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Tennis in Wimbledon : Federer ist der geschlagene Maestro

Aus und vorbei: Roger Federer scheitert in Wimbledon. Bild: AP

Roger Federer verliert in Wimbledon gegen Kevin Anderson. Dabei hatte der Schweizer eine Führung von zwei Sätzen und einen Matchball. Doch abtreten will der König des Rasentennis nicht.

          Dass Roger Federer bis zum Ende seiner Karriere jedes Spiel in Wimbledon gewinnen würde, war kaum anzunehmen. Aber, wer würde es sein, der ihm die erste Niederlage nach seinen letzten beiden Triumphen beibringt? Rafael Nadal? Oder Novak Djokovic? Oder einer der jungen Wilden?

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Am Ende war es ein Außenseiter, der Federers Siegeszug auf dem heiligen Rasen stoppte. Kevin Anderson, seit 2004 Profi, machte am Mittwoch das Spiel seines Lebens. Nach 4:13 Stunden verwandelte der 32 Jahre alte Südafrikaner seinen ersten Matchball und bezwang den achtmaligen Wimbledonsieger im Viertelfinale 2:6, 6:7 (5:7), 7:5, 6:4, 13:11. Anderson galt vor dem Turnier durchaus als einer der Herausforderer des Establishments. Je länger seine Karriere währt, desto besser wird der Südafrikaner. 2017 erreichte er bei den US Open das Endspiel, das er dann gegen Rafael Nadal verlor. Aber der ganz große Coup wurde ihm bisher nicht zugetraut. Dafür hing sein Spielglück zu sehr von seinem Aufschlag ab.

          Der war auch im Viertelfinale gegen Federer seine stärkste Waffe. Aber Anderson schaffte es überraschender Weise, auch in längeren Ballwechseln mitzuhalten. „Ich fühle mich gerade schrecklich“, sagte Roger Federer eine knappe Stunde nach der Niederlage vor den Medien. Aber der 36 Jahre alte Schweizer sah gar nicht so aus. Wie auf dem Court Number One wahrte der achtmalige Champion seine Fassung auf die perfekte Art. Wie aus dem Ei gepellt und nicht wie ein angeschlagener Boxer beantwortete er die Fragen. Die drängendste lautete: War die Niederlage der Fitness geschuldet, nagt langsam der Zahn der Zeit an ihm? Federer verneinte: „Ich fühlte mich gut, das Spiel war auch nicht so anstrengend, fünf Sätze, sind nicht gleich fünf Sätze.“ Das ganze Turnier habe er sich gut und spritzig gefühlt. „Es war heute eben jener Tage, an denen es nicht richtig läuft, an denen man den Ball nicht richtig fühlt. Da muss man eben irgendwie durchkommen. Das habe ich nicht geschafft.“

          Einen Satz lang demonstrierte Federer die Form, die ihn zuvor ausgezeichnet hatte. In den ersten vier Runden hatte er keinen Satz abgegeben und dazu noch nicht mal die Unbequemlichkeit eines Tie-Breaks auf sich nehmen müssen. Doch nach dem 6:2 verlor er ein wenig seinen Rhythmus, streute ungewohnt viele Fehler ein und war weit davon entfernt, die Begegnung unter Kontrolle zu halten. Den Tie-Break des zweiten Satzes gewann der Schweizer noch und im dritten Durchgang erkämpfte er beim Stand von 5:4 einen Matchball. Aber als Anderson diesen unheilvollen Moment überstanden hatte, stärkte das sein Selbstvertrauen so sehr, dass er sich noch einmal steigerte. Der Südafrikaner entschied den dritten und vierten Satz für sich und hielt auch im fünften trotzig dagegen, als sich Federer wieder gefangen hatte und sich kleine Chancen erarbeiten konnte, Anderson den Aufschlag abzunehmen. Es reichte aber nur für einen Breakball, den der Außenseiter mit einem Aufschlag-Winner sicher abwehrte.

          „Ich konnte das Spiel von der Grundlinie nicht so gestalten wie ich wollte und mir hat der Punch gefehlt, um einen Ballwechsel schnell zu beenden“, analysierte Federer seinen Weg in die Niederlage. Dennoch habe er sich keine Sorgen gemacht. „Auch bei 10:10 war ich nicht beunruhigt. Ich sagte mir nur, du musst dran bleiben, ein bisschen Glück bei seinen Aufschlägen haben dann wird es schon klappen. Aber dann war es der Maestro, der einmal zu viel patzte. Beim Stand von 11:11 beging er seinen ersten Doppelfehler, der Anderson einen Breakball eröffnete.

          Und Sekunden später spielte Federer den Return des Südafrikaners ins Netz – 11:12. Anderson brachte daraufhin seinen Aufschlag ganz sicher durch. Federer mochte danach nicht von einer schlechten Leistung sprechen. „Es war Durchschnitt. Jedes zweite Spiel spiele ich durchschnittlich, aber zwischendurch steigere ich das Niveau. Das war heute der Unterschied. In den wichtigen Momenten habe ich nicht zulegen können wie sonst. Ich hatte auch heute meine Chancen. Es ist wie im Fußball. Wenn man das Tor nicht schießt, bekommt man eins herein.“

          Diese Erfahrung hat Federer noch nicht oft machen müssen. Die letzten sechs Fünfsatzmatches hatte er alle gewonnen. Das letzte Mal, dass er eine Begegnung nach 2:0-Fürhung verlor, liegt sieben Jahre zurück. Es ist ihm jetzt zum fünften Mal unterlaufen. „Das ist wenig, aber immer noch zu viel“, meinte Federer mit einem Grinsen. Niemand wagte das Tennis-Idol nach seinem Rücktritt zu fragen. Dazu wirkte er zu viril und kämpferisch. Aber er hatte auch ohne gefragt zu werden, die Sache schon geklärt: „Mein Ziel ist es, im nächsten Jahr zurückzukehren.“ Der König von Wimbledon hat noch nicht abgedankt, er hat sich nur kurz von seinem Thron erhoben.

          Nadal verhindert Aus in Wimbledon

          Nach dem Scheitern von Titelverteidiger Roger Federer hat French-Open-Gewinner Rafael Nadal sein Viertelfinal-Aus in Wimbledon gerade noch abgewendet. Der spanische Tennisprofi setzte sich am Mittwoch in London gegen den Argentinier Juan Martin del Potro in fünf Sätzen mit 7:5, 6:7 (7:9), 4:6, 6:4, 6:4 durch und zog erstmals seit 2011 ins Halbfinale des Rasenturniers ein. Der Weltranglisten-Erste Nadal trifft nun am Freitag auf den serbischen Tennisprofi Novak Djokovic. Im zweiten Halbfinale bekommt es der Südafrikaner Kevin Anderson mit John Isner zu tun. Der Amerikaner gewann 6:7 (5:7), 7:6 (9:7), 6:4, 6:3 gegen den Kanadier Milos Raonic. (dpa)

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