05.11.2009 · Mit aller Macht verfolgt Anni Friesinger ein letztes verbliebenes Ziel: Gold über 1000 Meter bei den Winterspielen von Vancouver. Danach könnte der Abschied von den Bergen folgen, denn ihr Ehemann betreibt in Holland einen großen Bauernhof.
Von Rainer SeeleNichts gegen die Niederlande, natürlich nicht. Sie sind ja längst zur zweiten Heimat für Anni Friesinger geworden, zu einem Fixpunkt auch ihrer sportlichen Vita. Durch Heerenveen zum Beispiel, diesen Eis-Tempel, der ihr so vertraut ist wie die heimischen Bahnen. Und seit dem Sommer sind die Bande zu den Niederlanden noch enger geworden: Anni Friesinger heiratete Ids Postma, und eines Tages will sie auch dauerhaft bei ihm sein, auf seinem Bauernhof, dessen Scheune gerade zu einem Wohnhaus umgebaut wird. Aber der Umzug muss warten, noch ist er nicht vereinbar mit dem Lebensentwurf von Anni Friesinger, die 32 Jahre alte Inzellerin hat dies soeben noch einmal deutlich gemacht.
Sie sei, sagt sie, ein Kind der Berge, sie mag die Alpen nicht missen und auch nicht Salzburg, wo sie seit längerem lebt. Dies sei ja eine Kulturstadt, sagt sie, Anni Friesinger scheint das sehr zu schätzen. „Das reißt mich aus dem Alltag raus.“ Noch nicht umzusiedeln liegt aber vor allem an ihren sportlichen Plänen, an Vancouver und an Inzell, ihre Mission auf dem Eis ist schließlich noch nicht erfüllt.
Anni Friesinger spricht von einer „ultimativen Chance“. Damit sind selbstredend die Olympischen Winterspiele gemeint. „Für mich“, sagt sie, „zählt nur der Februar.“ Es geht um einen bestimmten Tag in diesem Monat, um den Tag, an dem die Entscheidung über 1000 Meter fällt. Alle Gedanken kreisen um diesen Wettbewerb, der zu einem Höhepunkt in ihrer Laufbahn werden soll: Die Goldmedaille in dieser Disziplin fehlt der Oberbayerin schließlich noch, diese Lücke soll in Vancouver geschlossen werden, mit aller Macht wird Anni Friesinger sich darum bemühen.
Den Druck von Turin gibt es nicht mehr
Trotzdem weist sie auch auf eine gewisse Gelassenheit hin, der Ehrgeiz soll sie nicht zerfressen, Anni Friesinger behauptet: „Ich kann mir was Schönes erlaufen. Ich habe nicht mehr den Druck wie in Turin.“ Sie erzählt, dass sie sich wie auf einer Leiter fühle, dass sie Sprosse für Sprosse erklimmen möchte - mit der Absicht, schließlich eine grandiose Aussicht zu genießen. Der Weg aber verläuft nicht wie gewünscht, wegen Knieproblemen hatte Anni Friesinger ihren Start bei den deutschen Meisterschaften am vergangenen Wochenende in Berlin absagen müssen. Der Teamarzt hatte ihr das empfohlen, nachdem die Inzellerin sich im Training zu stark belastet hatte.
Jetzt soll die olympische Saison für sie am kommenden Wochenende beginnen, beim Weltcup in Berlin, wo Anni Friesinger wieder nicht auf Claudia Pechstein treffen wird - da der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne erst in 14 Tagen ein Urteil über die Berlinerin fällen will, die wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt ist. Zu dieser Affäre mag Anni Friesinger sich derzeit nicht äußern, im Gegensatz zu den Funktionären der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). Sie spekulieren auf eine Rückkehr von Claudia Pechstein, immerhin würde die deutsche Mannschaft dann mit größeren Hoffnungen nach Vancouver reisen - das ist das klare Kalkül der DESG.
Nicht die beste Kuh im Stall
Anni Friesinger zumindest wird auch nach dem kanadischen Intermezzo noch dem Eis verbunden bleiben, getrieben von dem Wunsch, ihre Karriere im eigenen Land zu beenden. Die umtriebige Läuferin, die - weil sie das Fliegen als neues Hobby entdeckte - gerade den Pilotenschein macht, möchte ihren letzten großen Auftritt auf dem Eis bei den Einzelstrecken-Weltmeisterschaften 2011 in der neuen Halle in Inzell inszenieren. „Da bin ich großgeworden. Das wäre ein perfekter Abschluss.“
Dann könnte auch der Abschied von Deutschland, von Österreich folgen, dann würden doch die Niederlande locken. Und an Beschäftigung, Anni Friesinger weiß das, wäre weiterhin kein Mangel. Ihr Ehemann wüsste sie sicherlich einzuspannen in der Landwirtschaft, er hat dort Masse zu bieten mit 300 Stück Milchvieh, aber offensichtlich auch Qualität. Anni Friesinger beschreibt das lächelnd so: „Ich bin definitiv nicht die beste Kuh in seinem Stall.“