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F.A.Z. Woche : Spiel, Satz, Pleite?

  • -Aktualisiert am

Über seine Anwälte ließ Boris Becker ausrichten, er sei keineswegs zahlungsunfähig. Bild: dpa

Vielen internationalen Spitzensportlern fällt es schwer, nach dem Karriereende das Vermögen zusammenzuhalten. Boris Becker ist nicht der einzige unter ihnen, der in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist.

          Boris Becker bankrott? Dass ein Londoner Konkursgericht gegenüber dem ehemaligen Weltklasse-Tennisspieler eine „bancruptcy order“ verhängt hat, sorgte für jede Menge Wirbel. Dabei bedeutete das Urteil nur, dass Becker Schulden bei einer Privatbank nicht innerhalb einer gesetzten Frist beglichen hatte. Britische Medien bezifferten die Verbindlichkeiten auf rund drei Millionen Pfund. Becker ließ über seine Anwälte ausrichten, er sei keineswegs zahlungsunfähig und könne das Darlehen „binnen eines Monats in voller Höhe“ zurückzahlen.

          Damit stünde er wesentlich besser da als viele andere frühere Spitzensportler, die tatsächlich pleite gegangen sind. Denn Preisgelder in Millionenhöhe und hochdotierte Werbeverträge schützen mitnichten davor, nach der aktiven Zeit in finanzielle Schieflage zu geraten. Die Beispiele dafür sind Legion. Der schwedische Tennisspieler Björn Borg etwa, der fünfmal Wimbledon gewonnen hat, meldete 1996 Insolvenz an, nachdem er mit mehreren Fehlinvestitionen sein Vermögen in Höhe von 80 Millionen Dollar durchgebracht hatte.

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          Der englische Kult-Fußballer Paul Gascoigne wurde durch seine Spielsucht und Steuerschulden in den finanziellen Ruin getrieben; er war lange Zeit alkoholabhängig. Und der amerikanische Profiboxer Mike Tyson verlor gar 400 Millionen Dollar wegen seines zu pompösen Lebensstils. Der Mann mit dem einprägsamen Gesichts-Tattoo, der 1997 seinem Gegner Evander Holyfield bei einem Kampf ein Stück von dessen Ohr abbiss, hielt sich bengalische Tiger als Haustiere und schaffte es einmal, binnen nur einer Stunde Schmuck im Wert von einer halben Million Dollar zu kaufen – für seine Freunde. Gut 400.000 Dollar gingen für eine einzige Geburtstagsparty drauf, 65.000 Dollar für einen Fahrservice, weil er sich nicht selbst ans Steuer setzen wollte. Tysons Kommentar dazu? „Nur Sex macht so viel Spaß wie Geldausgeben.“

          Den ehemaligen Basketball-Stars Dennis Rodman und Allen Iverson erging es wirtschaftlich nicht besser. Der mittlerweile völlig abgebrannte Rodman verprasste die gesamten 30 Millionen Dollar, die er noch als Spieler verdient hatte, mit wilden Partys und extravaganten Anschaffungen. Zwischenzeitlich hielt er sich nur von Antrittsgeldern bei Supermarkteröffnungen und dergleichen über Wasser. Zuletzt machte er durch Besuche bei dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un von sich reden. Wohl auch, um weiterhin in der medialen Öffentlichkeit präsent zu sein. Iverson verpulverte nach dem Ende seiner Karriere im Jahr 2010 sogar mehr als 200 Millionen Dollar. Seine Liebe zu sündhaft teuren Autos, Designerkleidung und Schmuck wurde dem Amerikaner zum Verhängnis. Statt das jährliche Einkommen in Höhe von 750.000 Dollar, das später durch Werbeverträge zustande gekommen war, zu investieren, gab er es mit beiden Händen aus.

          Warum kommt es zu solchen finanziellen Negativkarrieren? Spitzensportler definieren sich vor allem in den Vereinigten Staaten über ihr Ego. Der Konkurrenzkampf wird auch abseits des Platzes geführt – unter anderem mit der Hilfe von Luxusgütern. Der amerikanische Fernsehsender ESPN fand heraus, dass sich 78 Prozent aller Spieler der höchsten Football-Liga NFL innerhalb von zwei Jahren nach ihrem Karriereende in großen finanziellen Schwierigkeiten befänden oder sogar völlig mittellos seien. Für die Basketball-Liga NBA gelte dasselbe. 60 Prozent der Spieler sollen fünf Jahre nach ihrem Karriereende mit leeren Händen dastehen.

          Auch in Deutschland sind solche Fälle keine Seltenheit. Der ehemalige Fußball-Nationaltorhüter Eike Immel musste 2008 Privatinsolvenz anmelden, nachdem er jahrelang zu viel Geld für die falschen Dinge ausgegeben hatte, wie er später einräumte. Teure Autos, hohe Flug- und Telefonkosten im fünfstelligen Bereich während seiner Zeit als Torwarttrainer in Istanbul, eine Wettleidenschaft und dubiose Steuersparmodelle: Der deutsche Meister von 1992 sah sich sogar gezwungen, ins „Dschungelcamp“ des Privatsenders RTL zu ziehen. Das Honorar in Höhe von 70.000 Euro kassierte der Insolvenzverwalter. Selbst eine Kapitalanlage in Höhe von rund 1,2 Millionen Euro, ursprünglich zur Altersvorsorge gedacht, hat er verschleudert.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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          Ein ähnliches Schicksal erlitt auch die frühere Tennisspielerin Claudia Kohde-Kilsch. Die inzwischen 53 Jahre alte Saarländerin, die 1988 in Seoul mit Steffi Graf Olympia-Bronze im Doppel gewonnen hatte und heute Fraktionsvorsitzende der Partei „Die Linke“ im Saarbrücker Stadtrat ist, verlor durch fehlerhafte Beratung, wie sie sagt, fast ihr gesamtes Vermögen, darunter knapp zwei Millionen aus Preisgeldern. 2011 blieb für die ehemalige Viertplazierte der Weltrangliste nur die Privatinsolvenz. Dieter Eckstein, der für den 1. FC Nürnberg 189-mal in der Bundesliga spielte, war elf Jahre zuvor aufgrund undurchsichtiger Immobiliengeschäfte in die Schuldenfalle geraten. Letzter Ausweg: Insolvenz.

          Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) verweist auf die jüngste, vier Jahre alte Statistik: Demnach sind 26 Prozent der deutschen Fußball-Profis am Ende ihrer Karriere verschuldet oder pleite. Verletzungen, Scheidungen, Unterhaltszahlungen, Spielsucht, Depression, unredliche Berater, fehlende berufliche Perspektiven jenseits des Sports: Die Gründe für den finanziellen Niedergang sind so unterschiedlich wie vielschichtig.

          Mancher Sportler schreckt in der Not auch nicht mehr davor zurück, sein Allerheiligstes zu Geld zu machen – wie die frühere Spitzenschwimmerin Sandra Völker. Nach ihrer Karriere hatte sie an gesundheitlichen Problemen gelitten und beruflich nicht recht Fuß gefasst. Bald türmten sich Schulden im sechsstelligen Bereich. Rettung brachte das Internet. Dort versteigerte sie vor drei Jahren ihre Olympiamedaillen sowie weitere Devotionalien aus ihrer Karriere. Die Erinnerungsstücke aus der ruhmreichen Vergangenheit loszulassen war der erste Schritt aus der Insolvenz.

          Quelle: F.A.Z. Woche

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