02.02.2012 · Vor den Weltcup-Abfahrtsrennen in Chamonix sammeln Wissenschaftler Daten für die Entwicklung eines Airbags. Er soll vor schweren Verletzungen schützen.
Von Bernd SteinleDer Sturz sah schlimm aus. Klaus Brandner, ein Nachwuchsfahrer des Deutschen Skiverbands (DSV), bekam im Training für die Weltcup-Abfahrt in Bormio im vergangenen Dezember vor einer Bodenwelle einen Schlag. Brandner wurde hoch in die Luft geschleudert, er überschlug sich, prallte mit voller Wucht auf den Rücken, schlug mehrmals heftig auf der Piste auf. Die Ski flogen davon, Brandner schlitterte in einem Affentempo den Hang hinunter, rutschte unter mehreren Fangnetzen durch, bevor er schließlich an einem weiteren Zaun liegen blieb. Es gab eine Schrecksekunde, dann rappelte sich Brandner prompt wieder auf. "Ihm ist nichts passiert, er hat nicht mal eine Prellung gehabt", sagt der Herren-Cheftrainer des Deutschen Ski-Verbands, Karlheinz Waibel.
Es war Glück im Unglück, im doppelten Sinne. Für Brandner, weil er das Training mit einem Prototyp des neu entwickelten Airbags für Skirennläufer der italienischen Firma Dainese bestritten hatte; und für Dainese, weil dessen Forscher interessante Messwerte erhielten über die Kräfte, die bei einem so heftigen Abflug auf einen Fahrer wirken. So gesehen, war Brandners Fall für sie eine Art Idealsturz.
Mehr Sicherheit im alpinen Skirennsport schaffen - dieses Ziel steht hinter der Zusammenarbeit des Internationalen Skiverbands (Fis) mit Dainese. Das Unternehmen entwarf schon vor Jahren einen Airbag, der im Motorradsport eingesetzt wird. Nun geht es darum, die Technik auf den Skisport zu übertragen. Das Problem: Während sich im Motorradsport durch die vielen Runden auf ein und derselben Strecke recht schnell zahlreiche für die Entwicklung maßgebliche Daten erheben lassen, ist dafür im Skisport immer das spezielle Rennumfeld nötig.
Seit März 2011, seit der Abfahrt in Kvitfjell, leisten daher 16 Weltcup-Athleten, darunter der norwegische Olympiasieger Aksel Lund Svindal, wichtige Basisarbeit. In Trainingsläufen sammeln sie mittels in den Rückenprotektor eingebauter Sensoren Beschleunigungs-, Impuls- und GPS-Werte, die während des Laufs auftreten. Vor den beiden Abfahrten in Chamonix an diesem Freitag und am Samstag liegen diese Daten inzwischen für mehr als 90 Fahrten vor. Mit ihrer Hilfe wollen die Forscher den Knackpunkt des Projekts angehen. Der lautet: Wann genau soll der Airbag auslösen?
"Es ist ein schmaler Grat im Skisport zwischen einer kontrollierten und einer unkontrollierten Situation", sagt Vittorio Cafaggi, Projektleiter bei Dainese. Dazu muss man sich nur vor Augen halten, in welch haarsträubenden Situationen sich Ski-Künstler wie der Amerikaner Bode Miller bei Tempo 100 und mehr aus eigener Kraft noch auf den Beinen halten, obwohl sie nach gängigen physikalischen Gesetzen eigentlich längst gestürzt sein müssten. So geht es nun darum, jenen flüchtigen Moment zu finden, an dem ein Skirennfahrer die Kontrolle über die Ski verliert, jenen Punkt, an dem ein Sturz unvermeidlich ist. Derzeit ist der Airbag so ausgelegt, dass er nur in Situationen auslöst, wenn der Kontrollverlust eindeutig ist - bei einem Rückwärtssalto oder bei einem Sturz wie dem von Brandner in Bormio. "Wir wollen eine unnötige Auslösung auf alle Fälle vermeiden", sagt Cafaggi.
Ist der richtige Algorithmus für die Auslösung gefunden, steht technisch nicht mehr viel im Weg. Der Airbag bringt ein Zusatzgewicht von 600 bis 700 Gramm mit sich, er hat ein Volumen von 14 Litern und öffnet sich in 50 Millisekunden. Maximalen Schutz bietet er nach 100 Millisekunden, die auf Schultern, Brust und Rücken wirkenden Kräfte sollen dann um bis zu 85 Prozent reduziert werden. Zudem sollen auch die Kopfbewegungen bei einem Sturz verringert werden.
Ein Allheilmittel in Sachen Verletzungs-Prävention ist der Airbag aber noch lange nicht. "Das Ziel muss auch sein, das Knie vor schweren Verletzungen zu schützen", sagt Waibel, der sich auch in der Arbeitsgruppe Sicherheit der Fis intensiv mit der Problematik beschäftigt hat. Denn Knieverletzungen sind im Skisport wesentlich häufiger - und sie sind oft besonders langwierig. Denkbar wären etwa intelligent auslösende Bindungen oder auch ein Airbag-Schutz für die Knie. Die Möglichkeiten dafür sind noch längst nicht ausgereizt - unter anderem auch, so Waibel, weil die Ergebnisse der verschiedenen in Sachen Sicherheit laufenden Forschungsprojekte besser zusammengeführt werden müssten.
Fünf Millionen Euro hat Dainese nach eigenen Angaben in das Airbag-Projekt investiert, inklusive Motorradsport. Die Fis leistet keine finanzielle, dafür aber organisatorische und fachliche Unterstützung. Für das Unternehmen sollen sich die Ausgaben irgendwann rechnen. Es hofft später auf eine möglichst große Breitenwirkung des Airbags, auch wenn dafür eine ganz andere Spezifizierung nötig sein wird - schließlich wird zwar auch im Hobby-Skisport viel gestürzt, selten aber wirken Kräfte wie im Rennsport. Dort will Dainese im kommenden Jahr weiter an der Feinabstimmung feilen, bevor dann 2014 bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi ein oder mehrere Athleten mit dem neuen System antreten sollen. Dass der Airbag mehr ist als eine interessante Luftnummer, das immerhin hat der Fall des Klaus Brandner schon jetzt bewiesen.