10.12.2011 · Vom Olympia-Gold in die Kreisklasse: Der Biathlet Michael Rösch ist zwei Jahre in der Versenkung verschwunden. Nun startet er wieder im Weltcup.
Von Claus Dieterle, HochfilzenEs war genau die Antwort, die sich Magdalena Neuner zwei Tage nach ihrer offiziellen Rücktrittserklärung erhofft hatte. Der Konkurrenz gleich mal zeigen, dass diese Saison noch ihr gehört. Und so stiefelte die zehnmalige Weltmeisterin aus Wallgau am Freitag im Biathlonzentrum von Hochfilzen ohne Schießfehler zu ihrem 26. Weltcup-Sieg, vor der Finnin Kaisa Mäkäräinen und Olga Saizewa aus Russland. „Mir ist eine Last von den Schultern gefallen. Beim Schießen konnte ich alles ausblenden, aber auf der Strecke hat man gemerkt, dass mich der Trubel der letzten Tage Kraft gekostet hat.“
An Neuner-Siege hat man sich längst gewöhnt. Es gab aber noch einen anderen, der sich am Freitag wie ein Gewinner fühlen durfte - trotz Platz 27 im 10-Kilometer-Sprint, 1:12,9 Minuten hinter dem schwedischen Sieger Carl Johan Bergmann: Michael Rösch. Weil der Altenberger einen persönlichen Etappensieg errungen hat. Er ist zurück im Weltcup-Zirkus. Nach fast zwei Jahren in der Versenkung. An sein Comeback haben nicht mehr viele geglaubt. Und er selbst kam sich in Hochfilzen vor wie beim ersten Mal. „Erste Runde Genuss, zweite Runde Schmerzen, dritte Runde Qual“, beschrieb er seine Erfahrungen. Fazit: „Es ist schön, wieder dabei zu sein.“
Es gibt Dinge, die lernt man erst schätzen, wenn man die Perspektive gewechselt hat. Rösch, der sprücheklopfende, rotzfreche Staffel-Olympiasieger von 2006 und vermeintliche neue Stern am deutschen Biathlon-Himmel, sagt es ja selbst: „Ich war ganz unten, mehr kann dir eigentlich nicht passieren.“ Dabei hatte ihn sein damaliges Management vor Vancouver 2010 schon als kommenden Olympiasieger verkauft, nach dem Motto: Staffelgold hat er ja schon, jetzt kommt logischerweise der Einzeltitel. Leider hat Rösch sich ausgerechnet in der Olympiasaison dieser kühnen Vermarktungs-Logik entzogen: Es ging nur noch bergab.
Nach Platz 106 im Weltcup-Sprint von Pokljuka im Dezember 2009 hat ihm der damalige Bundestrainer Frank Ullrich eine Denkpause verordnet - für die Heimspiele in Oberhof und Ruhpolding. Sie half nicht. Der nächste Weltcup-Einsatz im Januar 2010 in Antholz war sein vorerst letzter, Olympia passé. „Dass ich es nicht nach Vancouver geschafft habe, dieser Stachel sitzt immer noch tief“, sagt Rösch. Stattdessen wurde er in die zweite Liga herabgestuft, den IBU-Cup. Es kam aber noch schlimmer: mangels Leistung Versetzung in den Deutschland-Pokal, wobei der eigentlich eine Nachwuchsserie ist. Der Olympiasieger bei den Biathlon-Kids - tiefer geht es nicht.
„Keine Zuschauer, du musst alles selber machen, auch die Skipräparierung. Das ist ein Unterschied wie zwischen Fußball-Bundesliga und Kreisklasse“, sagt Rösch. „Umso mehr weiß ich jetzt zu würdigen, was es heißt, im Weltcup dabei zu sein.“ Über die Gründe für seinen Abstieg in die Kreisklasse mag Rösch nicht mehr reden. Nur so viel: „Ich habe mehr falsch als richtig gemacht. Ich war erkenntnisresistent und habe mir meine Fehler nicht eingestanden.“ Aber es ist kein Geheimnis, dass in diese Zeit des schleichenden Abstiegs der gemeinsame Hausbau mit seiner Freundin in Waldidyll nahe Altenberg und dann die Trennung von ihr fiel. Und dass auch die Beziehung zum Manager in die Brüche ging.
Es gab nicht mehr viele, die zu ihm hielten, aus den Fördersystemen des Deutschen Skiverbandes (DSV) flog er heraus, auch wenn die Tür stets offen blieb. Aber ohne Eigeninitiative wäre sie hart ins Schloss gefallen. Als einziger Förderer blieb noch die Bundespolizei, und die Sponsoren, die - wie Rösch behauptet - ihm allesamt treu geblieben seien. „Eine Handvoll Leute und die Familie haben mich in dieser schweren Zeit unterstützt, das werde ich ihnen nicht vergessen“, sagt er. Was Rösch letzten Endes bewogen hat, sich ein Jahr auf eigene Faust und Kosten („ohne Sponsoren wäre das nicht gegangen“) in den Biathlon-Niederungen durchzuschlagen, erklärt sich vielleicht aus dem lapidaren Satz: „Ich kann eh nix anderes.“ Trotzdem waren sie im Skiverband nahe daran, endgültig die Geduld zu verlieren. Im Frühjahr hat Thomas Pfüller, der DSV-Sportdirektor, seinen Problem-Biathleten zum Krisengespräch gebeten, nach dem Motto: Wenn du jetzt nicht in die Spur kommst, ist das Kapitel Rösch erledigt. „Es hat geholfen“, sagt Pfüller.
Rösch gibt sich geläutert, behauptet, dass ihn diese schwere Zeit geprägt, ihn weitergebracht habe. Sportlich hat er sich wieder herangekämpft, hat sich gemeinsam mit dem Bundespolizei-Kollegen Arnd Peiffer auf die Saison vorbereitet, „was mir einen richtigen Schub gegeben hat“. So hat er bei allen Leistungskontrollen und im Abschlusstrainingslager in Muonio überzeugt. Und hat jetzt seine wohl allerletzte Chance, sich wieder in der ersten Biathlon-Klasse zu etablieren. „Ich habe meine Schlüsse gezogen“, sagt Rösch. Das gilt nicht in jeder Beziehung. Der Mann, dem sie als Jungspund seinen Hang zur Fäkaliensprache nachgesehen haben, liebt auch mit 28 Jahren noch eine eher deftige bis schnodderige Ausdrucksweise. Deswegen klingt seine Erkenntnis für den Neuanfang so: „Das Wichtigste ist, dass ich die Birne frei habe. Da war doch zu viel Krimskrams drin.“