Als Florian Eckert nach dem Rennen seines Lebens im Zielraum von St. Anton zur Anzeigetafel blickte, stand da eine „3“ hinter seinem Namen. „Ein geiles Gefühl“, gab der Bronzemedaillen-Gewinner im alpinen Abfahrtslauf anschließend Einblick in sein Innenleben.
Gunda Niemann-Stirnemann riss die Arme hoch wie ein Torschütze beim Fußball, ballte immer wieder die Fäuste und versuchte sich sogar an der „Säge“. Nach ihrem WM-Triumph über 3.000 Meter in Salt Lake City präsentierte sich die Erfurterin emotionaler denn je.
Fantastisches Gesamtergebnis
Deutschlands Wintersportler haben in der vorolympischen Saison bei Weltmeisterschaften in olympischen Disziplinen mehr Medaillen gewonnen als bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano und sich damit ein Jahr vor den Spielen in Salt Lake City wieder als Nummer eins der Welt im Schnee und auf dem Eis erwiesen.
Die Erfolge wurden nicht selbstverständlich genommen. An allen Hängen und Pisten, Eisbahnen und Bobrinnen war überquellende Siegeslust spürbar. Selbst Mister Cool, Martin Schmitt, konnte sich in Lathi kaum zügeln: „Es ist absoluter Wahnsinn, dass es hier so gut geklappt hat. Ich freue mich riesig“, jubelte er nach seinem WM-Sieg von der Großschanze. Dabei stieß er die Faust in den finnischen Himmel, bevor ihm das komplette Team um den Hals fiel.
Mit Schlittschuh, Ski und Rodel gut
Ulrich Feldhoff, Vorsitzender des Bundesausschusses Leistungssport im Deutschen Sportbund, drückt seine Freude gewöhnlich mit gewählten Worten aus. Aber auch er kam diesen Winter mit dem Zählen der Medaillen kaum hinterher: „Fantastisch. Das Gesamtergebnis ist nicht zu übertreffen“. Deutsche Sportler sammelten insgesamt 35 Medaillen (13 Gold / 13 Silber / 9 Bronze).
Die Siegesserie ging quer durch Eis und Schnee. Man könnte frei nach Günter Jauch ein Ratespiel machen. Welche der folgenden Weltmeisterinnen gewann im Jahr 2001 zwei Goldmedaillen? a) Sylke Otto, b) Gunda-Niemann, c) Martina Ertl oder d) Kati Wilhelm?
Hätten Sie es gewusst? Es war die „alte Dame“ des Eisschnelllaufens, Gunda Niemann-Stirnemann, die weder über 3.000 Meter, noch über 5.000 zu schlagen war. Die anderen haben „nur“ je einmal Gold gewonnen im Rodeln, Skifahren oder beim Biathlon. Dabei ist die Aufzählung noch nicht mal vollständig. Auch Anni Friesinger und Monique Garbrecht waren auf ihren Spezialstrecken nicht zu schlagen.
Siegertypen mit Sinn für Humor
Ebenso erfreulich: Die Herren stehen den Frauen nicht nach. Ein Skisprung und gute 19 Minuten Langlauf haben die Renaissance der deutschen Kombinierer vollendet: Marco Baacke nennt sich seitdem Weltmeister in der nordischen Kombination.
Die Außenseiter Andre Florschütz und Torsten Wustlich gewannen den Doppel-Sitzer-Wettkampf im Rodeln. Christoph Langen fuhr die Bob-Konkurrenz mit einem oder drei Beifahrern gleichermaßen in Grund und Boden. Über allen schwebte wie schon in den Jahren zuvor Martin Schmitt: Zwei Goldene, eine Bronzene schmückten seinen Hals.
Nebenbei überzeugten die deutschen Siegertypen mit Lebenslust und Teamgeist: „So eine harmonische und erfolgreiche deutsche WM-Vertretung habe ich noch nie erlebt. Wir sind auf einem sehr guten Weg für Olympia“, bewertete Sportwart und Mannschafts-Leiter Detlef Braun das erfolgreiche deutsche WM-Abschneiden bei den Nordischen Skispielen. Besonders gut gefiel die Verteilung der Medaillen auf Skispringer, Langläufer und Kombinierer.
Deutschland bei Olympia auf dem Treppchen
„Das Ergebnis berechtigt zu der Hoffnung, dass wir ähnlich gut wie in Lillehammer und Nagano (12 / 9 / 8) abschneiden werden“, sagte Walter Tröger, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland. „Das NOK wird alles tun, um sie optimal zu unterstützen. Aber die Leistungen müssen die Athleten erbringen.“
Als „gebranntes Kind“ wollte sich auch Feldhoff trotz der eindrucksvollen vorolympischen Bilanz nicht zu der Aussage verleiten lassen, dass das deutsche Team am Ende der Salt Lake City-Spiele vom 8. bis 24. Februar 2002 wieder - wie in Nagano erstmals in der Geschichte der Winterspiele - an der Spitze des Medaillenspiegels steht. „Ein Platz unter den ersten drei ist realistisch, nach vorne ist alles offen“, meinte der Leistungssport-Chef, der mit seiner auf der Basis der Vorjahres-Ergebnisse erstellten Prognose für die Sommerspiele in Sydney auf die Nase gefallen war. In Russland und den USA, „wenn sich die Amerikaner so weiter steigern wie vom letzten auf diesen Winter“, sieht Tröger die größten deutschen Rivalen im Rennen um die olympische Nummer eins.
Obwohl bei den ausstehenden Welt-Titelkämpfen dieser Saison in Eiskunstlauf, Eishockey und Curling keine entscheidende Verbesserung zu erwarten ist, steht für Feldhoff fest: „Wenn wir die Ergebnisse dieser Saison im nächsten Jahr in Salt Lake City bestätigen, wird das dem gesamten deutschen Sport gut tun.“