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100 Tage vor Vancouver Im olympischen Medaillenrausch

 ·  Kanada will die erfolgreichste Nation bei den Winterspielen in Vancouver werden - und gibt sich 100 Tage vor Beginn der Spiele nicht als freundlicher Gastgeber. Die amerikanischen Nachbarn beklagen einen „Mangel an Sportsgeist“.

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Als das olympische Feuer am Freitagmorgen aus Griechenland kommend in der Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia landete, standen zahlreiche Honoratioren bereit. Nachdem eine Gruppe von Indianerhäuptlingen die symbolträchtige Flamme in einer Grubenlampe per Kanu quer über den Hafen von Victoria transportiert hatte, wurde die Fackel entfacht, die auf eine hunderttägige Reise durch das ganze Land gehen wird, ehe sie am 12. Februar zur Eröffnung der Winterspiele in Vancouver eintreffen wird.

Die Werbetour soll allerdings mehr tun, als die 33 Millionen Bewohner des aufstrebenden Landes nördlich des 49. Breitengrades auf das Ereignis aufmerksam zu machen. Sie soll gleichzeitig eine nationale Begeisterung entfachen. Denn Kanadas Sportverantwortliche haben ihrem Team für die siebzehn Tage von Vancouver ein bombastisches Ziel gesetzt: die meisten Medaillen von allen Teilnehmerländern zu gewinnen.

In der Vergangenheit hatten sich die Menschen in der rohstoffreichen ehemaligen britischen Kolonie vor allem als freundliche Gastgeber verstanden, die es denn auch bei den bisherigen zwei Olympischen Spielen in Kanada - 1976 in Montreal und 1988 in Calgary - schlichtweg versäumten, auch nur eine einzige Goldmedaille zu erobern. Diesmal werden dreißig Medaillen angestrebt, eine nochmalige Steigerung von jenen 24, die man 2006 in Turin gewonnen hatte. Seit dem vergangenen Winter, als die Athleten mit der rot-weißen Ahornflagge nach Angaben ihrer Funktionäre mehr Wintersportmedaillen gewinnen konnten als jedes andere Land, wirkt die Ambition nicht einmal mehr verwegen. „Wenn du das erlebst, dann begreifst du, wozu wir in der Lage sind“, sagte Kathy Priestner-Allinger vor ein paar Wochen. Sie ist geschäftsführende Vizepräsidentin des Organisationskomitees.Der Behauptung fehlte allerdings eine gewisse Präzision. So ergab die Bilanz der Weltmeisterschaften in allen Wintersportarten tatsächlich folgendes Bild: Deutschland hatte 43 Medaillen gewonnen, Norwegen 29 und Kanada 26.

Klagen der Konkurrenz

An die hohen Ansprüche und die gewagten Rechenkunststücke müssen sich nicht nur Kanadier gewöhnen. Also jene Bevölkerungskreise, die nach den Worten von Chris Rudge, dem Geschäftsführer des NOK, in der Vergangenheit zu wenig Wert auf Leistungseliten gelegt und „eine egalitäre Haltung gegenüber Sport“ an den Tag gelegt hatten. Auch die anreisenden Sportler müssen umdenken. So berichteten kanadische Zeitungen im März erstmals über Beschwerden von holländischen und chinesischen Eisschnellläufern, deren Trainingsmöglichkeiten in Vancouver drastisch beschnitten worden waren.

Eine Klage, die die „New York Times“ im September wiederholte, als sich amerikanischen Sportler wie die Eisschnellläuferin Catherine Raney beklagten. „Sie spielen auf fies“, sagte sie. John Furlong, Chef des Organisationskomitees von Vancouver, zeigte wenig Verständnis für die Rüge. „Das ist Standard, dass das Ausrichterland einen Heimvorteil hat“, sagte er. „Die gleiche Situation hatten die Amerikaner 2002 in Salt Lake City. Da haben sie in Sportarten, in denen sie traditionell nie vorne lagen, alle Medaillen gewonnen.“

Der amerikanische Rodelverband, der sich einst mit den Kanadiern bestens verstanden hatte, als in Lake Placid nur eine einzige Bahn auf dem ganzen Kontinent existierte, reagierte enttäuscht über die erkalteten Beziehungen. „Das zeigt einen Mangel an Sportsgeist“, sagte Ron Rossi, der Geschäftsführer der amerikanischen Rodler, die froh gewesen wären, wenn sie den bekannt schnellen Eiskanal von Vancouver so oft wie möglich hinuntergeschossen wären. Das gewachsene kanadische Selbstbewusstsein oder - wie Chris Rudge es nennt - der Abbau jener „egalitären Angst“, die dafür sorgte, dass „wir immer alles für alle sein wollten und jedem eine faire Chance geben, damit er nach oben kommen kann“, basiert allerdings nicht auf bloßer Rhetorik.

Staatlich finanzierter Sturm auf die Podien

Unter dem Banner einer mit Blick auf die Spiele in Vancouver gegründeten Organisation namens „Own The Podium“ ( „Nehmt das Siegespodest in Beschlag“) entstand eine mit umgerechnet rund 70 Millionen Euro bezuschusste Förderungsmaßnahme für Spitzensportler. Das Geld kommt aus Mitteln des Organisationskomitees und aus Subventionen der Bundesregierung in Ottawa. „Es wäre schließlich falsch gewesen, klare Ziele und Vorgaben zu setzen und dann den Athleten nicht die notwendigen Mittel und Unterstützung zu geben“, sagt Rudge.

Als das Programm anlief, registrierte Deidra Dionne, Bronzemedaillengewinnerin im Freestyle-Skiing 2002 in Salt Lake City, eine „drastische Veränderung“. Als sie 2000 in die Elite des Sports vorstieß, musste sie noch alles selbst bezahlen - seien es Flugtickets oder die Unterkunft. Auslagen, die sich pro Saison auf beinahe 30.000 Euro summierten. Inzwischen verfügt der Kader über Weltklassetrainer, Technik- und Fitnessspezialisten und Masseure. „Das bedeutet zwar nicht, dass ich das Geld bekomme. Aber jetzt habe ich Bedingungen, die mir erlauben, meine Ziele wahr machen zu können.“

Nicht alle Kanadier finden solche Maßnahmen und die dahinter liegenden Ambitionen wirklich erstrebenswert. So sagte Robyn Ainsworth, die als Zwölfjährige in Calgary bei der Eröffnungsfeier das olympische Feuer angezündet hatte, neulich über Chris Rudge und seinen Medaillenrausch: „Das ist Unsinn. Die Sportler trainieren ihr ganzes Leben für diesen einen Augenblick. Schon die Tatsache, dass sie sich überhaupt für die Olympischen Spiele qualifizieren, sollte man feiern. Es geht nicht darum, die meisten Medaillen zu gewinnen. Das macht kein Land besser als irgendein anderes.“

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