die schwedische Seriensiegerin Magdalena Forsberg, aber unauffällig konstant wie keine Zweite - mit einem Coup bei letzter Gelegenheit, der WM.

Jetzt, wo an diesem Donnerstag die neue Saison im finnischen Biathlonzentrum Kontiolahti eröffnet wird, ist es natürlich vorbei mit dem Versteckspiel. Und doch ist es für Martina Glagow Business as usual. Sie erwartet ja gar nicht, daß es so weitergeht wie im vergangenen Winter, zumal die Norwegerin Liv Grete Poiree nach ihrem Babyjahr wieder mitmischt. "Ich mach' mir da keinen Kopf", lautet einer ihrer Lieblingssätze. Schon gar nicht über die WM, die im Februar in Oberhof, also im eigenen Land, stattfindet. Druck? "Den haben wir da immer. Und mehr Zuschauer werden auch kaum da sein." Der einzige Unterschied, sagt sie, sei höchstens, daß ein paar Journalisten mehr da seien als sonst. Nicht, daß ihr das Probleme bereitete. Martina Glagow kennt das Spiel längst, antwortet freundlich auf Fragen, aber sie ist alles andere als mitteilungsbedürftig. Ganz im Gegensatz zu Kati Wilhelm, die sich gerne schrill und forsch gibt und das Leben auf der Medienseite in vollen Zügen genießt.

Nein, sie taugt nicht zum Glamourgirl

Martina Glagow ist im Grunde heilfroh, daß weder Gesamt-Weltcup noch WM-Titel die Strahlkraft von olympischem Gold haben. "Ich möchte gar nicht so in der Öffentlichkeit stehen. Ich möchte alles so lassen, wie es ist", sagt Martina Glagow. Mit Freunden in aller Ruhe Eis essen gehen, die kleine beschauliche Welt rund um Mittenwald genießen. Nein, sie taugt nicht zum Glamourgirl. Obwohl man schon auf diesen Gedanken kommen könnte, wenn man sich die neue Homepage der kühlen Blonden anschaut. Martina Glagow im langen Schwarzen, das obenherum schon einiges an Stoff ausspart - ein Blickfang. Martina im bayerischen Trachtenlook, auch ein Hingucker. Martina in Berufskleidung, diese Bilder sind merkwürdigerweise etwas unterrepräsentiert. Da merkt man also doch die Veränderungen, die sich ins beschauliche Leben eingeschlichen haben. Ist das die Handschrift ihres neuen Managers? Ist das Marketingstrategie nach bewährtem Sexappeal-Muster? "Nein, nein", wehrt Martina Glagow ab, "aber es gab so wenig gute Sportbilder von mir. Also haben wir selbst welche gemacht." Klingt nicht wirklich überzeugend. Eher nimmt man ihr ab, daß das lange Schwarze nicht ihre gewöhnliche Abendgarderobe repräsentiert. Und das Dirndl habe sie sich nur für eine bayerische Hochzeit zugelegt. Ansonsten bevorzugt sie es ganz leger.

Aber es läßt sich nicht leugnen, daß ihr Erfolgsjahr Spuren hinterlassen hat. Seit Juni hat sie tatsächlich einen Manager, wo doch bisher der Papa die Geschäfte der Tochter geführt hat. "Aber der hat jetzt keine Zeit mehr, weil er auch noch zwei österreichische Biathleten betreut." Zum Nachteil von Martina Glagow dürfte der Wechsel von der väterlichen zur professionellen Vermarktung gewiß nicht sein. Der neue Manager hat schon ihrer ebenso stillen Zimmerkollegin Andrea Henkel unerwartet dazu verholfen, ihr Olympiagold am einträglichsten zu versilbern. Zwei persönliche Sponsoren sind hinzugekommen. Einen Investmentfonds haben andere auch im Portfolio, aber es ist bestimmt kein Zufall, daß Martina Glagow für ein Stärkungsmittel wirbt, daß sich vorwiegend an eine ganz bestimmte Zielgruppe wendet: Schwangere. "Baßt scho'", sagt sie. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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