Der Mann ist viel pragmatischer veranlagt, als man denkt. Da ist Andreas Birnbacher am Freitag, nachdem er mit der relativ niedrigen Startnummer 28 seine Arbeit zur vollsten Zufriedenheit verrichtet hatte, einfach für eine Weile aus der Biathlonarena in Hochfilzen verschwunden, während das Sprint-Rennen noch in vollem Gange war. Und jeder hat geglaubt, dass der Schlechinger Skijäger flüchtet, weil er nicht mit ansehen mag, wie ihn noch einer der 80 nach ihm gestarteten Konkurrenten von Position eins verdrängt.
Aber weit gefehlt. „Ich wollte bloß die Zeit zum Auslaufen nutzen, weil man dazu später kaum noch Gelegenheit hat“, sagte Birnbacher später. Er wollte den Fehler von Östersund nicht wiederholen, den hat er am Tag danach mit schweren Beine bezahlt. Und so hat der Gelegenheits-Jogger Birnbacher zwar den Aufschrei der 7200 Zuschauer drinnen in der Arena gehört, aber er wusste nicht, dass er dem Franzosen Martin Fourcade galt, der Birnbachers Zeit nur um 0,4 Sekunden verfehlt hatte. Bis ihm die frühere Miss Biathlon Uschi Disl über den Weg lief und ihn freudestrahlend aufklärte: „Mensch Andi, du hast gewonnen!“ Vor Fourcade und dem Slowenen Jakov Fak.
Birnbacher macht also da weiter, wo er vergangene Saison aufgehört hat. Da ist der Knoten plötzlich aufgegangen, da hat er mit drei Weltcupsiegen und Platz drei im Gesamt-Weltcup den großen Durchbruch geschafft, auch wenn ihm bei der Heim-WM in Ruhpolding die Einzelmedaille versagt blieb. „Es ist klar, dass man sich nach einer solchen Saison höhere Ziel setzt“, sagt Birnbacher. Und jetzt hat er nach Platz zwei beim Saisonauftakt in Östersund gleich noch einen draufgesetzt in Tirol. „Hochfilzen, das ist für mich ja fast Heimat“, sagt Birnbacher, der nur eine halbe Autostunde entfernt wohnt.
Sein Sieg war die perfekte Antwort auf den jähen Rücktritt seines Teamkollegen Michael Greis am Mittwoch. Natürlich haben sie intern drüber geredet, ohne dass es Dimensionen wie bei Magdalena Neuner angenommen hätte. Aber gerade Birnbacher hat ja einiges erlebt mit dem „Michi.“ „Ich war jahrelang sein Zimmerkollege, und es ist schon komisch, dass er jetzt weg ist. Da fehlt ein bissel was.“ Birnbacher sagt aber auch, dass schon eine Tendenz zu erkennen gewesen sei.
„Unser Team braucht keinen, der in den Vordergrund drängt“
„Man hat schon gemerkt, dass der Michi im Trainingslager ein bisschen gegrübelt hat, dass er vom Kopf nicht mehr so fokussiert war wie die letzten Jahre. Aber er ist ja nicht traurig abgetreten.“ Sondern in dem Bewusstsein, dass er keine große Lücke mehr reißt mit seinen 36 Jahren. Greis habe sich mit den Worten verabschiedet: „Ihr seid so stark, da braucht ihr einen alten Bock wie mich nicht mehr.“
Jetzt ist Birnbacher mit 31 Jahren der neue Greis im deutschen Team. Und neben Arnd Peiffer das Aushängeschild. Birnbacher hat es schon bemerkt, das gesteigerte Interesse an ihm. Mehr Termine, und auf der Straße wird er schon mal erkannt. Als neuen Frontmann sieht er sich deswegen nicht. „Unser Team braucht keinen, der in den Vordergrund drängt“, sagt Birnbacher, der seine Rolle eher so beschreibt: „Ich versuche das Team zu verstärken und meine Leistung zu bringen.“
Dieses Team ist, ganz anders als bei den Frauen, die sich am Freitag mit dem neunten Platz von Miriam Gössner bescheiden mussten, so stark wie seit Jahren nicht. Auch für Birnbacher ist die Konkurrenz der Orientierungspunkt schlechthin. Er hat, als ihn im Herbst acht Wochen lang eine unerklärliche Müdigkeit befallen hat, „und ich lange nur im Wohlfühlbereich, aber nicht professionell trainieren konnte“, stets den Vergleich mit den Kollegen gesucht. „Als ich mich im Trainingslager langsam wieder herangekämpft habe, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“
Aber die Physis eines Weltklasse-Biathleten hatte Birnbacher schon immer. Gefehlt hat ihm vielleicht etwas die Reife. Und man lernt ja aus den schlimmsten Momenten meist mehr als aus Hochgefühlen. Viele haben den ersten Weltcup-Sieg im März 2011 als Schlüsselerlebnis seiner Karriere ausgemacht, er selbst hat eine andere Wahrnehmung. „Ich habe bei Olympia 2010 die Staffel verschossen, da bin ich tief gefallen.“
„Das bringt dich ein großes Stück weiter“
Damals war er der Buhmann, auch wenn das keiner öffentlich sagen mochte. Ein Jahr später, bei der WM-Staffel in Chanty-Mansijsk, stand er nach diesem Nackenschlag unter extremem Druck, lieferte aber eine tadellose Vorstellung, auch wenn es nicht zur Medaille reichte. Es war Birnbachers gefühlte Wiederauferstehung. „Wenn du dich aus so einem Tief heraus arbeitest, das bringt dich ein großes Stück weiter.“ Wie weit, das sieht man oft erst mit etwas Verspätung.