http://www.faz.net/-gtl-8iox8

Tennis in Wimbledon : Federers liebevolles Traumszenario

  • -Aktualisiert am

Schlägt in Wimbledon wieder auf: Roger Federer Bild: dpa

Der Schweizer Tennisprofi ist schneller als erhofft wieder genesen und fühlt sich fit für Wimbledon. Ein Sieg wäre schön – aber nicht das Maß aller Dinge.

          Es war der erste Sonntag im Juli 1998, und auf Court 2 spielten hoffnungsvolle Junioren. Der eine war 16 Jahre alt, kam aus der Schweiz und galt als großes Talent. Er hatte auf dem Weg ins Finale keinen Satz abgegeben, und er dominierte auch dieses letzte Spiel. Am Ende hielt er einen Silberpokal in der Hand, der in der Form jenem mit Gold überzogenen Pokal ähnelt, den die Großen in Wimbledon gewinnen. Idole wie Pete Sampras, der die Trophäe an diesem Sonntag Luftlinie 100 Meter entfernt zum fünften Mal gewann.

          Kaum glaubliche 18 Jahre ist das her, und hätte man dem stolzen Juniorensieger damals gesagt, er werde nicht nur einen, sondern wie der von ihm bewunderte Amerikaner sieben Titel bei diesem Turnier aller Turniere gewinnen, er hätte einen mit ziemlicher Sicherheit für verrückt erklärt. Sampras galt lange als Maß der Dinge in Wimbledon, so wie zuvor Björn Borg, und in vielerlei Hinsicht hat Roger Federer diese Rolle übernommen.

          Gewinnt er am Montag zum Auftakt gegen den Argentinier Guido Pella, wird es sein 80. Sieg bei den All England Championships sein. In der fast 140 Jahre währenden Geschichte des Turniers gibt es einen einzigen Spieler mit mehr als 80 Siegen im Einzel, den Amerikaner Jimmy Connors (84). Landet Federer wie in den beiden vergangenen Jahren und zum insgesamt elften Mal im Finale, wird er mit 85 Siegen allein an der Spitze stehen.

          Das Turnier in Wimbledon hat inzwischen über 140 Jahre Tradition
          Das Turnier in Wimbledon hat inzwischen über 140 Jahre Tradition : Bild: dpa

          Aber wie realistisch ist diese Aussicht? Zum ersten Mal seit anno 2000 kam er ohne einen Titelgewinn in der ersten Hälfte des Jahres nach Wimbledon, nie machte er weniger Spiele in der Vorbereitungszeit. Die Meniskusoperation im Februar – Folge eines Unfalls im Bad nach seiner Niederlage im Halbfinale der Aus-tralian Open in Melbourne, als er seinen Töchtern Badewasser einlassen wollte – mag aus medizinischer Sicht Routine gewesen sein. Für Federer war es alles andere. Er sei Verletzungen einfach nicht gewohnt gewesen, sagte er kürzlich, auf dem Weg zur Operation und auch danach habe er Angst gehabt, das könne es gewesen sein.

          Beim Turnier in Miami Ende März wollte er sich zurückmelden, doch daraus wurde nichts, weil er sich kurz vorher einen Magenvirus einfing. Er spielte in Monte Carlo, in Madrid danach fiel er wieder aus – diesmal machte ihm der Rücken zu schaffen. Er spielte in Rom, doch danach verzichtete er auf den Start bei den French Open. Er sei nicht völlig fit, erklärte er, und in dieser Verfassung habe es keinen Sinn, in Paris zu spielen. So verpasste er zum ersten Mal seit 1999 ein Grand-Slam-Turnier.

          Zuletzt fehlte die Selbstverständlichkeit

          Beim Mercedes Cup in Stuttgart kehrte er zurück und verlor im Halbfinale wie schon zuvor in Rom gegen den Österreicher Dominic Thiem. Er spielte in der Woche darauf bei den Gerry Weber Open in Halle, erreichte wieder das Halbfinale und unterlag dem Deutschen Alexander Zverev. Es war nicht zu übersehen, dass ihm noch Sicherheit und Selbstverständlichkeit im Spiel fehlten, er selbst fand, es seien Kleinigkeiten. Aber die Tatsache, in zwei aufeinanderfolgenden Turnieren wettbewerbsfähig gewesen zu sein, machte ihm Mut. „Wenn ich vor drei Wochen gewusst hätte, dass ich sieben Matches in zehn Tagen spielen kann“, sagte er in Halle nach der Niederlage gegen Zverev, „hätte ich gesagt: Wow. Das ist ein Traumszenario.“

          Ganz in Weiß: Der Wimbledon-Look
          Ganz in Weiß: Der Wimbledon-Look : Bild: dpa

          Die Frage ist, in welche Wirklichkeit dieses Traumszenario führen wird. Vor seinem ersten Spiel steht nur eines fest: Sollte er das Finale erreichen, wird er diesmal nicht wie zuletzt und im Jahr davor Novak Djokovic begegnen. Der Titelverteidiger steht wie Federer in der oberen Hälfte des Tableaus, die beiden träfen diesmal also schon im Halbfinale aufeinander. Ist er schlagbar, dieser Djokovic? Ein paar Wochen nach dem Triumph bei den French Open mit dem ersten Titelgewinn? „Natürlich ist er schlagbar“, sagte Federer jüngst in einem Interview mit dem Londoner „Guardian“. „Im vergangenen Jahr hab ich ihn dreimal besiegt.“ Ja, aber das war in Dubai, Cincinnati und in der Vorrunde der ATP-Finals – und nicht bei einem Grand-Slam-Turnier. In Wimbledon, bei den US Open und zu Beginn dieses Jahres in Melbourne gewann er nicht, obwohl Djokovic kleine Schwächen zeigte.

          Er weiß, dass die Leute Schlüsse daraus ziehen, aber er sagt, die Zweifler verstünden einfach nicht, worum es ihm gehe. „Ich muss keine drei Grand-Slam-Turniere im Jahr gewinnen, um zufrieden zu sein. Falls mein Körper nicht mehr mitmacht, falls mein Kopf nicht mehr will, falls meine Frau genug hat und meine Kinder nicht mehr wollen – dann höre ich morgen auf. Null Problem. Aber ich liebe Tennis so sehr, dass es mir egal ist, wenn ich nicht mehr so viel wie früher gewinne.“ Was nicht heißt, dass diese Liebe nicht noch einen Tag mit dem goldglänzenden Pokal vertragen könnte.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Eine Bühne, 5 Präsidenten Video-Seite öffnen

          Vereinigte Staaten : Eine Bühne, 5 Präsidenten

          Barack Obama, George W. Bush, dessen Vater George, Bill Clinton und Jimmy Carter waren in College Station in Texas zusammengekommen, um gemeinsam mit Künstlern Geld zu sammeln. Damit soll den Opfern geholfen werden, die durch die verheerenden Stürme der letzten Monate geschädigt wurden, 31 Millionen US-Dollar kamen zusammen.

          Topmeldungen

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.