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Biathlon-Arena Thüringen saniert sein Tor zur Welt

Oberhof gilt im Biahtlon-Weltcup als Zuschauermagnet. Die Infrastruktur der veralteten Arena ist mangelhaft. Doch das kleine Nebelloch bleibt Thüringens Tor zur Welt. Investitionen sollen helfen. Nicht jeder findet diese sinnvoll.

© AFP Vergrößern Den Anschluss verpasst: Biathlon im thüringischen Oberhof

Jetzt pilgern sie wieder in Massen die Straße hinauf zur Biathlon-Arena oben am Grenzadler, steigen aus Hunderten von Bussen, lassen ihre Ratschen kreisen, blasen in ihre Tröten, schon lange, bevor der erste Schuss gefallen ist. Und das bunte Fan-Völkchen - meist im Seniorenalter - lässt sich in seinen durchsichtigen Regenhüllen auch nicht von der berüchtigten Wetterküche beeindrucken, die mal wieder garstig brodelt: Nebel, Regen, Sturmböen.

Claus Dieterle Folgen:  

Das bisschen Neuschnee aus der Nacht ist längst weggespült, zwischen den dahin schmelzenden Altschneefeldern stehen tiefe Pfützen, und gegen den Matsch helfen selbst Wagenladungen von Rindenmulch nur bedingt. Gegen den Schneeschwund auf der 3,3 Kilometer langen Wettkampfstrecke sind die Oberhofer besser gewappnet. 8.000 Kubikmeter Kunstschnee lagern noch in den Depots, das müsste reichen, um bis Sonntag eine weltcuptaugliche Unterlage zu gewährleisten. Und selbst wenn im Jahr eins nach dem Rücktritt von Superstar Magdalena Neuner noch Karten zu haben sind - mit 80.000 Zuschauern an den vier Wettkampftagen rechnet man beim Organisationskomitee dennoch.

Die Zuschauermassen sind Oberhofs Kapital

Die Zuschauermassen sind Oberhofs größtes Kapital. Und das beste Argument im immer härter werdenden Wettstreit mit der Weltcup-Konkurrenz. Denn ansonsten hat sich in und um die Arena nur wenig getan, seit sie für die Weltmeisterschaft 2004 zum Vorzeigeprojekt umgebaut wurde. Aber gerade in den vergangenen zehn Jahren hat sich im Biathlon auch baulich und infrastrukturell viel bewegt, sind - vor allem im Osten - supermoderne Stadien mit hohem technischem Standard und Komfort entstanden. Oberhof hat ein wenig den Anschluss verpasst. „Sie sind da eher ins letzte Drittel zurückgefallen“, sagt Peer Lange, der Sprecher der Internationalen Biathlon-Union.

Allerdings gab es schon damals bei der WM mit Containerlösungen für Presse und Sportler ein paar Schönheitsfehler. Die gibt es immer noch, aber ihre Tage werden nun wirklich bald gezählt sein. Auf sanften Druck der Internationalen Biathlon-Union (IBU) hin, die den Oberhofern bei einem Besichtigungstermin im September 2011 nur unter der Bedingung die A-Lizenz erteilt hat, ein paar Hausaufgaben umgehend zu erledigen. Wichtigster Punkt: Ein zweites Funktionsgebäude, das endlich das Provisorium für Sportler, Trainer und Medien beendet. Das dreistöckige Gebäude wird jetzt im Frühjahr tatsächlich in Angriff genommen. Nach IBU-Meinung am falschen Platz, weil zu weit weg vom ersten Gebäudekomplex, und mit einem Jahr Verspätung zwar.

Bild Biathlon Weltcup Oberhof © dpa Vergrößern Stimmungsarena: Die Ränge sind wie immer randvoll gefüllt

Aber die politischen Entscheidungswege in Thüringen mit seiner großen Koalition sind lang und hürdenreich, und sie haben Wolfgang Filbrich, dem Olympiastützpunktleiter Oberhof, ein paar schlaflose Nächte bereitet. Erst kurz vor Weihnachten hat Jochen Staschewski, Staatssekretär im Thüringer Wirtschaftsministerium, einen Scheck über 5,4 Millionen Euro übergeben. Damit soll die weitere Erschließung rund um die Biathlon-Arena finanziert werden, was wiederum Voraussetzung für den Bau des Multifunktionsgebäudes ist. 1,94 Millionen Euro sind laut Filbrich für dieses Bauvorhaben veranschlagt, wovon allein der Wintersportverein Oberhof 800.000 Euro aufbringt.

Auch ein zweiter Engpass wird mit den Fördergeldern beseitigt. Bislang war die Wasserversorgung für die Kunstschnee-Produktion ein großes Problem, weil bisweilen das Trinkwasser angezapft werden musste. Jetzt entsteht ein sogenannter Schnei-Teich, ein Rückhaltebecken mit einem Fassungsvermögen von rund 100.000 Kubikmetern. Womit sich dann auch die zweite Auflage der IBU erfüllen ließe: Die Vergrößerung des Oberhofer Schneedepots. Mit Erfüllung sämtlicher Vorgaben samt seinem Ruf als Zuschauerkrösus dürfte Oberhof weiter fester Bestandteil des Weltcup-Kalenders bleiben, allerdings müssten im Hinblick auf eine ins Auge gefasste WM-Bewerbung weitere Investitionen folgen.

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Wie fast überall in der 1.500 Einwohner zählenden Sportstadt im Thüringer Wald, die sich einst als Deutschlands modernstes Wintersportzentrum rühmen konnte. Auch was die Trainingsbedingungen angeht. Skispringer Stephan Hocke hat seinen Rücktritt vor ein paar Tagen auch mit den schlechten Trainingsbedingungen begründet. Die Schanzen im Kanzlersgrund sind marode, die Aufsprunghügel haben Löcher, das bislang letzte Weltcup-Skispringen hat 1998 stattgefunden, und auch die Nordischen Kombinierer haben Oberhof 2010 zuletzt beehrt.

Da ist man heilfroh, dass kurz vor der Jahreswende ein weiterer Scheck über 6,5 Millionen Euro an Bundes- und Landesfördermitteln eingetroffen ist: Für den Neubau der kleinen (K 100) und die Sanierung der großen (K 120) Schanze. Samt einer neuen Beschneiungsanlage dürfte das Vorhaben 7,7 Millionen Euro kosten. Eine dringend nötige Investition, die gleichwohl nicht jeder gut findet. Zumal auf diesen Schanzen keine weitere Weltcupveranstaltungen geplant sind. Aus dem Umland heißt es, Fördergelder flössen immer nur nach Oberhof, während man selbst leer ausgehe. Andererseits ist es aber so, dass dieses kleine Nebelloch Oberhof Thüringens Tor zur Welt ist. Gerade in diesen turbulenten Biathlon-Tagen.

Quelle: F.A.Z.

 
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