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Wimbledon-Sieg 1985 : Boris Becker und die Geburt eines Gladiators

Ein Triumph wie eine Gelddruckmaschine für den damals 17 Jahre alten Leimener Bild: Picture-Alliance

Vor 30 Jahren veränderte Boris Becker in Wimbledon die Sportwelt. Sein erster Sieg geht nicht nur in die deutsche Geschichte ein. Becker wird zum weltweiten Popstar – mit allen Risiken und Nebenwirkungen für sein späteres Leben.

          Es sind nicht mehr als ein Dutzend Journalisten anwesend in dem kleinen Interviewraum, der in den Katakomben unter dem Centre Court liegt. Neben ein paar deutschen Reportern sind auch einige englische Kollegen dabei, die mal einen Blick auf dieses deutsche Wunderkind werfen wollen. Die Starschreiber der englischen Zeitungen sind dagegen auf ihren Plätzen geblieben, jene, die sich den Status des „Chief Tennis Writer“ erworben haben oder sich, noch etwas vornehmer, „Senior Tennis Writer“ nennen dürfen.

          Sie sind ja selbst Stars oder fühlen sich zumindest so, wie etwa Rex Bellamy von der hochangesehenen, dem Traditionellen verbundenen „Times“. Über ihn heißt es, er arbeite nur mit weißen Handschuhen und goldener Feder, und dazu lasse er sich von einer Art Balljungen Getränke reichen. Bellamy besucht keine Talente bei ihren Gesprächen mit der Presse.

          Warum hätten sie sich auch in diesen kleinen Raum drängeln sollen? Das Gerede um diesen jungen Mann würde sich in ein paar Tagen erledigt haben. Noch nie hatte ein ungesetzter Spieler (eine Setzliste war 1927 eingeführt worden, 1985 wurden nur 16 Spieler gesetzt, heute sind es 32) diese Veranstaltung gewonnen. Gewiss, schon neunmal war einer, den niemand auf der Rechnung hatte, bis ins Finale vorgestoßen, aber gewonnen hatte keiner von ihnen, nicht einmal einen einzigen Satz.

          Und die Worte des Südafrikaners Johan Kriek waren doch wohl eine pure Übertreibung, die man nicht weiter unterstützen sollte. Wenn Boris Becker so weitermache, hatte Kriek nach dem Vorbereitungsturnier im Queen’s Club gesagt, dann könne er Wimbledon gewinnen. Nun, diesen verbalen Ausrutscher konnte man entschuldigen, Kriek dürfte noch unter den Auswirkungen seiner 2:6- und 3:6-Niederlage im Finale gegen Becker gestanden haben. Aber dies hier war Wimbledon, nicht der Queen’s Club, dies war das bedeutendste Tennisturnier der Welt.

          Mit dem Rolls Royce zu Boris Becker

          Ion Tiriac, der Manager dieses erst 17 Jahre alten deutschen Teenagers, konnte der Aussage von Kriek mehr abgewinnen. An Ostern 1984 war er mit einem Rolls Royce – gemietet, wie er später verraten sollte – vor dem Haus der Familie Becker in Leimen vorgefahren und hatte die Eltern überzeugt, dass sie ihren Sohn besser ihm und nicht der amerikanischen Vermarktungsagentur von Mark McCormack anvertrauen sollten.

          Tiriac versprach eine Rundum-Betreuung. Mit seinem alten Schulkollegen Günther Bosch, der die sichere Stelle des Jugend-Bundestrainers aufgab, hatte er einen persönlichen Trainer für Becker engagiert. Dieses Engagement schien nun die Früchte einzubringen, die Tiriac sich versprochen hatte. Becker gehörte so gerade zu den besten 200 Spielern der Welt, als er ihn unter Vertrag genommen hatte. Nach dem Sieg im Queen’s Club war er auf Platz 20 angekommen.

          Plötzlich warf sich ein Tennisspieler in die Bälle wie ein Fußballer beim Flugkopfball
          Plötzlich warf sich ein Tennisspieler in die Bälle wie ein Fußballer beim Flugkopfball : Bild: dpa

          Der Rumäne, mit allen Wassern des Tennisgeschäftes gewaschen, hatte mal wieder den richtigen Riecher bewiesen. Noch mehr aber galt das wohl für einen englischen Immobilienmakler, der nach Beckers Sieg im Queen‘s Club 10.000 Pfund auf einen Triumph des Deutschen in Wimbledon gesetzt hatte.

          Bei einer Quote von 18:1 zu Turnierbeginn sollte er am Ende rund 180.000 Pfund (umgerechnet damals circa 720.000 DM), und damit mehr als der Turniersieger (rund 520.000 DM) erhalten. Aber das konnte damals, am Tag vor dem Turnier, natürlich niemand ahnen. Und auch nicht, dass eine Zeitenwende bevorstand, dass die folgenden beiden Wochen schließlich historisch enden würden, dass sie die deutsche Sportszene verändern und auch von größter Bedeutung für Wimbledon werden sollten.

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