23.01.2010 · Der Start auf der Streif ist wie ein Raketenabschuss, nur dass es nicht in den Himmel geht, sondern ins Tal. Auf den ersten 150 Metern beschleunigen die Fahrer auf 110 Kilometer pro Stunde. Stephan Gmür testet als Vorfahrer die Piste.
Von Michael Eder, Kitzbühel„Wenn du mit deinem Leben abgeschlossen hast, kannst du dich als Vorfahrer auf der Streif bewerben.“ Über das Bonmot des österreichischen Slalomfahrers Rainer Schönfelder kann Stefan Gmür nur schmunzeln. Nein, mit dem Leben abgeschlossen hat der 31 Jahre alte Schweizer nicht, aber als Vorfahrer auf der legendären, aberwitzig steilen Kitzbüheler Abfahrtsstrecke hat er sich trotzdem beworben. Das war vor anderthalb Jahren aus einer Laune heraus.
„Die nehmen eh nur Österreicher“, habe er gedacht, doch als dann die Einladung zum Casting kam, ist Gmür nach Kitzbühel gereist, vorgefahren – und von den Österreichern gleich verpflichtet worden. „Es war ein Bubentraum“, sagt er, „einmal die Streif runterzufahren“, und genau vor einem Jahr schaute er zum ersten Mal im berühmten Starthäuschen auf 1665 Meter Höhe in den Abgrund.
Der Start in Kitzbühel erinnert an einen Raketenabschuss, nur dass es nicht in den Himmel geht, sondern ins Tal. Auf den ersten 150 Metern beschleunigen die Fahrer auf 110 Kilometer pro Stunde. Selbst die besten Abfahrer der Welt hatten Schweißausbrüche, als sie zum ersten Mal dort oben standen. Stefan Gmür hielt sich an deren Rezept und hat sich nicht lange mit Zweifeln und Angstzuständen aufgehalten. „Nur nicht runterschauen“, sagt er zur erforderlichen Taktik am Start. „Du musst einfach losfahren, dann gibt es kein Zurück mehr, dann ist es ganz einfach.“ Ganz einfach? „Es ist schon brutal“, sagt Gmür. „Ich hätte nie gedacht, dass ich da mal runterfahre.“
„Es geht nicht um die Zeit. Es geht um etwas ganz anderes“
Die Veranstalter der großen Abfahrtsrennen tun sich schwer damit, Vorfahrer zu finden. Starke Nachwuchsleute sind lieber bei Europacup- und Fis-Rennen unterwegs, um Punkte für die Karriere zu sammeln, und allzu mutige Hasardeure, die sich gern mal melden, würden nicht heil unten ankommen. So sind Fahrer wie Stefan Gmür gefragte Leute, mutig und gut genug, beim Höllenritt die Streif hinunter alles im Griff zu behalten, auch die eigenen Nerven. Dabei dürfen sie nicht zu viel wollen, das Adrenalin darf ihnen nicht die Sinne vernebeln. Ob er diesmal den Ehrgeiz hat, schneller zu fahren als letztes Jahr? „Nein“, sagt Gmür, „es geht nicht um die Zeit. Es geht um etwas ganz anderes: Du musst eine saubere Linie ziehen und den Trainern zeigen, wie weit die Sprünge gehen. Und vor allem musst du unten ankommen.“
Der Schweizer hat seinen Job gut gemacht im vergangenen Jahr, auch wenn die erste Trainingsfahrt im Fangzaun endete. Rund zehn Sekunden war er langsamer als die besten Abfahrer der Welt, und dieses Jahr ist er wieder dabei. Daheim in Amden im Kanton St. Gallen arbeitet er als Dachdecker, er hat eine Woche Urlaub genommen, und für freie Kost und Logis und ein bescheidenes Tagegeld stürzt er sich wieder die Streif hinunter, zweimal im Training, und dann an diesem Samstag bei der 70. Auflage der Hahnenkamm-Abfahrt.
Gmür ist ein Versuchskaninchen, wenn man so will, denn er und seine Kollegen, die auf der Brust keine Startnummer tragen, sondern einen Buchstaben, sind die Ersten, die über die seit Wochen präparierte Piste rasen, die Sprünge testen, die Schläge auf den Traversen, das ganze Setup, wie die Pistendesigner sagen. Sie sind die Ersten, die Spuren in die Gleitstrecken legen, auf denen die Profis dann fixer vorankommen.
„Man springt nicht mehr, man fährt jetzt einfach drüber“
Stefan Gmür hat eine Rennfahrergeschichte hinter sich, wie es nicht wenige gibt. In der Jugend ein großes Talent, zerriss es ihm Anfang zwanzig bei einem Trainingssturz das Knie samt Kreuzband und Meniskus, und als die Verletzung verheilt war, versuchte er sich noch einmal auf der Rennstrecke, doch der Kopf spielte nicht mehr mit. „Mental hat es nicht mehr gereicht“, sagt er. Seither fährt er Ski zum Spaß und hält sich beim FC Weesen in der fünften Schweizer Liga als Fußballtorwart fit.
Vergangenes Jahr hat Gmür den verheerenden Trainingssturz seines Landsmannes Daniel Albrecht in Kitzbühel aus nächster Nähe miterlebt. Gmür war als Vorläufer ins Ziel gekommen, als Albrecht wenig später mit der Startnummer fünf und Tempo 140 beim Zielsprung die Kontrolle verlor, bei einem fürchterlichen Sturz schwere Kopf- und Hirnverletzungen erlitt und danach mehrere Wochen im Koma lag. „Es war ein Fahrfehler“, sagt Gmür.
Dass der Sprung damals nicht optimal gebaut war, wie viele Fahrer meinen, sagt er nicht. Jedenfalls haben die Veranstalter in diesem Jahr den Zielsprung entschärft. „Ich habe das Gefühl, dass das gut gelungen ist“, sagt Gmür. „Man springt nicht mehr, man fährt jetzt einfach drüber.“ Aber die Streif ist immer noch die Streif, unterwegs hat sie nichts von ihrem schwierigen Charakter verloren. „Die ganze Strecke hat schon am zweiten Trainingstag mehr Schläge als letztes Jahr beim Rennen“, sagt Gmür. Beklagen will er sich darüber nicht, denn ordentlich Schläge einzustecken – das gehört nun mal zum Job eines Vorfahrers.